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DRESDEN: LOHENGRIN – erstmals in Dresden unter Thielemann

14.01.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Dresden / Semperoper: “LOHENGRIN“, ERSTMALS IN DRESDEN UNTER THIELEMANN – 13.1.2013


Judith Nemeth (Ortrud), Wolfgang Koch (Telramund), Soile Isokoski (Elsa, kniend), Robert Dean-Smith (Lohengrin). Foto: Semperoper

 „Ach, mein Gott! Was gäbe ich darum, jetzt einmal wieder an der Spitze meines Orchesters zu stehen“ schrieb Richard Wagner 1859 vor der Uraufführung des „Lohengrin“ aus seinem Weimarer Zufluchtsort an Joseph Tichatschek, den Sänger der Titelrolle. Seine „Wunderharfe“, die Sächsische Staatskapelle Dresden war es nun auch, die diese erste Dresdner „Lohengrin“-Aufführung unter Christian Thielemann (weitere am 17. u. 20.1.) zur Eröffnung des Wagner-Jahres zu einem besonderen Ereignis werden ließ. Thielemann und das Orchester waren sich einig. Bereits das fein differenzierte Vorspiel vor dem nunmehr auf ein zusammengestückeltes, aufgeklebtes Bild zusammengeschrumpften, einst romantisch einstimmenden Zwischenvorhang, der wie aus der Zeit Ludwigs II. wirkte, wurde die Handlung schon „greifbar nahe“ vorweggenommen, so dass man auf Großartiges hoffen konnte.

 Bereits im geheimnisvoll beginnenden Vorspiel lotete die Kapelle alle Facetten von lyrisch-gefühlvoll bis hochdramatisch aus. Durch sinnvolle Zurücknahme konnte sie ihre besondere Stärke, ein ausdrucksstarkes, schwebendes piano bis zum mezzoforte voll ausspielen und ihren unnachahmlichen Klang entfalten, was dann auch den Sängern sehr zugute kam. Einige (wenige) expressive, Lautstärke-intensive Passagen gab es auch, aber die wurden in den sich zuspitzenden Handlungsmomenten folgerichtig aufgebaut und schließlich vom Hörer auch an dieser Stelle erwartet, so dass der Fortgang der Handlung in seinen großen Linien aus dem Orchester heraus gestaltet wurde und tief beeindruckte. Alle Inspiration ging hier vom Dirigentenpult aus – Thielemann war in seinem Element, und die Kapelle folgte ihm in Höchstform.

 Nicht unerwähnt bleiben soll auch die Bühnenmusik, die klangvollen Fanfaren und Trompeten auf, neben und hinter der Bühne.

 Die Hauptpartien waren prominent besetzt. Soile Isokoski wirkte in ihrer Darstellung zwar nicht unbedingt wie eine junge unschuldige, sondern eher oft zerknirschte, am Boden zerstörte Elsa, aber man konnte sich ganz auf ihren wunderbaren Gesang verlassen. Mit ihrem ewig jungen, klangvollen Sopran, ausgezeichneter Artikulation und differenzierter Phrasierung nahm sie gefangen und gestaltete zahlreiche, sehr berührende Szenen.

 Robert Dean-Smith hatte es als Lohengrin nicht leicht, denn an dieser Stelle, in dieser Inszenierung, gab es schon viele, sehr gute Gralsritter. Er bemühte sich sehr um eine gute gesangliche und darstellerische Erscheinung und spannte im 3. Akt den erforderlichen großen Bogen.

 Kwangchul Youn konnte als Heinrich der Vogler zwar stellenweise mit profundem Bass und guter Tiefe aufwarten, um an die Macht eines Herrschers zu erinnern, aber seine Darstellung war eher beiläufig und ließ die wohlwollende Güte eines (Theater-)Königs vermissen, der in seiner Rolle mit Würde die Dinge in den kritischen Momenten der Handlung immer wieder richtet und für die verzweifelte Elsa einen „Rettungsanker“ darstellt.

 Für Jane Henschel war sehr kurzfristig die Bayreuth-erfahrene Judith Nemeth als Ortrud eingesprungen. Sie verkörperte mit guter Stimme und intensiver Darstellung eine unheilvolle, machtgierige, Intrigen schmiedende Ortrud, wenn auch nicht immer alle Töne original von Wagner waren. An ihrer Seite beteiligte sich Wolfgang Koch als eigentlich rechtschaffener Telramund mit ebenfalls sehr glaubwürdiger Darstellung an dem Komplott des Bösen.

 Christoph Pohl verfügt über eine sehr schöne, lyrische, wenn auch nicht ausgesprochen kräftige Stimme, die dem Heerrufer einen weniger kraftvoll-bestimmenden, als eher loyalen Charakter verlieh.

 Nun ist es für die Sänger gewiss nicht leicht, immer wieder in anderen Inszenierungen aufzutreten und die verschiedenen Regiekonzeptionen nicht durcheinander zu bringen. Da setzen sie oft in der 1. Aufführung auf Sicherheit durch Zurückhaltung und können sich erst in der 2. oder 3. Aufführung so richtig entfalten.

 Der Chor (Einstudierung: Pablo Assante) steigerte sich vom gewaltigen, rauen Männerchor zusammen mit den wohlklingenden Frauenstimmen im Verlaufe der Handlung zu wahrer Größe des Chorgesanges.

 Man war froh, der schon fast totgesagten Inszenierung von Christine Mielitz (Pr. 1983) mit der aus (heutiger Sicht) opulenten Ausstattung und den farbenfrohen Kostümen (Peter Heilein), die die Handlung in die Entstehungszeit des Werkes verlegt, als 109. Vorstellung wieder zu begegnen. Sie setzt die Musik in so adäquate Bilder um, dass sie ihre Wirkung, unabhängig von jeder Besetzung, nie verfehlt. Neu ist, dass das einst strahlende Ende plötzlich in bedrückendes, düsteres Licht (Friedewalt Degen) getaucht wird und die Oper sehr pessimistisch enden lässt.

 Insgesamt war es eine sehr musikalische (weniger wuchtige) und sehr klare, durchsichtige Aufführung in Harmonie zwischen Orchester und Bühne. Alle Sängerinnen und Sänger bemühten sich um guten Gesang, Textverständlichkeit und gute Darstellung, aber Christian Thielemann und der Sächsischen Staatskapelle gebührt eindeutig „die Krone“.

 Zur Eröffnung des Wagner-Jahres gab es an diesem Tag noch weitere Highlights. Wenige Stunden zuvor wurde in der Semperoper eine kleine Ausstellung eröffnet. Dort geht man durch das (stark verkleinert nachgebaute) Bühnenportal und fühlt sich plötzlich im ersten Semperschen Opernhaus auf der einen Seite des Foyers und im zweiten Opernhaus auf der anderen Seite, beides mit Blick auf die Bühne, d. h. den Schmuckvorhang, und in den (alten) Zuschauerraum (als farbige Projektion). Hier kann man wieder einmal sehen, was Bühnenbildner und Theaterwerkstatt so alles vermögen. Im „ersten Opernhaus“ ist eine Vitrine mit der unteren Hälfte des originalen „Rienzi“-Kostümes ausgestellt, das öfters durch andere Requisiten ergänzt werden soll, in der „zweiten Semperoper“ (wir haben jetzt die dritte) kann man auf den historisch getreu nachgebauten roten Plüschsesseln Platz nehmen und in der “HörBar“ per Kopfhörer Aufnahmen von Wagneropern aus verschieden Epochen genießen – eine nette, nicht alltäglich Idee (vielleicht vergleichbar den kleinen „Logen“ im Wiener Opernmuseum.

 Außerdem haben die Wagnerfreunde jetzt eine neue Pilgerstätte. Neben dem bereits bestehenden „Lohengrin“-Haus gibt es in dem Ort Graupa (nahe Dresden), wo Wagner 1846 den Sommer verbracht und den „Lohengrin“ konzipiert hat, ein neues Wagner-Museum im ehemaligen barocken Jagdschloss des Dresdner Hofes. Es zeigt neben Exponaten zu Wagners Biografie auch solche über Dichtung, Komposition, Theater, Bühne und Orchester. Schirmherr der Richard-Wagner-Stätten, zu denen außerdem ein Denkmal im angrenzenden Liebethaler Grund, wo Wagner oft zur Entspannung wanderte, und ein Wagner-Kulturpfad gehören, ist kein Geringerer als Christian Thielemann. Bereits am ersten Tag kamen die Besucher in Scharen.

 Ingrid Gerk

 

 

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