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DRESDEN / Semperoper: CHRISTIAN THIELEMANN MIT ALLEN VIER SYMPHONIEN ROBERT SCHUMANNS IM 2. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN

18.10.2018 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper:  CHRISTIAN THIELEMANN MIT ALLEN VIER SYMPHONIEN ROBERT SCHUMANNS IM 2. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 17.10.2018

„Das Phantastische, das Poetische und die Abgründe des Biedermeier liegen dem Orchester besonders gut; diese Musik ist Teil der Kapell-Seele“, sagte Christian Thielemann im Vorfeld des Robert-Schumann-Zyklus der Sächsischen Staatskapelle Dresden in Form des zweigeteilten 2. Symphoniekonzertes, bei dem er an zwei Abenden die „1. und 2. Symphonie“ (13./14.10) und an zwei weiteren Abenden die „Symphonien Nr. 3 und 4 (17./18.10.) leitete, bevor es auf Gastspielreise mit diesem Programm nach Peking, Guangzhou, Macau und Tokyo geht.

Zur „1. Symphonie“, der „Frühlingssymphonie“, hat die Kapelle ein ganz besonderes Verhältnis. Sie spielte den 2. Satz (Larghetto) bei der Trauerfeier für Giuseppe Sinopoli (2001) unter Colin Davis neben dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms, denn Sinopoli hatte bei einer Probe gesagt: „Wenn ich einmal sterbe, dann spielt das für mich“. Keiner ahnte damals, wie schnell ihn der Tod ereilen würde.

Die gesamte Symphonie dirigierte dann Thielemann, einst Sinopolis Assistent und Korrepetitor, der mehrfach seine Lebenslinien kreuzte (Berlin, Bayreuth) im Gedenkkonzert zum 10. Todestag Sinopolis (2011) in der Dresdner Lukaskirche. Jetzt stand die Symphonie zum zweiten Mal unter seiner Leitung auf dem Programm.

Das Konzert mit der 3. und 4. Symphonie wurde zum musikalischen Ereignis (die beiden anderen Symphonien konnte ich leider nicht hören). Thielemann und die Sächsische Staatskapelle begannen die „Symphonie Nr. 3 Es‑Dur (op. 97), die „Rheinische“, mit genialem Schwung, der sofort eine erwartungsvolle Spannung aufbaute, die nicht enttäuschte, im Gegenteil, die Erwartungen wurden noch übertroffen. Die Musiker folgten ihrem Maestro in jeder Phase mit knisternder Spannung und großer Aufmerksamkeit, jedes Kapellmitglied hatte den Willen, sein Bestes zu geben. Beide Seiten hatten die jeweilige Symphonie mit jedem ihrer Sätze in ihrer spezifischen Art musikalisch und emotional bis in die geistigen Tiefen erfasst. Die sehr zuverlässigen Bläser spielten nicht nur sehr sauber, sondern mit viel Leidenschaft, an der Gefühls- und Geisteswelt der Romantik orientiert. Bei so sauberem Spiel fällt dann naturgegeben auch der leiseste „Kiekser“ auf, selbst wenn er sehr schnell und gut abgefangen wird, aber was sind solche Kleinigkeiten gegen die vielen wunderbaren Passagen des gesamten Bläseraufgebotes und der wunderbaren Soli.

Die gesamte Aufführung dieser Symphonie verströmte genau so viel Temperament, wie es der Empfindungswelt der Entstehungszeit dieser Symphonie entspricht und auch einen Hauch Romantik, der mit der Architektur des in seinen größten Abmessungen aufgebauten „Konzertzimmers“ von Gottfried Semper stilistisch harmonierte. Sehr feinsinnige Passagen wechselten mit besonders klangschönen, romantischen, gefühlsbetonten, die sich in den Piano– und Pianissimo-Passagen mit besonderer Schönheit entfalteten. Durch ein relativ zügiges Tempo ragte die, man ist geneigt zu sagen „authentische“ Wiedergabe aber auch in die Jetztzeit hinein.

Ganz anders hingegen erschien, ihrem Charakter entsprechend, die „Symphonie Nr. 4 d‑Moll“ (op. 120). Hier setzte Thielemann sehr auf Temperament und Monumentalität und arbeitete emotionsgeladen die Kontraste heraus. Die Kapelle setzte seine Intentionen mit Hingabe und Akribie bis in die kleinste, liebevoll gestaltete Nuance um – eine geniale, mitreißende, mit den hinreißenden Bläser-Soli grandiose Wiedergabe, wie sie nur selten in so hohem Maße zu erleben ist, woran Christian Thielemann und der 1. Konzertmeister (Roland Straumer) wesentlichen Anteil hatten, aber auch jeder einzelne Orchestermusiker – eine „verschworene“ Gemeinschaft ganz im Dienste der Musik.

Zeitgleich mit dem Schumann-Zyklus wurde im Foyer der Semperoper (13.10.) eine vom Historischen Archiv der Sächsischen Staatstheater kuratierte Ausstellung mit dem Titel: „Gestatten: Franz Schubert aus Dresden“ eröffnet, ein Titel, der zu doppelten Verwechslungen führen könnte. Es handelt sich hier nicht um den allen wohlbekannte Wiener Franz Schubert, sondern eine Dresdner Künstlerfamilie, deren Mitglieder über 150 Jahre u. a. als Musikmeister, Konzertmeister und Sängerinnen an Hoftheater und Hofkapelle im kulturellen Leben Dresdens verankert waren und europaweit Kontakte zu bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten, so auch zu Robert Schumann, pflegten, womit eine mittelbare Beziehung zu diesem Zyklus gegeben war.

Die Namensgleichheit des „ersten“ Dresdner Franz Schubert führte zu kuriosen Verwechslungen, weshalb er sich 1817 dagegen verwahrte, der Komponist des „Erlkönig“ zu sein, aber der Name Franz Schubert wurde dennoch in über drei folgenden Generationen bis in die 1960er Jahre hinein weitergetragen (auch gegenwärtig spielt ein Franz Schubert in der Sächsischen Staatskapelle und war auch bei diesen Konzerten mit dabei).

In dieser Ausstellung gibt es auch nette Details, z. B. über das tragikomische Schicksal der Stradivari-Geige des 1. Konzertmeisters der Dresdner Kapelle, eines Dresdner Franz Schubert, der sich versehentlich auf die letzte von 12 echten Geigen, die der Meister speziell für die Dresdner Hofkapelle gefertigt hatte, gesetzt haben soll. Jetzt erklingt sie wieder im Konzert, liebevoll restauriert.

 Ingrid Gerk

 

 

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