Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN / Semperoper: 4. KAMMERABEND UND 2. AUFFÜHRUNGSABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN

03.02.2016 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: 4. KAMMERABEND UND 2. AUFFÜHRUNGSABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 1. u. 2. 2. 2016

Neben ihrer eigentlichen Tätigkeit in Oper und Symphoniekonzerten wird von den Orchestermitgliedern der Sächsischen Staatskapelle auch die Kammermusik gepflegt, die auf den 1854 gegründeten Tonkünstler-Verein zurückgeht und bei der im Rahmen der „Selbstverpflichtung“ der Kapelle die Musiker unentgeltlich auftreten. Sie widmen sich in kleiner Besetzung der Kammermusik, was für das Muszieren im großen Orchester hinsichtlich Zusammenspiel, Aufeinander-Hören und Gestaltung solistischer Passagen bei den großen Orchesterwerken sehr von Vorteil ist. Die Programme der Kammerabende sind sehr vielseitig und abwechslungsreich gestaltet, und es gibt immer wieder interessante Neuentdeckungen, wie im 4. KAMMERABEND (1.2.).

 Zu Beginn erklang das 1918/19 komponierte „Streichquartett fis‑Moll (RMWV 449) des 25. Dresdner Kreuzkantors Rudolf Mauersberger (1889-1971), der im Dresdner Musikleben weitreichende Spuren hinterlassen hat und den Dresdner Kreuzchor auch über sehr schwierige Zeiten rettete. Zugunsten des Chores hatte er das Komponieren auf instrumentalem Gebiet zurückgestellt und nur die Chorwerke mit dem Kreuzchor aufgeführt, insbesondere sein „Dresdner Requiem“, den Trauerhymnus „Wie liegt die Stadt so wüst“ und einige seiner Motetten und Chorzyklen.

Sein letztes Instrumentalwerk, dieses viersätzige, spätromantische Streichquartett in der Nachfolge Max Regers mit sehr zurückhaltenden Anklängen an die neuere Zeit wurde vermutlich vorher noch nie aufgeführt. Das mit einer Ausnahme aus Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle bestehende Eden Quartett Dresden – spürte den kantablen Linien, elegischen Anklängen und einer leisen Melancholie nach und brachte das Streichquartett in klassischer Besetzung sehr klangschön zur Wirkung.

Von ganz anderer Prägung war der Einsatz des Eden Quartetts bei den, auf Texten der französischen Autorin Carmen Bernos de Gasztold beruhenden „Gesängen aus der Arche“ von Hans Auenmüller (1926-1991), der als Musikdirektor des Theaters Halberstadt 40 Jahre das Musikleben der Stadt am Harz maßgeblich prägte. Hier wurde auch schon mal mit dem Bogen auf Holz geklopft und die Lautstärke forciert, denn anstelle der symbolisch verklärenden Deutung des Sujets stellt sich hier in sehr realistischer Weise die Kreatur – Mensch wie Tier – den Fragen der Existenz und der Sinnfälligkeit des Lebens in der bedrückenden Enge des Raumes. Der Bariton Andreas Scheibner und die Sopranistin Jana Büchner gestalteten die Gesangspartien sehr ansprechend und emotionsgeladen, entsprechend den Worten mitunter tonmalerisch, und mit leichter Gestik.

Nach der Pause hatten 14 Damen und 13 Herren des Sächsischen Staatsopernchores Dresden Aufstellung genommen, um unter der Leitung ihres bewährten Chorleiters Jörn Hinnerk Andresen Gesänge der Romantik für gemischten Chor mit ähnlichen Fragen des menschlichen Seins, a capella und sehr gut aufeinander abgestimmt, zu Gehör zu bringen.

Von Max Reger erklangen drei der, relativ schlichten „Acht geistlichen Gesänge“ (op. 138), Regers „Auseinandersetzung“ mit dem 1. Weltkrieg, entrückt wie aus einer fernen Welt, bei denen seine charakteristische Harmonik nicht zu überhören war.

In der Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ (op. 74 Nr. 1) stellt Johannes Brahms die Frage nach dem “ ‘Warum‘ des vergänglichen Lebens“, und Peter Cornelius in seinem Requiem „Seele, vergiss sie nicht“ , die Toten, einer Vertonung des Textes seines Freundes Friedrich Hebbel, in gleicher Weise, kompositorisch beeinflusst von der neudeutschen Schule um Franz Liszt und Richard Wagner. Beiden Kompositionen und ihren Besonderheiten wurde der Chor unter Andresens Leitung in eindrucksvoller Weise gerecht.

Selten zu hörende Werke brachte auch der 2. AUFFÜHRUNGSABEND (2.2.) unter der Leitung von Antonio Méndez, einem spanischen Dirigenten der jüngeren Generation. Die äußerst selten zu hörende „Leonoren-Ouvertüre Nr. 2 (op. 72a) von Ludwig van Beethoven wurde mit „schicksalhaften“ Paukenschlägen eröffnet, zu denen die feinen singenden Töne der Flöte und die allgemein sehr guten Bläser kontrastierten. Mit mehreren Zäsuren durch längere Ritardandi erhöhte Méndez die innere Spannung und nahm die Dramatik des Opernstoffes, wie es in klassischen Ouvertüren üblich war, vorweg – allerdings stark überhöht. Er lotete die Ouvertüre in allen „Ecken und Winkeln“ aus, peitschte mitunter a la Toscanini durchs Orchester, um die Dramatik noch weiter zu forcieren und ließ die Ouvertüre in versöhnendem Schluss ausklingen. Vielleicht deutete er noch mehr hinein, als „drin“ ist, denn Beethoven war offenbar selbst noch nicht ganz zufrieden und schrieb eine 3. Ouvertüre, aber Struktur und Absicht dieser 2. Fassung wurden durch diese Interpretation sehr deutlich.

Die Überraschung des Abends war das „Konzert für Klarinette, Streicher, Harfe und Klavier“, bei dem der Soloklarinettist der Kapelle, der Österreicher Robert Oberaigner sein enormes virtuoses Können, und seinen Klangsinn präsentierte, wofür er vom Publikum euphorisch gefeiert wurde. Der 1. Satz „slowly and expressivly“ wurde von der Kapelle mit der ihr eigenen Ernsthaftigkeit und Exaktheit, mit schönem Ton und Musizierfreude wiedergegeben, die ihm einen Hauch von Klassik verliehen, der 2. Satz „Rather fast“ mit seinem popartigen Charakter und, dem vor allem von den Kontrabässen und der Soloklarinette getragenen, jazzigen Rhythmus, in gleicher Weise, wobei hier Ernsthaftigkeit und Klangqualität den Vorrang vor der Spielfreude des nicht allzu „inhaltsschweren“ Satzes hatten. Hier schien die Kapelle für das Werk etwas zu ernsthaft und eher unterfordert zu sein. Es war eben ein Ausflug in ein anderes Metier.

Wieder zurück zur Klassik, erklang die „Symphonie Nr. 4 c‑Moll“ (D 417) von Franz Schubert, bei der der spanische Dirigent kein ausgesprochenes Verhältnis zur besonderen Mentalität Schuberts entwickelte. Er beschränkte sich auf das, zurzeit übliche, von Kontrasten und Lautstärke eher spätromantischen Charakters geprägte Interpretationsschema, wobei viele der „aufwühlenden“ klanglichen Feinheiten, die den unverwechselbaren Charakter von Schuberts Musik ausmachen, im eher dramatischen „Trubel“ untergingen oder nur andeutungsweise wahrzunehmen waren.

Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken