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DRESDEN/ Semperoper: 10. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE (Thielemann; Morley)

02.06.2021 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: „10. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT CHRISTIAN THIELEMANN UND ERIN MORLEY – 1.6.2021

Trotz Querelen an der Semproper und herber Enttäuschung vom Sächsischen Staatsministerium setzte Christian Thielemann seinen, als Saisonauftakt begonnenen, Strauss-Zyklus im 10. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit seinem hohen künstlerischen Anspruch fort, immer noch nicht live, aber als Live-Übertragung aus der Semperoper in Stereo und Surround (30.5. ARTE Concert) und – wie bisher schon andere Konzerte der Staatskapelle – als Radiokonzert (1.6. MDR Kultur) – später auch im Fernsehen (ARTE).

Die Medien haben die Bedeutung Thielemanns mit der Sächsischen Staatskapelle offenbar erkannt und nutzten die (vielleicht) letzte Gelegenheit, eine dieser Sternstunden zu dokumentieren, einer großen Anzahl von Musikfreunden zugänglich zu machen und es (nebenbei) der Nachwelt (im Archiv) zu erhalten. In Dresden scheint man sich dessen noch nicht bewusst zu sein, welche große Chance man mit der Nichtverlängerung von Thielemanns Vertrag verschenkt. Die Musikfreunde und ‑experten in aller Welt können das nicht verstehen.

Das 10. Symphoniekonzert stand ganz im Zeichen von Richard Strauss, geleitet, geführt und gestaltet von Christian Thielemann, dem „Sachwalter des Oevres von Richard Strauss“, nach dem Livestream nun als Radiokonzert (1.6.), das den Vorteil einer besseren Tonqualität bietet, die musikalischen Qualitäten aller Ausführenden in den Vordergrund rückte, und konzentriert, ohne Ablenkung durch optische Eindrücke (die zweifellos auch interessant sind), das reine Richard-Strauss-Programm noch einmal intensiv genießen ließ.

Die US-amerikanischen (Koloratur-)Sopranistin Erin Morley, die 2019 ihr Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle unter Christian Thielemann im ZDF-Silvesterkonzert als Prinzessin Mi in Lehárs “Land des Lächelns“ gab, begeisterte mit ihrer Interpretation einer Auswahl von Orchesterliedern von Richard Strauss nach Texten von Clemens Brentano und Gottfried August Bürger.

Mit ihrer weichen, sehr geschmeidigen, mit Leichtigkeit und Mühelosigkeit geführten, Stimme, wie für diese Lieder geschaffen, gestaltete sie sicher und stilsicher „An die Nacht“, „Ich wollt ein Sträußlein binden“ und „Säusle, liebe Myrthe!“(op. 68) nach Texten von Clemens Brentano, „Muttertändelei“ (op. 43/2) mit einem Text von Gottfried August Bürger sowie „Als mir dein Lied erklang“ und „Amor“ (op. 68 Nr. 5) von Brentano in ihrer emotionalen Vielseitigkeit, eingebettet in den sanft wiegenden, von Thielemann sehr aufmerksam, den Intentionen der Sängerin folgend, geführten Wohlklang des Orchesters, der die gestalterischen Feinheiten der Sängerin weiterführte.

Ihr feines, nicht aufgesetzt wirkendes, Vibrato ließ ihre Stimme strahlen, verstärkte noch den guten Klang, ohne vordergründig zu wirken. Das eben ist die große Kunst, die so leicht klingt und schwer zu machen ist, die feine Nuance, die sie beherrscht und die bei ihr so selbstverständlich wirkt. Ihre fließenden Übergänge, mit feinstem Decrescendo zum emotional aufgeladenen Pianissimo bis zu enthusiastischem Forte wurden vom Orchester aufgenommen und weitergeführt und mündeten in leise verhallendem Orchesternachlang. Sängerin und Orchester verschmolzen bei gleicher Auffassung, gleichem Können und gleichen Intentionen zu einem in sich geschlossenen, organischen Ganzen.

Den Abschluss dieser Orchesterlieder bildete eine „Uraufführung“, das Lied „Nacht“ in einer Bearbeitung und Ergänzung des Berliner Gegenwartskomponisten und Dirigenten Thomas Hennig, der inspiriert von Klavierskizzen aus dem Umfeld der „Vier Letzten Lieder“, die Richard Strauss für eine geplante Vertonung des gleichnamigen Gedichts von Hermann Hesse unvollendet hinterließ, im Stil des Meisters der Instrumentierung „weiterkomponiert“ hat. Für ihn war die Aufführung dieses Liedes ein kleiner „Trost“ und Ersatz“ einer von Thielemann geplanten, durch Corona verhinderten, Aufführung eines größeren Werkes von ihm.

Die perfekte Ausführung der genialen Violinstimme war Matthias Wollong, dem Ersten Konzertmeister der Staatskapelle, zu danken, der auch den sehr umfangsreichen Violinpart im darauffolgenden „Heldenleben“ eindrucksvoll gestaltete, bei dem sich die Kritiker bis heute nicht einig sind, ob es sich um eine „Selbstbeweihräucherung“ der Komponistenpersönlichkeit Strauss handelt oder ein grandioses „Tongemälde“ – wahrscheinlich beides. Vieles deutet auf eine Verarbeitung der Auseinandersetzung des Verfassers mit seinen Widersachern und Kritikern hin, aus der er selbstironisch „als Held“ hervorgeht, warum auch nicht.

Andere Komponisten haben ihrem Unmut über die Kritiker auch musikalisch Luft gemacht (Max Reger, Hugo Wolf, Georg Kreisler u. a.), wenn auch nicht in einem so umfangreichen Werk, aber herausgekommen ist bei Strauss ein grandioses Tongemälde zwischen Klangpracht und laut Spielanweisungen „schnarrenden“ und „zischenden“ bis „heuchlerisch schmachtenden“ Geräuschen in sechs Abschnitten, in denen der damals noch junge Strauss mit größter Raffinesse vermutlich seine Situation schildert und sich am Ende als „Held“ fühlt, was Thielemann mit der Kapelle grandios zu gestalten verstand.

Da wurde jede Situation deutlich herausgearbeitet, die Gegenspieler gut charakterisiert, das Werk in all seinen Facetten und Nuancen ausgeleuchtet, immer transparent und miterlebbar, mit diversen feinen Nuancen, bei denen ihm die Kapelle in jeder Phase folgte, und immer melodisch, klangvoll, eben ganz Strauss, selbst in lärmendem Getümmel im „Widerstreit mit den Widersachern“, wobei immer auch ein guter Gesamtklang des Orchesters dominierte.

Besonderer Beifall kam (nur) vom Orchester, da das Publikum noch immer außen vor bleiben musste. Bei diesem Konzert wurde noch einmal sehr deutlich, welch einmaliges Potential hier verloren gehen wird. Die Wiener können sich freuen. Mit dem gleichen Programm gastiert die Sächsische Staatskapelle unter Thielemann im Wiener Musikverein,

Ingrid Gerk

 

 

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