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DRESDEN: Semperoper: 1. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN /Thielemann

Dresden / Semperoper: 1. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 1.9.2014

BILD_GidonKremer(c)Kasskara
Gidon Kremer. Foto: Kaskarra 

Zum Saisonauftakt präsentierte die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann gleich zwei groß angelegte, sehr ernsthafte Werke: das 2. Violinkonzert „In tempus praesens“ der tatarisch-russischen Komponistin Sofia Gubaidulina, Capell-Compositrice der Sächsischen Staatskapelle 2014/2015, und die „Symphonie Nr. 9 d‑Moll“ von Anton Bruckner. Beide Werke sind von religiöser Überzeugung getragen, für großes Orchester konzipiert und doch sehr unterschiedlich in ihrer musikalischen Struktur und Ausdruckstiefe.

 Gubaidulinas 2. Violinkonzert, Anne-Sophie Mutter gewidmet, besteht aus nur einem ca. 30minütigen Satz, in dem 5 Teile miteinander attacka verbundenen sind. In ihrer ungewöhnlichen Orchesterbesetzung verzichtet sie auf Violinen im Orchester, was die Dominanz der Solovioline noch verstärkt. Neben vielfältigen Holz- und Blechbläsern in großer Besetzung, inclusive Wagnertuben und Kontrafagott, reichlich Pauken und viel, auch ungewöhnlichem, Schlagzeug nebst 5stufigem Becken, setzt sie 2 Harfen, Celesta, Klavier und Cembalo ein.

 Gidon Kremer, Capell-Virtuose 2014/2015 nahm sich liebevoll und mit höchster Akribie des Soloparts an und bewies einmal mehr seine Meisterschaft in der Korrespondenz mit dem, in seinen dunklen Farben oft bedrohlich überbordenden, Orchester. Wie eine bedrohte, sehr sensible Persönlichkeit, die sich aus ihrer eigenen, individuellen Welt heraus mit innerer Stärke unbeirrt „verteidigt“, hauchte er der Violinstimme Leben ein. Obwohl diesem Violinkonzert kein direktes Programm unterlegt ist, meint man doch – ähnlich wie bei Schostakowitsch – immer wieder die Bedrohung einer individuellen menschlichen Existenz in Zeiten von Krieg und Terrorherrschaft herauszuhören, auch wenn sich die Violine hin und wieder zu Höhen und Helligkeit aufschwingt und das Werk sehr friedlich und hoffnungsvoll wie bei einem Sonnenaufgang ausklingt.

 Es sind sehr ungewohnte, neuartige Töne, sehr feine sensible der Solovioline und gewaltige im Orchester mit Paukenwirbel und korrespondierenden Echowirkungen, aber immer im tonalen Bereich. Der solistische Violinpart ist anspruchsvoll und verlangt dem Solisten sehr viel Können und Einfühlungsvermögen ab. Thielemann, Kremer und das Orchester schöpften das Werk in all seinen Details aus, ließen die zahlreichen gleich und ähnlich wirkenden Passagen nicht im Gleichmaß erstarren, sondern immer wieder andersartig und interessant in schöner Konformität erscheinen.

 Im weiteren Saison-Verlauf wird Gidon Kremer auch das ihm gewidmete „1. Violinkonzert“ („Offertorium“) Gubaidulinas mit der Staatskapelle musizieren, dessen Uraufführung sie ihm anvertraut und damit ihren internationalen Durchbruch erzielt hatte. „Wir sind hocherfreut, dass es uns gelungen ist, eine solch enge programmatische Verzahnung zwischen dem Capell-Virtuosen und der Capell-Compositrice herzustellen. Gidon Kremer und Sofia Gubaidulina haben sich über viele Jahre hinweg gegenseitig inspiriert und sehr eng miteinander gearbeitet. Dass wir an diesem Prozess nun unmittelbar teilhaben können, empfinde ich als eine besondere Bereicherung unserer neuen Spielzeit“ meinte Thielemann zu diesem Ereignis.

 Beim Hauptwerk des Abends, Bruckners „Neunter“, mit der er mit der Kapelle den, über mehrere Jahre angelegten, Bruckner-Zyklus fortsetzt, war er ganz in „seinem Element“ und „zelebrierte“ das Werk, wie er an gleicher Stelle schon mehrfach Bruckner mit dieser ungeheuren Intensität und geistigen Durchdringung aufgeführt hat. Die Kapelle spielte äußerst diszipliniert. Es gab keine Phase, keine Passage, die nicht durchdacht, durchlebt und perfekt ausmusiziert worden wäre. Jedes Detail wurde liebevoll ausgearbeitet, ohne das Werk in seiner großartigen Gesamtheit aus dem Blick zu verlieren. Thielemann leitete mit sehr viel Umsicht und oft sparsamer, aber gezielter Gestik. Eine kleine Bewegung der linken Hand, ein kurzer Blickkontakt genügten, um sich gegenseitig zu verstehen.

 Einziger Wermutstropfen: auch ein „Bravo“ kann stören, wenn es, zwar ehrlich gemeint, die Stille beim leisen intuitiven Ausklang zur Unzeit durchbricht, bevor der begeisterte Beifall einsetzt.

 Ingrid Gerk

 

 

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