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DRESDEN/ Kulturpalast: „TSCHECHISCHE SINFONIK DES 20. JAHRHUNDERTS“ – KONZERT DER DRESDNER PHILHARMONIE UNTER TOMÁS NETOPIL

27.03.2021 | Konzert/Liederabende

Dresden/ Kulturpalast: „TSCHECHISCHE SINFONIK DES 20. JAHRHUNDERTS“ – KONZERT DER DRESDNER PHILHARMONIE UNTER TOMÁS NETOPIL 26.3.2021

Ein Jahr Corona – dennoch blickt die Dresdner Philharmonie unter den gegebenen Umständen und Beschränkungen auf ein erfolgreiches Jahr 2020 mit neuen digitalen Angeboten wie Radiokonzerten und Livestreams (Haydn-Hindemith-Konzerte, Festkonzert „150 Jahre Dresdner Philharmonie“), eine Auslastung der reduzierten Platzkapazität zu über 90% (als es noch möglich war) sowie CD-Produktionen („Fidelio“, Schuberts „Große C‑Dur-Sinfonie“, „Unvollendete“, „Peter und der Wolf/Karneval der Tiere“) zurück. Aktuell wird Verdis „La Traviata“ unter Daniel Orén mit Lisette Oropesa, Lester Lynch und dem Chor der Sächsischen Staatsoper auf CD aufgenommen. Im April folgt die Aufnahme von Belcanto-Arien mit Lisette Oropesa und der Dresdner Philharmonie.

Mit Telefongesprächen und einer CD als Beilage zu zwei Dresdner Zeitungen, bei der sich Philharmoniker in Wort und Musik an ihr Publikum wenden, wurde und wird die Verbindung zu einem besonders treuen, begeisterungsfähigen, verlässlichen, aktiven und altersmäßig gut zusammengesetzten Publikum aufrechterhalten, das kürzlich bei der, von „concerti“, dem auflagenstärksten Klassikmagazin Deutschlands, seit 2017 veranstalteten Abstimmung zum „Publikum des Jahres 2020“ gekürt wurde und sich gegen Mitbewerber wie die Komische Oper Berlin, das NDR Elbphilharmonie Orchester, die Dresdner Musikfestspiele und die Oper Frankfurt durchsetzen konnte. Aber auch dieses Publikum wünscht sich nichts sehnlicher, als bald wieder Live-Konzerte zu erleben.

Am liebsten würde Intendantin Frauke Roth die Türen des Kulturpalastes (wo sich jetzt sogar ein Corona-Test-Zentrum befindet) weit öffnen. Alle Bedingungen sind erfüllt, aber die Vorschriften sind anders, und so war auch das jetzige Konzert mit „tschechischer Sinfonik des 20. Jahrhunderts“ (selbst wenn eines der aufgeführten Werke bereits 1881 uraufgeführt wurde) nur nach der Aufzeichnung im Konzertsaal des Kulturpalastes (ohne Publikum) zwei Stunden später per Übertragung im Rundfunk (Deutschlandfunk Kultur) fast „live“ zu erleben und online für 30 Tage abrufbar.

 Unter Tomáš Netopi, der schon öfter in Dresden bei der Sächsischen Staatskapelle in Oper und Konzert gastierte und jetzt zum ersten Mal bei der Philharmonie am Pult stand, kam ein „tschechischer Dreiklang“ aus selten oder gar nicht gespielten sinfonischen Werken zur Aufführung, bei denen tschechische Mentalität und Heimatverbundenheit ihrer Schöpfer ihren Ausdruck in Anklängen böhmischer Lieder und Tänze finden. Geografisch ist Tschechien kein großes Land, aber zu allen Zeiten reich an Komponisten und ausführenden Musikern mit weltweiter Ausstrahlung.

 Das Konzert begann mit der „3. Sinfonie in F‑Dur für Orgel, Blechbläser und Schlagzeug“ von Miloslav Kabeláč (1908–1979), einem tschechischen Komponisten und Dirigenten, der obwohl zunächst erfolgreich und anerkannt, bald von den Konzertprogrammen verschwand, obwohl er u. a. zwischen 1941 und 1970 acht Sinfonien in sehr unterschiedlichen, interessanten Besetzungen schrieb und 1948 für seine 2. Sinfonie den tschechischen Nationalpreis erhielt, aber er war kein Angepasster, weder als Mensch, noch als Komponist.

Sein Freiheitssinn passte in kein System, weder privat noch in musikalischer Hinsicht, wo er einen eigenen, sozusagen „dritten Weg“ beschritt, durch den er in zwei Systemen (Nationalsozialismus und Sozialismus) unter politischen Druck geriet, aber er ließ sich nicht verbiegen, weder durch Repressalien während der deutschen Besatzung, als er sich von seiner jüdischen Frau nicht trennen wollte, noch nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ (1968), als seine Musik und sein Name aus dem tschechischen Musikleben gestrichen wurden, obwohl sein internationaler Erfolg gerade begonnen hatte. Dadurch geriet er auch im eigenen Land bis in die Gegenwart völlig in Vergessenheit. Als er 1970 starb, nahm öffentlich niemand Notiz davon.

Seine Musik ist „hart“. Wie hätte er in der damaligen Situation auch anders schreiben können. Sie spiegelt die Verhältnisse und Ereignisse in schlimmen Zeiten wider. Bei seiner „3. Sinfonie“, begonnen 1948, überarbeitet 1957 und 1958 von der Tschechischen Philharmonie unter Karel Ancerl uraufgeführt, verstand es Netopil mit harten Klängen, mitunter motorisch, aber nie krass, in angemessenen Kontrasten auch behutsam tröstende Passagen mit dem warmen Klang der Philharmonie zum Klingen zu bringen und die zwiespältigen Empfindungen, den deutschen Hörern nahezubringen. Kabeláč verwendete gern Gesang und Sprache sowie Orgel in seinen Kompositionen und komponierte auch viel für Orgel solo. Bei seiner dritten Sinfonie nimmt die Orgel einen größeren Raum ein, gespielt von Cameron Carpenter, der erstmals an der neuen, großen Schuke-Orgel des Kulturplastes saß und mit seinem einfühlsamen Spiel, sehr gutem Klang und viel Emotionalität Kabeláčs Botschaft herüberbrachte.

Dieser ausgiebige Orgelpart hatte etwas Versöhnliches, auch Kirchliches und Hoffnungsvolles. Ebenso fügte sich der Paukist immer in Hinblick auf die Gesamtkonzeption  der Wiedergabe adäquat in das Gesamtgefüge dieser ungewöhnlichen Komposition ein, bei der auch immer wieder behutsam die tschechische Mentalität in ihrer Spezifik durchschimmerte, denn: „Jeder Mensch hat ein Herz, auch wenn er es nicht sichtbar trägt“, war Kabeláčs Credo. Trotz überwiegender Härten war die Musik nie „nervig“, wodurch der seelische Zwiespalt deutlicher wurde, als bei Schroffheit und Lautstärke, so wie es auch Kabeláčs Anliegen entsprochen haben dürfte. In seinem Œuvre voller handwerklicher und künstlerischer Qualität und einer Botschaft, die viel zu sagen hat, wird es noch viel zu entdecken geben.

Ähnlich wie Kabeláč musste auch Bohuslac Martinů in der überaus komplizierten Zeit Mitte des 20. Jahrhunderts seinen eigenen Weg finden, obwohl er mehr als die Hälfte seines Lebens im Ausland verbrachte, durchaus bekannt und keinem politischen Druck ausgesetzt, blieb  er seiner tschechischen Heimat eng verbunden. Sein „Doppelkonzert für 2 Streicherorchester, Klavier und Pauken“ (H‑271), ein Auftragswerk seines Schweizer Mäzens Paul Sacher, komponiert 1938, gehört zu seinen dramatischsten und expressivsten Werken. Es enthält viel tschechisches Kolorit und engen Bezug zur tschechischen Volksmusik als Ausdruck von Heimweh und Sorge um seine Heimat vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, was sich in bedrohlichen, wuchtigen Paukenschlägen wie heraufziehender Donner Gehör verschafft.

Komplizierte Strukturen, in denen beide Streichorchester zunächst getrennt, später zusammengeführt werden (möglicherweise symbolisch für die politische Situation zur Zeit des Münchner Abkommens), die differenzierte Rhythmik und Spannung zwischen regelmäßigen und unregelmäßigen Elementen, freie, rhapsodische Formen, häufiger Taktwechsel und ein ständiges Changieren zwischen Dur und Moll, Festhalten an einer erweiterten Tonalität und harsche Dissonanzen, stellen eine Herausforderung für Dirigent und Orchester dar, die von allen Mitwirkenden in Kongenialität bewältigt wurde. Die relativ traditionelle Harmonik von eigener Ausprägung ließ neuartige Zusammenhänge und Klangfarben entstehen. Es waren immer wieder die Zweifel zu hören. Manchmal flammte eine Melodie auf, vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber den langsamen Satz erschütterte eine große, traurige Melodie.

Es war alles im Fluss, vital und tänzerisch, verzweifelte, aber gedämpfte Härte und sanfte Hoffnung, alles sehr gut abgestimmt in gutem Zusammenwirken zwischen Dirigent, Orchester und dem wuchtigen Klavierpart, ausgeführt von Christoph Berner, der mit sehr viel musikalischem Gespür, klangvollem Anschlag, zuweilen aber auch Motorik oder sehr gewichtigen, einzeln im Raum stehenden, Akkorden „nie das Ohr beleidigend“ (W. A. Mozart), agierte, endend mit sehr sanften, versöhnenden und vielleicht hoffungsvollen Tönen.

Eher unbeschwerte Stimmungen strahlen Antonín Dvořáks Sinfonien aus, von denen die „Siebente“ und „Achte“ und erst recht die „Neunte“ oft im Konzertsaal zu erleben sind, seine „Sinfonie Nr. 6 D-Dur“ (op. 60) hingegen weniger, obwohl sie in einer für ihn glücklichen, erfolgreichen Zeit entstand und mit viel Raffinement komponiert, viel Lebensfreude ausstrahlt und  in keiner Minute die Spannung nachlässt. Dvořák machte damit auf dem Gipfel seiner slawischen Periode das „Böhmentum“ international, indem er sich europäischen Einflüssen öffnete. Jede Phase ist voll von slawischer Mentalität und volkstümlichen Melodien, einschließlich eines typisch tschechischen Tanzes, dem Furiant.

 

Zu seinen Lebzeiten wurde sie unter Missachtung aller seiner vorangegangenen Sinfonien, die dem Zeitgeschmack zufolge in ihrer Thematik zu stark von böhmischen und tschechischen Einflüssen geprägt waren, als 1. Sinfonie veröffentlicht, die erste Sinfonie nach europäischen Maßstäben. Ursprünglich für die Wiener Philharmoniker und ihren Chefdirigent Hans Richter komponiert, wurde sie wegen indirekter Ablehnung in Wien erst 1881 in Prag uraufgeführt und 11 Jahre später unter Hans Richter, dem sie gewidmet ist, in London.

Netopil hat sie schon oft dirigiert und liebt sie mehr und mehr. Als Tscheche ist er der Mentalität seiner Landsleute sehr verbunden und ließ sich auch von Gefühl und deren typischem, gemäßigtem Temperament leiten, wobei der Furiant in einer leidenschaftlichen Steigerung mit viel Feingefühl sehr beeindruckend gelang, wie man ihn nur sehr selten hört. Es ist schon ein Unterschied, ob ein Dirigent mehr rational oder emotional ein Werk erfasst und leitet. Hier war die Wirkung unmittelbar und mitreißend.

Die drei aufgeführten Werke fügten sich zu einem ungewöhnlichen, aber in sich stimmigen Dreiklang zusammen, durch den sich wie ein rotes Band die spezifische musikalische Mentalität Tschechiens zog.

Schöner Ausblick auf die weiterhin ungewisse Konzert-Saison: Mitte April werden ebenfalls für den Rundfunk zwei Konzertprogramme unter der Leitung von Chefdirigent Marek Janowski mitgeschnitten.

 Ingrid Gerk

 

 

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