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DRESDEN, Sächsische Schweiz /Semperoper und Festzelt Gohrisch: GIDON KREMER UND DIE „5. SCHOSTAKOWITSCHTAGE“ – 18. bis 21.9.2014

Dresden, Sächsische Schweiz /Semperoper und Festzelt GohrischGIDON KREMER UND DIE „5. SCHOSTAKOWITSCHTAGE“ – 18. bis  21.9.2014

 Gidon Kremer, in dieser Spielzeit „Capell-Virtuose in residence“ der Dresdner Staatskapelle, ist auch in Dresden ein gern gesehener Gast. Am „Vorabend“ der 5. Schostakowitschtage in Gohrisch wollte oder sollte er sich, zusammen mit seiner Kremerata Baltica mit seinem Programm „All about Gidon“ dem Dresdner Publikum in der Semperoper (18.9.) auf amüsante Weise persönlich vorstellen.

 Doch daraus wurde nichts. Aus aktuellem Anlass hatte er sich entschlossen, das geplante Programm durch ein völlig neues zu ersetzen, um seine Verbundenheit mit der russischen Kultur, die sein Leben maßgeblich beeinflusst hat, zu betonen. Obwohl er aus einer deutsch-baltischen Familie stammt und mit sehr angenehmer Stimme ein gutes Deutsch spricht, empfindet er seine Wurzeln in Russland, denn er hat viele Jahre in Moskau gelebt und u. a. bei David Oistrach studiert.

 Angesichts der dramatischen Ereignisse im Russland-Ukraine-Konflikt kann und will er nicht gleichgültig bleiben. Die Situation erinnert ihn zu sehr an das Europa kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Die „Trägheit“, mit der „an den Schaltstellen der Macht“ auf diese tragischen Ereignisse reagiert wird, machen ihn betroffen. Die westlichen Mächte spielen für ihn „Schach mit einem Tiger“.

 Obwohl er die Grenzen der Musik in politischer Hinsicht kennt und sich ziemlich hilflos fühlt, möchte er doch seinen Auftrag als Künstler und Musiker wahrnehmen, die Menschen wachzurütteln und seinen Gefühlen und seiner persönlichen Einstellung mit der Sprache der Musik Ausdruck verleihen. Es ist für ihn der einzige Weg, sich Gehör zu verschaffen.

 Unter dem Titel „MEIN RUSSLAND“ hatte er als Plädoyer für die Werte der russischen Kultur Werke aus der Feder führender russischer Komponistinnen und Komponisten unserer Tage ausgewählt, langjährige Freunde, die – wie Schostakowitsch – unter dem Reglement der Regierungen gelitten haben und in deren Kompositionen diese Tragik unüberhörbar zum Ausdruck kommt. Aus diesem Anlass wurde die Problematik noch einmal in einer mehr improvisierten Gesprächsrunde mit Gidon Kremer, dem Komponisten Leonid Desyatnikow, der seine ersten 17 Lebensjahre in der Ukraine verbrachte und jetzt in St. Petersburg lebt, sowie Moderator Michael Ernst erörtert.

 Von Desyatnikow (*1955) gab es in diesem Konzert eine Uraufführung, die „Russischen Jahreszeiten“ für Violine solo, Sopran und Streichorchester (2000), der das Dresdner Publikum nicht nur die Begegnung mit dem Werk, sondern auch mit der jungen, russischen Mezzosopranistin Olesya Petrova verdankt. Sie sang mit kräftiger, sehr klarer Stimme und „russischer Seele“ im besten Sinne des Wortes den Sopranpart, korrespondierend mit der sehr einfühlsamen Solovioline Kremers. Mit vollem Einsatz ihrer warmen, dunkel timbrierten Stimme und sehr sauberer Intonation widmete sie sich mit gleicher Intensität mühelos den sehr feinen, sensiblen Klängen im gefühlvollen Pianissimo wie den rhythmisch betonten und motorischen Passagen im groß angelegten Fortissimo. In weiten musikalischen Melodiebögen umspannte sie das gesamte Werk und traf ins Zentrum der russischen Mentalität, der Sehnsucht, die aus den Weiten des Landes und einer leisen Hoffnung zu resultieren scheint. Sie war eine ideale Interpretin dieses Werkes.

Entsprechend der aufzuführenden Werke spielte die Kremerata Baltica mit ihren vorwiegend jungen Musiken, „Exrussen“ und Balten, in mittlerer oder großer Besetzung, aber immer ohne Dirigenten, nur mit Kremer als Solist oder am 1. Pult, das er mitunter auch einem anderen  Geiger überließ. Bei den „Reflexionen über das Thema B‑A‑C‑H“ für Streichquartett (2002) von Sofia Gubaidulina (*1931), einer der bekanntesten Komponistinnen der Moderne, in seinem Arrangement für Streichorchester saß Kremer auch am 1. Pult. In diesem Werk mit  elegischer Grundhaltung wird die Tonalität ausgereizt und neue Töne und Klänge in Klangexperimenten bis an die Grenzen gesteigert.

 Einen anderen Charakter als die beiden bisherigen Werke hatte die „Kammersymphonie Nr. 2“ (op. 147) des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996), dessen Kompositionen in Russland und erst recht international kaum bekannt sind, obwohl er ein „unschätzbares Erbe“ hinterließ, das immer noch der Entdeckung harrt. Seine „Kammersymphonie“ spricht die Gefühle unmittelbar an, ein weiterer „Weckruf“ für alle, die nach bleibenden menschlichen Werten suchen. Die Symphonie hat Seele, eine sensible, verletzliche, die in Anklängen an die musikalische Tradition ihren Ausdruck findet, flankiert von ganz leisen Paukentönen im Hintergrund zum Atemanhalten, geheimnisvoll und bedrohlich ähnlich wie bei seinem „Lehrmeister“ Schostakowitsch, aber auch mit gewaltigem Paukenschlag.

 Russland und die russische Musik sind aber nicht nur schwermütig, ernst und bedroht, sondern facettenreich. Es gibt auch amüsante Seiten. Die russischen Menschen haben viel Humor, der auch in Alexander Raskatovs (*1953) „The Seasons‘ Digest („Das Beste der Jahreszeiten“) für Violine, Streichorchester, Schlagzeug und präpariertes Klavier (2001) nach P. I. Tschaikowskys „Die Jahreszeiten“ (op. 37b) zum Ausdruck kommt. Die Kremerata spielte ohne Gidon, aber mit ausgelassener Fröhlichkeit. Wie eine „zerbrochene Spieluhr“ spielt der Komponist mit der europäischen und besonders der deutschen klassisch-romantischen Tradition, auch mit Zitaten, die immer wieder zerbrechen und – wie ein fröhlicher Kobold, der immer irgendwo irgendwie wieder auftaucht – flackernd wie ein Irrlicht – wieder angespielt werden. Bei jedem scheinbaren Ende fängt wieder eine lustige Wendung an, bricht sich der Humor wieder Bahn. Da „wandert“ ein Glasglöckchen scheinbar durch die Reihen der Musiker, zupfen die Streicher ihre Instrumente wie eine Balalaika, klingt Zigeunermusik in Variationsform an, führt die Pauke Kapriolen auf, singen die Streicher während des Spielens wie ein guter Chor und gibt eine Kindertrompete schräge Töne von sich. Alle möglichen und unmöglichen „Neckereien“, begleitende Nebengeräusche und selbst ein Lautsprecher aus der Proszeniumsloge stimmen mit ein und unterstreichen den heiteren Charakter.

 Nach so viel Gaudi gab es noch eine ebenso witzige Zugabe aus dem Zeichentrickfilm „Die Ferien des Bonifazius“ von Weinberg. Die Mitglieder der Kremerata Baltica sind allesamt sehr gute Musiker, die auch sehr beeindruckende Solopassagen spielen können. Sie führten die Werke mit viel Verständnis auf. Dass zum Abschluss jeder der engagierten Musiker, die sowohl die ernste, als auch die fröhliche Seite Russlands und seiner Musik zum Klingen brachten, eine gelbe Rose, Symbol der Leidenschaft, und einen dankbaren Händedruck von Gidon Kremer bekam, sprach dem Publikum aus dem Herzen.

 Gidon Kremer, Geigenvirtuose, Orchesterleiter und musikalischer Botschafter sowie die 85jährige Sofia Gubaidulina, in dieser Saison „Capell-compositrice“ der Sächsischen Staatskapelle, waren auch die Ehrengäste der 5. Internationalen Schostakowitschtage in Gohrisch, einem kleinen Kurort in der Sächsischen Schweiz, einer bizarren Felslandschaft, südöstlich von Dresden.

 Seit 2009 findet hier, initiiert von der Sächsischen Staatskapelle Dresden, alljährlich ein Festival zu Ehren Dmitri Schostakowitschs, eines der bedeutendsten Komponisten des 20. Jh., unter der Schirmherrschaft seiner Witwe, Irina Antonowna Schostakowitsch, und des Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen statt, das einzige Festival dieser Art weltweit.

 Anlass war die Erinnerung an den zweimaligen Aufenthalt Schostakowitschs in diesem Ort als Gast der damaligen Regierung. Er schrieb dort entsprechend einem Auftrag die Filmmusik zu dem Dokumentarfilm „Fünf Tage – fünf Nächte“ über die „Rettung“ der Dresdner Kunstschätze und ihren Abtransport nach Moskau und aus eigenem Antrieb sein „8. Streichquartett“.

 Im Gegensatz zu den Anfängen des Festivals, als die Konzerte in einer großen Scheune stattfanden, hatte der Zirkus Sarasani, der an eine alte Dresdner Tradition anknüpft, sein großes modernes Zirkuszelt zur Verfügung und in der malerischen Naturkulisse der Sächsischen Schweiz aufgestellt. Einzige „Bühnendekoration“ war neben Technik und Beleuchtungselementen Schostakowitschs charakteristische Brille als grafisches Erkennungszeichen in Großformat und daneben viele kleine dieser Brillen.

 Beim ERÖFFNUNGSKONZERT (19.9.) zogen so heftige Gewitter auf, dass die langanhaltenden Regengüsse laut auf das Zeltdach trommelten und die ersten, besonders leisen Sätze der Schauspielerin Isabel Karajan (Tochter des unvergessenen Herbert von Karajan, der auf seine Art Musikgeschichte schrieb) „untergingen“ – bis sie endlich auf ein Mikro zurückgriff. Unter dem Motto „Fräulein Tod trifft Herrn Schostakowitsch“ präsentierte sie in „gemischter“ Verkleidung eine „szenische Collage über die Angst“ (Einrichtung: Klaus Ortner, Musikdramaturgische Beratung: Tobias Niederschlag, Katharina Riedeberger), umgesetzt auf ihre eigene Art mit den gegenwärtig üblichen Elementen der „Schauspielkunst“. Mit wenigen Gesten, sparsamen Mitteln und unterschiedlichen Stimmfärbungen von der „Bauchstimme“ bis zur in sich gekehrten Fistelstimme schuf Isabel Karajan schnelle Verwandlungen, bis zur inneren Irritation, Fassungslosigkeit und Ohnmacht (besonders unter Stalin), um die unterschiedlichen Stationen der Angst, die die Seele „auffrisst“, der inneren Zerrissenheit und Unsicherheit, die den Menschen schließlich aus- und aufzehrt, symbolisch Gestalt zu verleihen und schließlich mit dem Tod am (Zelt-)Galgen enden zu lassen.

 Diese Collage, die hier ihre Uraufführung erlebte, wird 2015 zu den Salzburger Osterfestspielen gebracht. Sie wurde als musikalisches Pendant von Kompositionen Schostakowitschs wie im Dialog ergänzt, Musik von großer Trauer und bitterem Ernst, in der die existentielle Bedrohung, die Lebensangst, die Angst vor Geheimdienst und Staatsmacht, die an der Seele nagt und sie schließlich verschlingt, Gestalt annimmt. Die Beleuchtung schwenkt dabei immer auf die gerade „Aktiven“, die minimalistische szenische Darstellung oder die Musiker, während die andere Seite jeweils im Dunkel liegt.

 Der Pianist Jascha Nemtsov steuerte die „Polka“ aus dem Ballett „Das goldene Zeitalter“ (op. 22) in der Klavierfassung und das „Nocturne“ aus den „Aphorismen“ für Klavier (op. 13) bei und ergänzte das Dresdner Streichquartett beim „Allegro non troppo“ aus dem „Klaviertrio Nr. 2 e‑Moll“ (op. 67).

 Das Dresdner Streichquartett ist von Anfang an bei den Festspielen dabei. Seine Qualitäten sind unumstritten und werden immer wieder von den Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden: Thomas Meining – Violine I, Barbara Meining – Violine II, Andreas Schreiber – Viola und Martin Jungnickel, Violoncello aufs Neue bestätigt. Mit Thomas Meining als Spiritus Rector muszierte das Quartett das in Gohrisch entstandene „Streichquartett Nr. 8 c‑Moll (op. 110), das während Schostakowitschs Aufenthalt im dortigen Kino durch eine Privatinitiative „uraufgeführt“ wurde, vom ersten Takt an mit wunderbar klangvollem Ton und schöner Klarheit.

 Gubaidulinas Liebe und Schostakowitschs Beziehung zur Musik J. S. Bachs wurde ein KIRCHENKONZERT (20.9.) in der Kirche der nahegelegenen Stadt Königstein gewidmet.  Die Kirche wurde vor einigen Jahren mit all ihren unterschiedlichen Stilelementen, dem Altar in Form eines griechischen Tempeleingangs aus einheimischem Sandstein, in den eine „neoromanische“ Kanzel integriert ist – eine Besonderheit , die weit und breit ihresgleichen sucht – , einer historischen Jehmlich-Orgel in einem Barockprospekt wie dem einer Silbermannorgel, spätbarock-klassizistischer Emporen-Bemalung, beinahe futuristischem Altargemälde (2003) und neuen „flämischen Kron- und Wandleuchtern sehr stilvoll restauriert, so dass alle „Stilblüten“ zu einer stilvollen Einheit zusammengefügt wurden.

J. S. Bach und Anton Webern haben Gubaidulina zeitlebens beschäftigt und bilden in mehreren ihrer Werke Grundlage oder Bezugspunkt. In einer sehr geschickten Programmzusammenstellung im beziehungsvollen Wechsel zwischen Bach und den beiden Komponisten des 20. Jh., führte Peter Kopp mit seinem, für seine Gesangskultur auf sehr hohem Niveau bekannten, Vocal Consort Dresden, dessen versierte Sängerinnen und Sänger über auffallend schöne Stimmen verfügen, a capella die Bach-Motetten „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ und „Jesu, meine Freude“ sowie Bachs letzten Choral „Vor deinen Thron tret‘ ich hiermit“ (BWV 668), den er erblindet seinem Schwiegersohn in die Feder diktierte und der mit anderem Text schon vorher in der „Kunst der Fuge“ (10. Fuge) auftaucht, in ausgewogener Klangfülle mit den auffallend schönen, sehr klar geführten Stimmen des Chores auf – eine ideale Wiedergabe, bei der man sich ganz in die Geisteswelt Bachs vertiefen konnte.

 Im Kontrast dazu erklangen Kompositionen von Sofia Gubaidulina, die sich mit diesen Werken auseinandersetzen. In ihrer russisch-orthodoxen Gesinnung wollte sie „Himmel und Erde“ verbinden. In „Hell und Dunkel“ für Orgel solo, entlockte der, für moderne Musik prädestinierte, Organist Friedemann Herz in zügigem Tempo der Orgel, mitunter brausend „wie göttliche Urgewalten“ ungewohnte, aber immer noch tonale Klänge.

 In der „Meditation über den Bach-Choral ‚Vor deinen Thron tret‘ ich hiermit‘ “ für Cembalo, 2 Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass, unmittelbar nach dem Original vom Chor, Mitgliedern der Kamerata Baltica und Peter Kopp am Cembalo aufgeführt, spürt man das Verlangen, von der Tradition wegzukommen und doch ungewöhnlich und stark kontrastierend, innerhalb der Tonalität zu bleiben.

 Auch in „Jauchzet vor Gott“ für gemischten Chor und Orgel, von der Orgelempore mit auffallend guten, exakt auch ohne Text instrumental geführten Stimmen und guten Solostimmen aus dem Chor, für den Sopran mit schwieriger Höhenlage und mit extremer Tiefe für die Bassstimme, orientiert Gubaidulina an alten Vorbildern. Durch ihre gute Ausführung verhalfen die Ausführenden den Werken zu nachhaltiger Wirkung.

 Eine Rarität bedeutete die Aufführung von Schostakowitschs einzigem Werk mit liturgischem Bezug für Orgel, der „Passacaglia“ für Orgel solo (op. 29), das er für seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ als Zwischenspiels nach dem 2. Akt für Orchester umschrieb, in der Originalfassung. Mit laut brausenden Anfangsklängen steigerte sich Friedmann Herz mit entsprechender Registrierung in die dramatische Zuspitzung der konzentrierten Handlung.

 Da Michail Jurowski, wie auch das Meining-Quratett von Anfang an bei den Schostakowitchtagen dabei, schwer erkrankt ist, sich aber schon auf dem Weg der Besserung befindet, hatte der junge, von Zubin Mehta und Daniel Barenboim geförderte, Omer Meir Wellber den Taktstock im AUFFÜHRUNGSABEND I (20.9.) übernommen. Die gesamte Kremerata Baltica war in Gohrisch angereist und trat je nach Werk in sehr unterschiedlicher Besetzung auf. Erstmals traten mit ihr auch Blässer der Sächsischen Staatskapelle Dresden auf.

 Wie im Sonderkonzert „Mein Russland“ in der Semperoper bildeten in gleicher Qualität auch hier die „Reflexionen über das Thema B-A-C-H“ in der Besetzung für Streichquartett von Gubaidulina den Auftakt des Konzertes.

 Im Rahmen dieses Abends wurde Gidon Kremer, der sich um die Musik von Schostakowitsch und das Festival sehr verdient gemacht hat, mit dem „5. Internationalen Schostakowitsch-Preis“ geehrt. Er hat schon einmal einen Schostakowitsch-Preis erhalten, seinerzeit in der Sowjetunion, überreicht von einem Kollegen, mit dem er jetzt aus politischen Gründen kein Wort mehr wechseln würde.

 Als „Einstimmung“ für die erneute Auszeichnung spielte Kremer Schostakowitschs „Violinsonate G‑Dur“ (op. 134) in einer Fassung für Violine, Schlagzeug und Streichorchester mit seiner feinsinnigen, sensiblen Art, die Geige wie eine Gesangsstimme klingen zu lassen. In die anfangs traurige Orchesterstimmung stimmt die Violine sehr behutsam ein und baut großartige, feinfühlige musikalische Linien auf. Die guten Streicher des Orchesters wurden mit Schlagzeug und anderen rhythmisierenden Instrumenten „aufgelockert“. Bei Kremer ist alles durchdrungen von Intellekt und Musikalität. Nachdem er sich zunächst nur für Arvo Pärt, Gubaidulina u. a. interessierte, galt und gilt er jetzt als bedeutender Schostakowitsch-Interpret. Kein geringerer als David Oistrach hatte ihm den Weg zu diesem Komponisten gewiesen. Für ihn hat Schostakowitsch die meisten seiner Violinkonzerte geschrieben.

Außer diesem Violinkonzert gab es noch ein weiteres Solokonzert von Schostakowitsch, das „Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 F‑Dur“ (op. 102), in dem Anna Vinnitskaya mit traumwandlerischer Treffsicherheit und differenziertem Anschlag brillierte. Nach traditionellem Vorbild enthält das Konzert auch romantische Züge und spätromantische Phasen, von der Vinnitskaya adäquat interpretiert. Sie bedankte sich für den enthusiastischen Applaus mit einer ebenso brillant gespielten Zugabe, einer Bach-Bearbeitung eines Schülers Rachmaninows.

Die mehr unterhaltsame Seite wurde in Mieczyslaw Weinbergs „Kammersymphonie Nr. 4“ für Klarinette, Triangel und Streichorchester (op. 153) betont. Weinberg und Schostakowitsch waren Freunde und inspirierten sich gegenseitig. Während sich Schostakowitsch gern der heiteren Seite der Musik zuwendet hätte, wie seine Operetten, die „Jazzsuite“ usw. beweisen, war sein Leben überschattet von Repressalien und Angst. Weinberg gelang diese Leichtigkeit auf der Suche nach Orientierung. Wolfram Große, Soloklarinettist der Sächsischen Staatskapelle Dresden, war der ideale Solist dieser Symphonie. Mit sauberer Intonation, feinsten Ansätzen und viel Seele in den leisen Tönen bis hin zu motorischen Rhythmen, stellte er die ganze Palette seines großartigen Könnens in den Dienst des Werkes. Cello und Kontrabass ließen sich mit ihren kleinen Soli, die von der Violine aufgenommen wurden, davon inspirieren. Große vollbrachte mit seinem Solopart nicht nur eine Meisterleistung in spieltechnischer Hinsicht, sondern hauchte dem Werk viel Seele ein.

Eine MATINEE (21.9.) war der Kammermusik vorbehalten. Zwei junge Geigerinnen, Nurit Stark und Rebecca Beyer eröffneten den Reigen guter, zeitgenössischer Kammermusik mit einem „Capriccio über die Abreise“ für 2 Violinen solo von Alexander Suslin, dem Kontrabassisten, der später auch mit seinem Instrument als ausführender Musiker auftrat. Von ihm erklang im Verlauf der Matinee noch „Mobilis“ für Violine solo in 2 Sätzen, das Nurit Stark energisch, aber auch mit Feingefühl und Schönklang, überlegen virtuos mit allen geigerischen Raffinessen und auf sehr hohem Niveau  ausführte. Sie hat die Möglichkeiten der Violine ausgereizt und das Stück am Ende in einem unendlichen Pianissimo schwebend ausklingen lassen.

Der Pianist des Eröffnungskonzertes, Jascha Nemtsow, steuerte mit herbem Anschlag, ohne besonderes Einfühlungsvermögen in der Art der 60er Jahre des 20. Jh. die „Präludien und Fugen“ in „f-Moll“ und „E-Dur“ aus J. S. Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ bei. Es war eine etwas nüchterne Wiedergabe, wenn auch beim zweiten Präludium etwas mehr Leichtigkeit anklang. Trotz Hervorheben der einzelnen Stimmen fehlte doch der große Zusammenhang. Inzwischen wird Bach auch auf dem modernen Konzertflügel von vielen Pianisten mit geistiger Tiefe und vielen Feinheiten wie auf einem Cembalo zu Gehör gebracht. Trotz dieser etwas herben Wiedergabe und einem über dem Festzelt kreisenden Flugzeug, das den Pianisten etwas irritiert haben mochte, verfehlte Bach seine Wirkung nicht. Es war nur ein aus heutiger Sicht nicht mehr gewohnter Stil. Als Pendant standen den Bachschen Präludien und Fugen die davon inspirierten „Präludien und Fugen“ in „fis-Moll“ und „d-Moll“ (op. 87) von Schostakowitsch gegenüber, die der Mentalität des Pianisten mehr entsprachen.

Von Schostakowitsch war auch das 3sätzige „Streichquartett Nr. 7 fis-Moll“ (op. 108), sehr gut ausgeführt vom, 2011 gegründeten Jacobus-Stainer-Quartett mit den Instrumentalsolisten von Sächsischer Staatskapelle und Dresdener Philharmonie Henrik Wolf – Violine I, Paige Kearl – Violine II, Christina Biwank – Viola und Simon Kalbhenn – Violoncello, das sich, neben der Wiener Klassik im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Entwicklung des Streichquartetts, auf Komponisten des 20. Jh. konzentriert und sich nach dem berühmten Geigenbauer des 17. Jh. benannt hat. Die 4 sehr guten Musiker sind sehr gut und nicht ohne Humor aufeinander ab- und eingestimmt und gewohnt, aufeinander zu hören. Sie steigerten sich mit Intensität und musikalischem Gefühl in die Musik hinein.

 Und wieder gab es eine Uraufführung: „So sei es“ für Violine, Kontrabass, Klavier und Schlagzeug von Sofia Gubaidulina. Auch hier reizte die Gubaidulina die Möglichkeiten der Instrumente aus. Besonders feinsinnig erklang von der 1. Violine ein kleines Solo. Ein überdimensionaler Gong, ein Beckenstapel und weiteres vielfältiges Schlagwerk wurden sehr differenziert und jedes Instrument nach seinen Besonderheiten von der vielseitigen Talko Salto bedient, von aufgeregt und tosend bis leise und verhalten.

 Noch einmal trat die Kremerata Baltica – Violine und Leitung Gidon Kremer – im AUFFÜHRUNGSABEND II im Festzelt auf (21.9.). Wieder standen Schostakowitsch und Bach im Mittelpunkt, Schostakowitsch original und Bach in den verschiedensten Transkriptionen seiner Präludien und Fugen, Sätzen aus seinen Partiten und Teilen der „Goldberg-Variationen“, bearbeitet für Violine und Vibraphon von Valentin Silvestro (*1937), für Streichorchester von Alexander Raskatov (*1953), für Violine solo, 2 Violinen, 2 Bratschen und 2 Violoncelli von Leonid Desyatnikov (1955), für Violine solo und Streichorchester von Stevan Kovacs Tickmayer (*1963), für Violine solo, Tonband, Crotales und Streichorchester von Victor Kissine (*1953) und für Violine und Kammerorchester von Gija Kancheli (*1935), meist groß angelegt, die Musik Bachs verklärend, auch mit romantischen Zügen und harten Paukenschlägen mit aller Kraft, eben in der Empfindungswelt des 20. Jh.

 … und wieder trommelte ein Gewitterguss so laut aufs Zeltdach, dass sich die ersten sensiblen Geigentöne Kremers, der auch dirigierte, darin verloren. Das Publikum nahm es gelassen. Schließlich gehört auch die Natur zu diesem Festival unmittelbar dazu. Es gab dissonante Klänge der Violine, aber meist ließ sich Kremer von Bach leiten und bevorzugte den melodiösen, beseelten Klang. Auch beim Klavier dominierte zuweilen der Schönklang, ohne vordergründig zu sein. Bei allem Schönklang zeigten die harten, hereinbrechenden Paukenschläge mehr über die Bedrohung einer sehr sensiblen, musikalischen, in sich gekehrten Seele als eine szenische Collage.

 Diesen Bach-Transkriptionen stand das „Konzert Nr. 1 c‑Moll“ (op. 35) für Klavier, Trompete und Streichorchester von Schostakowitsch gegenüber. Es enthält alle Stimmungen von großer Trauer und bitterem Ernst bis zum überbordenden Humor in ausgelassenem Tempo in frohen Zeiten der Hoffnung, in den immer wieder die Raison einbricht und die Fröhlichkeit gedämpft wird, typisch für den großen Widerspruch in Schostakowitschs Leben. Noch einmal war hier die großartige Anna Vinnitskaya zu erleben, äußerst virtuos und perfekt und traumwandlerisch treffsicher im atemberaubenden Tempo, mitunter auch sehr harten, aber sehr sicheren „Schlägen“ auf die Tasten und „motorisch“ „zusammengeschweißt“ mit der Solotrompete von Tobias Willner, Solotrompeter der Sächsischen Staatskapelle, in übermütigen Passagen – auch das ist Schostakowitsch. Da stimmt die Trompete einen Gassenhauer an, herrlich parodiert. Willner kann eben alles. Das Orchester ging konform mit, und das Publikum war begeistert.

 Nach viel Musik voller Ernst und Trauer, Leid und Angst wurden die Besucher der Festtage mit einer deutschen Erstaufführung, einer köstlichen „Satire für Bass und Kammerorchester“ mit dem Titel „Antiformalistischer Rajok“/“Ein antiformalistisches Paradies“ (Arrangement vom Schlagzeuger Andrei Pushkarev) optimistisch und mit großer Heiterkeit entlassen.

 Alexej Mochalov, ein ausgesprochen guter, seriöser Buffo und geborener Komödiant mit guter Bassstimme nahm die Parodie mit ausgezeichneter Artikulation komisch bis satirisch, ohne zu übertreiben oder zu überzeichnen und in Klamauk abzurutschen. Er präsentierte Humor auf höchstem Niveau, wie er leider schon sehr selten geworden ist. Das Orchester reizte seine komödiantischen Fähigkeiten aus. Bei „vollem Musizierbetrieb“ sangen die Musiker, vor allem die Streicher, „nebenbei“ wie ein Chor – sogar wie ein guter Chor – oder lachten kollektiv. Ohne das Spielen zu unterbrechen, stand das gesamte Orchester auf und setzte sich etwas später wieder in gleicher Weise, tanzte „nebenbei“ mit den Füßen und mit den Instrumenten, alles ohne das Musizieren zu unterbrechen. Es gab zahlreiche Zitate und Anspielungen auf die russische Folklore und Tradition – ein heiterer Kehraus mit geistreichem Humor auf höchstem Niveau, von dem der letzte Teil wiederholt werden musste

 Die 2 Tage und ein „Vorabend“ mit dem Eröffnungskonzert in Gohrisch waren voll ausgefüllt. Es gab einen Dokumentarfilm über Schostakowitsch, Einführungsvorträge und Führungen durch den Ort auf den Spuren Schostakowitschs. Alle Musiker treten in Gohrisch ohne Gage auf. Die Zahl der ehrenamtlichen Helfer in dem kleinen Kurort, der Umgebung und Dresden ist groß und sorgt für einen reibungslosen Ablauf, und es wird auch ein Schostakowitsch-Museum geben. Die zahlreichen Besucher (viele Konzerte waren ausverkauft) aus dem In- und Ausland danken es ihnen.

 Schostakowitsch war während seines Aufenthaltes in Gohrisch sehr glücklich, aber hätte er gedacht, dass einmal ein international beachtetes Festival auf seinen Spuren entstehen würde?

 

Ingrid Gerk

 

 

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