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DRESDEN/ Semperoper: 5. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – Lionel Bringuier und Yuja Wang

15.01.2019 | Konzert/Liederabende


 Yuja Wang bei ihrer zweiten Zugabe. Infolge der Lichtreflexe erscheint ihr grell-gelbes Abendkleid hier leider „versilbert“. Foto: Semperoper

 

Dresden / Semperoper:  5. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 14.1.2019

Ein ungarisch orientiertes Programm prägte das 5. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, denn am 2.1. feierte der Capell-Compositeur dieser Saison, der Komponist, Dirigent und Pädagoge Peter Eötvös, seinen 75. Geburtstag, der von der Kapelle mit einem vierteiligen Porträtkonzert (11.1.) und außerdem in diesem Symphoniekonzert gefeiert wurde. Für das Porträtkonzert trat die Staatskapelle erstmals in dem, 1911 im Stile der Reformarchitektur für die Entwicklung des modernen Ausdruckstanzes errichteten Festspielhaus Hellerau auf, mit Eötvös als Dirigent eigener und ihn inspirierender Werke und im Gespräch.

Im 5. Symphoniekonzert erklangen eingangs seine „zeroPoints“ für Orchester und als Hauptwerk ihm zu Ehren das virtuose „Konzert für Orchester“ seines ungarischen Landsmannes Bela Bartók, dessen Musik er als seine „musikalische Muttersprache“ bezeichnet.

Dresden war für Eötvös die erste deutsche Stadt, die er in seinem Leben kennengelernt hat. Er kam, gerade mal ein Jahr alt, mit seiner Familie am 13.2.1945 nachmittags aus Ungarn an. In der Nacht wurde die Stadt bombardiert, aber die Familie hat glücklicherweise überlebt. Einen wesentlich erfreulicheren Bezug zur Stadt gibt es für das, zwischen den beiden ungarischen Werken aufgeführte, „Konzert für Klavier und Orchester a‑Moll“ (op. 54) von Robert Schumann, das 1845 in Dresden erfolgreich uraufgeführt und von der Kritik sehr gelobt wurde.

Die musikalische Leitung des Abends lag in den Händen des jungen französischen Dirigenten Lionel Bringuier, der die Sächsische Staatskapelle schon einmal 2006 in einem Aufführungsabend geleitet hat. Nach seiner Zeit als Assistenzdirigent beim Los Angeles Philharmonic und seiner Tätigkeit beim Cleveland Orchestra, Chicago Symphony Orchestra, London Symphony Orchestra und den Münchner Philharmonikern arbeite er als Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich (2014 bis 2018), wo er u. a. auch mit der Pianistin Yuja Wang, einer der großen Klaviervirtuosen ihrer Generation, zusammenarbeitete, die dort 2014/15 Artist in Residence war. Jetzt war sie die Solistin in Robert Schumanns Klavierkonzert. Sie debütierte bereits 2011 bei der Sächsischen Staatskapelle.

International ist sie bekannt für ihre auffälligen Outfits und glamouröse Bühnenpräsenz, aber noch mehr für ihr virtuoses und zugleich sensibles Klavierspiel. Da liegt der Verdacht nahe, dass das äußere Erscheinungsbild von Medien und Management für eine breite Publikumswirksamkeit forciert wird, denn ihr Auftreten verriet an diesem Abend eher Schlichtheit und Zurückhaltung, ganz auf die künstlerische Seite konzentriert.

Äußerlichkeiten sind bei einem guten Konzert zwar unwichtig, dennoch fragt man sich, warum sich die Musiker der Staatskapelle der Mühe unterziehen, im Frack zu spielen, wenn der Dirigent, auf den alle Blicke gerichtet sind, nur im schlichten Anzug erscheint. Da ist eine tolle Abendrobe wie Yuja Wangs langes, glitzerndes, gelbes Pailletten-Abendkleid doch eher ein Blickfang und unterstreicht den festlichen Charakter des Konzertes und letztendlich auch den Höreindruck, denn bis zum gewissen Grade „hört“ das Auge (bewusst oder unbewusst) auch mit.

Hier widmete sich die junge Pianistin ganz Schumanns Klavierkonzert, wobei sie nicht vordergründig die virtuose, sondern vor allem die poetische, romantische Seite zum Ausdruck brachte. Virtuosität gab es auch, sogar paukenschlagartig und in leidenschaftlicher Steigerung, aber nicht primär, sondern – „auf das Feinste mit dem Orchester verwebt“  – ganz in ihre einfühlsame Interpretation eingebunden, die sie mit starken Empfindungen und klingendem, differenzierendem Anschlag bis zum feinen Piano/Pianissimo in den Dienst der Werktreue stellte, denn Schumanns Klavierkonzert ist „kein Concert für den Virtuosen“.

Sehr viel Temperament entfesselte sie zur Freude des begeisterten Publikums bei ihrer ersten Zugabe, bei der in einer sehr individuellen Lesart unter sehr virtuosen, sehr modernen, fröhlichen, leicht verfremdenden, Klängen immer wieder Mozarts berühmtes „Rondo al la turca“ durchschimmerte. Im Kontrast dazu betonte sie bei der zweiten Zugabe dann wieder die gefühlvolle, romantische Seite, die ihren schönen, differenzierten Anschlag zur Geltung brachte.

Eötvös‘ eingangs erklungenes Orchesterwerk „zeroPoints“, das er für die Millenniumstournee des London Symphony Orchestra unter Pierre Boulez‘ Leitung komponierte, soll einen unmittelbaren Kontakt zu dem Publikum aufbauen und, wenn es funktioniert, durch die Musik Bilder in der Vorstellung des Hörers erzeugen. Vermutlich gab es da in den Köpfen der Zuhörer sehr unterschiedliche Bilder in Abhängigkeit von Hörerfahrungen und Fantasie, aber jeder wird wohl erfasst haben, wie präzise, klar und in diesem Rahmen auch klangvoll die Staatskapelle gespielt hat. Die ungewöhnliche Satzbezeichnung mit „0.1“, „0.2“ bis „0.9“ erklärt Eötvös so: „Seit den 80er Jahren habe ich des Öfteren Boulez‘ „Domaines“ dirigiert, und immer wieder frage ich mich, warum er hier die Taktzählung mit einer Null anstelle der gewohnten Eins beginnt. Aus Respekt vor dem Meister wagte ich daher nur, den Raum zwischen Null und Eins anzuvisieren, daher führen die Titel der einzelnen Sätze in zeroPoints von 0.1, 0.2 bis 0.9, ohne je die Zahl Eins zu erreichen“.

In Bartóks Konzert für Orchester“, einer seiner bekanntesten, beliebtesten und zugänglichsten Kompositionen und wohl eines der am brillantesten instrumentierten Musikstücke überhaupt, das er 1943 kurz nach seiner Flucht in die USA komponierte, verschmelzen die verschiedensten Kompositionstechniken. Den zunächst widersprüchlich erscheinenden Titel „Konzert“ statt „Sinfonie“ wählte er nach eigenem Bekunden, weil die einzelnen Instrumente eher solistisch und virtuos behandelt werden, was bei der engagierten Wiedergabe durch die Kapelle besonders eindrucksvoll zur Geltung kam. Die Musiker spielten mit der ihnen eigenen Klarheit, Präzision und Hingabe und ließen die einzelnen solistischen Passagen mit Einfühlungsvermögen erklingen. Zwischen „Ernst und Lebensbejahung“, expressivem Ausdruck und fröhlicher Folklore und Zitaten aus Werken anderer bedeutender Komponisten wurde eine breite Palette vielfältiger Impressionen, Bilder und Erscheinungsformen ausgebreitet.

Es war ein ungewöhnliches Programm an diesem Abend, bei dem die beiden ungarischen Werke und Schumanns Klavierkonzert in sehr unterschiedliche musikalische Welten führten, aber in so hoher Qualität ausgeführt, hatte es seinen besonderen Reiz.

Ingrid Gerk

 

 

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