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DRESDEN/ semper 2: DAS GEHEIME KÖNIGREICH von Ernst Krenek

15.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Österreichische Opernrarität in Dresden: „Das geheime Königreich“ von Ernst Křenek (Vorstellung: 14. 1. 2013)


Hans-Joachim Ketelsen als König und Norma Nahoun als Königin (Foto: Matthias Creutziger)

Immer wieder sieht man in deutschen Opernhäusern selten gespielte Werke österreichischer Komponisten, die in unserer Heimat kaum gespielt werden. Nachdem im Vorjahr das Theater in Lübeck zwei Einakter von Ernst Křenek aufgeführt hatte, darunter auch „Das geheime Königreich“, steht nun dieses Werk im Semper 2, der Probenbühne der Semperoper, auf dem Spielplan.

Die Märchenoper, die 1928 in Wiesbaden uraufgeführt wurde und deren Libretto der Komponist selbst verfasste, schildert die Geschichte eines Konflikts zwischen dem König, der Königin, dem Narren und zwei Rebellen, die den Zweifel des Königs an seiner eigenen Legitimität für ihre Zwecke auszunützen versuchen. Der König fasst den Entschluss, sich die Krone auf der Straße zu verdienen und übergibt sie dem Narren zur Aufbewahrung. Als sich der König töten will, erklingt die Stimme der Königin, die ihm liebevoll Mut zuspricht. In der Schönheit der ihm umgebenden Natur erkennt der König schließlich sein wahres Königreich. Er schließt die Augen – und der Narr gibt ihm die Krone zurück.

Manfred Weiß nützte den kleinen Raum der Probebühne der Semperoper (Semper 2 genannt) dazu, Křeneks Werk als Kammeroper zu inszenieren, wobei als einziges Requisit ein überdimensionaler Thron auf der Bühne steht (Bühnenbild und Kostüme: Okarina Peter, Timo Dentler), auf dem anfangs der Narr schläft und der später von der revoltierenden Bevölkerung gestürmt und zerlegt wird. Der Chor, der die Bevölkerung darstellt, singt links und rechts hinter einem Bühnenvorhang, wobei er durch Scheinwerferlicht (Licht: Marco Dietzel) sichtbar wird. Während die Königin und deren drei Damen elegant gewandet sind, agieren die Rebellen und die Bevölkerung in armseliger, zerrissener Kleidung. Interessant auch, dass der Narr eleganter als der König gekleidet war. Für die Choreographie zeichnete Carla Börner verantwortlich.

Den König spielte der renommierte, international bekannte Bariton Hans-Joachim Ketelsen, der stimmlich wie schauspielerisch seine seelische Zerrissenheit überzeugend darstellte. Exzellent die junge französische Sopranistin Norma Nahoun, die ihre Rolle als Königin mit Leidenschaft sang und spielte und dabei stets eine gute Figur machte, wie beispielsweise in der Waldszene, in der sie sich vor dem Rebell entkleidete, um ihr Leben zu retten. Der kanadische Bariton Alexander Hajek hätte als Narr ohne weiteres närrischer agieren können, spielte aber die Rolle eher ironisch. Mit prächtiger Stimme und bühnenbeherrschender Ausstrahlung beeindruckte der türkische Tenor Mert Süngü als Rebell. In ihm könnte ein toller Wagner-Tenor heranreifen (zurzeit ist er ebenso wie Norma Nahoun, Alexander Hajek und Scott Conner Mitglied des Jungen Ensembles der Semperoper).

Für die gute Ensembleleistung sorgten auch die Sopranistin Christiane Hossfeld und die beiden Mezzosopranistinnen Angela Liebold und Elisabeth Wilke als die drei Damen der Königin sowie der norwegische Tenor Tom Martinsen und der amerikanische Bass Scott Conner in der Rolle zweier Revolutionäre.

Das Orchester, das aus Mitgliedern der Giuseppe-Sinopoli-Akademie der Staatskapelle Dresden bestand, wurde vom jungen estnischen Dirigenten Mikhel Kütson mit großem körperlichem Einsatz geleitet, standen doch die Sänger und die Choristen nicht nur seitlich, sondern manchmal auch hinter ihm. Zur expressiven Partitur des Komponisten ein beachtenswertes Zitat des Dirigenten aus dem kleinen, aber informativ gestalteten Programmheft: „Meiner Meinung nach findet Křenek hier sehr prägnante musikalische Charakterisierungen für jede Rolle, so unterschiedlich wie die Personen, so vielseitig sind auch die musikalischen Mittel. Der mentale Zustand des Königs spiegelt sich in einer instabilen Tonalität wider, die Königin wird gleich zu Anfang mit halsbrecherischen Koloraturen als zickig und machtgierig – ähnlich der Königin der Nacht – karikiert. Der Narr stellt sich selbst zunächst als den einzig »Normalen» in dieser Gesellschaft vor, musikalisch eher einfach und melodiös, zunehmend wird aber auch er satirisch behandelt, je mehr Machtanspruch er erhebt.“

Das erfreulicherweise vorwiegend junge Publikum spendete allen Mitwirkenden lang anhaltenden Applaus, unter den sich auch einige Bravorufe mengten.

Udo Pacolt, Wien – München

 

 

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