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DRESDEN/ Semperoper: 8. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – DAS TRADITIONELLE „PALMSONNTAGSKONZERT“

22.03.2016 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: 8. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – DAS TRADITIONELLE „PALMSONNTAGSKONZERT“ – 20./21. 3. 2016

Seit Francesco Morlacchi, 1811–1841 Hofkapellmeister der Dresdner Hofkapelle, jetzt Sächsische Staatskapelle Dresden, die Palmsonntags-Konzerte ins Leben rief, sind sie – meist mit einer Aufführung der IX. Symphonie von L. v. Beethoven – zu einer festen Tradition geworden.

Seit Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle seit 2013 bei den Osterfestspielen in Salzburg stark engagiert sind, gibt es für die Palmsonntagskonzerte eine neue Tradition. Reinhard Goebel, Bahnbrecher für die verstärkte Wiederaufführung von Musik der Barockzeit in Deutschland und leidenschaftlicher Musikforscher, führt mit den „daheimgebliebenen“ Orchestermitgliedern und Spezialisten für Alte Musik Werke der Barockzeit auf, auch gern mit Bezug zu Dresden.

In diesem Jahr stand eine sehr kunstsinnige Persönlichkeit der Dresdner Geschichte im Mittelpunkt, die musikliebende Habsburgerin Maria Josepha, die als Gemahlin des Sächsischen Kurfürsten und Königs von Polen, August III. (Schwiegertochter Augusts des Starken) in Dresden lebte und hier ihre Spuren hinterließ. Für sie schrieb Johann Sebastian Bach anlässlich ihres Geburtstages die Kantate „Tönet, ihr Pauken! Erschallet Trompeten!“ (BWV 214). Nach seinem Tod komponierte sein Schüler Johann Ludwig Krebs (1713-1780) später (1757) das „Oratorio funebre anlässlich des Todes der Königin Maria Josepha von Polen-Sachsen (Krebs-WV 100).

Beide Werke für Solisten, Chor und Orchester wurden ergänzt durch zwei rein instrumentale Concerti, das 1720 entstandene, mit schöner Klarheit musizierte Concerto funebre B‑Dur“ (RV 579) von Antonio Vivaldi, dessen Beziehungen zur Dresdner Kapelle damals sehr eng waren, und ein „Concerto grosso“ von Georg Philipp Telemann.

Das zwischen den beiden Vokalwerken gespielte „Concerto grosso“ D‑Dur zur Serenata „Deutschland blüht und grünt im Frieden“ (TWV 21:1c) von Telemann ließ einmal mehr die Qualitäten der Kapellmitglieder spüren, wenn auch die sehr sauberen Bläser durch das von Goebel angeschlagene Tempo, das auch minimale Taktungenauigkeiten hervorrief, etwas hart klangen und die Musiker nicht in gewohnter, voller Klangschönheit dem sehr festlichen Charakter dieser Musik mit seiner musikalischen Opulenz, fast G. F. Händels „Concerti crossi“ vergleichbar, wie sonst gerecht werden konnten. Wenn auch das Tempo etwas übereilt erschien und sich der Nachklang der Instrumente nicht selten überlagerte, fielen doch die sehr guten Streicher und die sehr schöne Oboe auf.

Barockmusik sollte „genussreich“ klingen. Man sollte nicht vergessen, dass das Barockzeitalter auch harte Zeiten mit Krieg usw. in sich barg und Prunk und Genuss nur der Gegenpol waren. Die Musik sollte auch an den Fürstenhöfen zur schöngeistigen Entspannung dienen. Abgesehen davon, dass die Musiker damals, auch wenn sich die Fürsten die besten der Zunft leisten konnten, nicht die fundierte Ausbildung haben konnten wie die heutigen Musiker, die allen Anforderungen gewachsen sind, dürfte das Empfinden in der Barockzeit anders gewesen sein, was aus Malerei, bildender Kunst, Architektur usw. hervorgeht. Barockmusik sollte ihre Klangpracht in angemessenem Tempo voll entfalten können.

Bei den Vokalwerken wirkte der Dresdner Kammerchor (Einstudierung: Michael Käppler) mit. Der relativ kleine Chor sang stimmgewaltig, wobei die Stimmen zunächst etwas hart wirkten, aber exakt. Entgegen der chronologischen Lebensdaten von Maria Josepha erklang die Trauermusik von J. L. Krebs vor der großbesetzten Geburtstagkantate, die J. S. Bach für sie schrieb, die Komposition des Schülers vor der des großen Lehrmeisters, was verständlicherweise in Bedeutung und unterschiedlichem Umfang der Werke begründet war und darin, dass das eindrucksvollste Werk den Höhepunkt und Abschluss bilden sollte.

Sehr klangschön und ausgeglichen gelang das „Oratorio funebre … für Alt, Tenor, vierstimmigen Chor, 2 Oboen, Streicher und Bc“(Basso continuo) von J. L. Krebs, bei dem die Rezitative vom Cembalo aus begleitet wurden. Anke Vondung sang die Altpartie mühelos, mit langem Atem und sehr schöner, geschmeidiger Stimme, dem Werk entsprechend, edel, klar und ungekünstelt und mit sehr viel natürlicher Anmut. Daniel Johannsen widmete sich der Tenorpartie ebenfalls mit sehr guter Technik, ausgezeichneter Textverständlichkeit und viel Gespür für die Musik der Barockzeit. Im Duett harmonierten beide Stimmen ideal miteinander und mit dem Orchester.

Bei Bachs Geburtstagskantate meinten wohl viele im Publikum das „Weihnachtsoratorium“ zu hören, aber die Kantate entstand bereits 1733, d. h. ein Jahr zuvor und stellt somit das „Original“ dar. Als Teil des „Weihnachtsoratoriums“, das Weihnachten 1734/Neujahr 1735 in der Leipziger Nikolai- und Thomaskirche aufgeführt wurde, wurde sie im „Parodieverfahren“, was damals durchaus üblich war, mit entsprechenden Text- und anderen Veränderungen versehen. Wer von den Leipziger Bürgern hätte auch die Musik, die im kleinen Kreis am Dresdner Hof aufgeführt worden war, schon kennen können?

Bei Goebels sehr raschem Tempo war auch hier schwer vorstellbar, dass im 18. Jh. so eilig musiziert wurde. Dadurch klang die Pauke hart, fast ein wenig „militant“, obwohl der ausgezeichnete Paukist besonders gute, der jeweiligen Komposition entsprechende, mit dem Orchester ganz konforme Akzente setzen und auch den Pauken die feinsten Töne abgewinnen kann.

Durch das rasche Tempo war auch der Text bei Chor und einigen Solisten schwer zu verstehen. Zu Anke Vondung und Daniel Johannsen, die ihre gesanglichen und gestalterischen Qualitäten auch hier einsetzten, gesellten sich als Solisten Anna Lucia Richter, die die flötenbegleitete Sopran-Arie mit sehr schlanker Stimme mühelos, klar und raumfüllend sang, und Stephan Genz, der sich um die gefürchtete, trompetenüberglänzte Bass-Arie bemühte, wobei mancher Ton und manches Wort „unterging“ und die Arie mehr andeutungsweise erschien. Den glänzenden Höhepunkt bildeten auch in dieser Kantate Anke Vondung mit ihrer innigen, „samtenen“ und wohlklingenden Stimme und die klangvolle Solo-Oboe bei der Arien-Begleitung.

Ingrid Gerk

 

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