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DRESDEN/ Kulturpalast: „JUBILÄUMSKONZERT“ DER DRESDNER PHILHARMONIE ANLÄSSLICH IHRES 150JÄHRIGEN BESTEHENS – LEIDER OHNE PUBLIKUM

01.12.2020 | Konzert/Liederabende

Dresden / Kulturpalast:  „JUBILÄUMSKONZERT“ DER DRESDNER PHILHARMONIE ANLÄSSLICH IHRES 150JÄHRIGEN BESTEHENS – LEIDER OHNE PUBLIKUM – 29.11.2020

Die Dresdner Philharmonie, das zweite Spitzen- und Reiseorchester der Stadt, das vor 150 Jahren allein durch bürgerliches Engagement entstand, hatte gehofft, ihr Jubiläum Ende November mit einer Festwoche begehen zu können, hatte aber das Pech, dass dies in die Zeit des 2. Lockdowns fiel, der leider nicht, wie erhofft, Ende November zu Ende ging, sondern noch weiter ausgedehnt wurde – wie lange noch? . Es dürfen nach wie vor keine öffentlichen Veranstaltungen und Konzerte stattfinden, aber Glück im Unglück, konnte dank einiger Rundfunk- und Fernsehsender wenigstens das Jubiläumskonzert am Gründungstag des Orchesters stattfinden, wenn auch ohne Publikum, das nur per Video-Livestream (arte.tv.de/arte-concert – Produktion: EuroArts) und im Hör- und Fernsehfunk (Deutschlandfunk Kultur, mdr Klassik, mdr Kultur) teilnehmen konnte, dafür aber in zahlenmäßig viel größerer Menge (schätzungsweise bis zu 100 000 Teilnehmer) als (nur) im Konzertsaal.

Jetzt ist auch für die Philharmonie eine schwere Zeit angebrochen. Die Projekte werden oft lange vorbereitet, und müssen dann abgesagt werden. Es kann nicht mehr langfristig geplant werden, manchmal nur noch von Woche zu Woche, aber dieses Orchester musste schon viele schwere Zeiten überstehen und hat alle Hürden genommen, wie die drohende Abwicklung 1923 während der großen Wirtschaftskrise, die Schließung aller Konzerthäuser 1944 und die Bombardierung der Stadt 1945. Es hat Faschismus und Sozialismus getrotzt und schwere Zeiten wie die Neupositionierung nach der politischen Wende 1989/90 sowie die vielen Jahre in Ungewissheit ohne eigenen Konzertsaal überstanden.

Trotz grundlegender Programmwechsel, Tempowechsel, Dirigentenwechsel usw. hat der Klangkörper seinen spezifischen, warmen, den „Dresdner Klang“, erhalten und auch sein Publikum, das „seinem“ Orchester über die Zeiten immer treu geblieben ist. Es ist eine „innige Beziehung“, wie Intendantin Frauke Roth in der Pause, des, live im Kulturpalast durchgeführten, Festkonzertes resümierte, „die Philharmonie braucht mehr als jedes andere Orchester ihr (treues) Publikum, und das Publikum braucht „sein“ Orchester, mit dem es sich sehr verbunden fühlt und durch „dick und dünn“ geht. Beide werden auch die neuerliche Hürde eines längeren Lockdowns überstehen.

Als Gründungstag dieses Klangkörpers gilt der 29. November 1870, als die Bürger im damaligen höfischen, adligen und religiösen Dresden ihr neu erbautes Gewerbehaus mit eigenem Konzertsaal einweihten, in dem sich, ausschließlich durch ihr eigenes Engagement das „Gewerbehausorchester“, das 1915 als „Dresdner Philharmonisches Orchester“ eingetragen wurde, etablierte und neben der damaligen Dresdner Hofkapelle, der jetzigen Sächsischen Staatskapelle, Konzerte gab, ab1875 regelmäßig Philharmonische Konzerte.

Beide Orchester strebten stets nach höchster Qualität in einem „produktiven Reibungsverhältnis“, lange Zeit in gegenseitiger Abgrenzung, jetzt aber im offenen, freundschaftlichen Verhältnis, und so gibt es jetzt zwei Spitzenorchester in der Stadt (Berlin hat noch mehr große Orchester), „zwei Reiseorchester und Botschafter der Stadt und der deutschen Musikkultur im Ausland“, wie der musikliebende ehemaligen Bundesminister Thomas de Maizière im Pausengespräch betonte.

Das Festkonzert wurde von Chefdirigent Marek Janowski geleitet,  der gerade seine Amtszeit bis 2013 verlängert hat, was von allen Seiten, der offiziellen, den Musikern und dem Publikum mit großer Freude aufgenommen wurde. Er hat noch viele Spitzenprojekte vor und bedauert, dass er nicht jünger ist, um noch länger mit dem Orchester arbeiten zu können. Schade, dass er nun auch noch vom Lockdown ausgebremst wird. Seine Qualitäten wurden in diesem Konzert erneut sehr deutlich. Auf dem Programm standen zwei Werke aus dem Kernrepertoire der Dresdner Philharmonie, „Der Bürger als Edelmann“ Orchestersuite aus der Musik zur Komödie von Molière (op. 60) von Richard Strauss und die „Sinfonie C-Dur“, die „Große“ von Franz Schubert, aber wie Janowski gerade das erste Werk plastisch erstehen ließ, war wieder neu und schlichtweg bewundernswert.

Dieses Konglomerat aus „Resten“ eines gescheiterten Experiments von Strauss und Hofmannsthal als Mischung aus Theater und Oper, von dem einerseits die Oper „Ariadne auf Naxos“ übrig blieb und andererseits diese Suite, gelang großartig. Bei dieser außergewöhnlichen Transparenz konnte man die gesamte Handlung der Komödie von Molière um einen neureichen Bürger, der alles daransetzt, in adelige Kreise zu gelangen und am Ende der Genarrte ist, nicht nur entsprechend der bezeichnenden Satztitel sehr plastisch verfolgen, sondern auch die musikalischen Zitate der Ballettmusik von Jean-Baptiste Lully und natürlich Strauss‘ verbindende Komposition mit spätromantischer Melodik und Harmonik, in die er den eleganten französischen Barockstil mit seinen „schlanken Melodien und federnden Rhythmen“ wie selbstverständlich einfließen lässt.

Köstlich wurden die, in feiner Ironie überzeichneten, Gegensätze von höfischer Eleganz und dem tölpelhaftem Verhalten des plumpen Parvenüs, sein Unvermögen, ein Menuett zu erlernen und beim Fechtunterricht sein täppisches Imponiergehabe abzulegen, karikiert – bis hin zur, mit einigem Augenzwinkern und musikalischen Zitaten komponierten, Speisekarte, bei der „Salmen vom Rhein“ mit den Wellen aus Wagners „Rheingold“, eine „Hammelkeule nach italienischer Weis“ mit Schafsgeblöke aus Strauss‘ „Don Quixote“, und „Drosseln und Lerchen auf Salbei und Thymian“ mit zwitschernden Vögeln aus seinem „Rosenkavalier“ sehr anschaulich serviert wurden.

Musikalisch wurden diese Köstlichkeiten mit der, für Strauss typischen, Klangfarbe, die durch die „kammermusikalische“ Besetzung von nur etwas über 30 Musikern erreicht wird, vor allem durch die trefflichen Soli von Posaune, Trompete und Klavier, dem bürgerlichen Instrument schlechthin, das als verbindendes Element auch als Reminiszenz an das Cembalo, das in der Barockzeit mit der Continuo-Gruppe das musikalische Fundament legte, das Werk durchzieht. Einen besonderen Glanzpunkt stellte die klangschöne, mitunter fast zart schmelzende Solovioline des Ersten Kontermeisters Wolfgang Hentrich dar, eine singende Geige voller Klangschönheit als Inkarnation der, dem plumpen Bürger vorschwebenden, für ihn aber unerreichbaren, graziösen Welt des Adels.

Typisch Strauss steuert alles auf einen Walzer am Ende zu, der, dem Inhalt entsprechend, „etwas schräg“ und leicht verzerrt, im burlesken Taumel pompös und mit dem Triumph (fast) aller Beteiligten gegenüber dem gefoppten, aufgeblasenen Bürger ausklang.

Janowski verstand es, diesen Zwiespalt zwischen seriös eleganter Welt und plumper Volkstümlichkeit in köstlicher Weise anschaulich zu Gehör zu bringen. immer in klanglicher Klarheit, bei der auch die bewusst verworrenen Handlungsstränge deutlich blieben. Er ließ die Musik geradezu sprechen und verhalf ihr zu großartiger Wirkung, wobei die einzelnen Stimmen klar herausgearbeitet wurden und auch Klangschönheit und die virtuose Seite im Dienst einer humorvollen Satire nicht zu kurz kamen. Damit machte diese Wiedergabe einem Festkonzert alle Ehre.

Eine ganz andere, eine aufrichtig freundliche Seite bestimmte die Wiedergabe von Franz Schuberts großer „C‑Dur‑Sinfonie“. Im Gegensatz zu anderen Interpretationen lag hier der Fokus weniger auf den großen inneren Spannungsbögen, die der Sinfonie immanent sind, als vielmehr auf der allgemein üblichen Vorstellung von Schuberts freundlich-wohlwollendem Wesen und angenehmer, schöngeistiger Unterhaltung. Zweifellos kommt – wie in vielen seiner Werke – unter anderem auch seine biedermeierliche Herzlichkeit zum Ausdruck, aber das trifft den Charakter der Sinfonie nur halb.

Janowski ließ die Musik mit dem typischen, warmen Klang der Philharmonie ausschwingen, zuweilen mit dynamischen Einsätzen bis zu innerem Jubel, vorwärtsdrängend, die tänzerischen Elemente einbeziehend, in bester Weise unterhaltsam, aber weniger in seelenvolle Tiefen vordringend. Er ließ die angenehme Seite betonen, eben Schubert, wie man ihn kennt und liebt, obwohl dieser in seiner achten und letzten Sinfonie zu neuen Ufern aufbricht, neue Pfade in Richtung Romantik beschreitet, die er aufgrund seines frühen Todes nicht mehr weiter gehen konnte.

Nur zu Beginn „hörte“ man – nur bei dem einleitenden, sehr sauberen Solohorn – unterschwellig und nur sehr gering die l,eere des Konzertsaales, dann glich die gute Akustik alles aus, auch eine neue Erkenntnis, die zeigt, dass dieser Konzertsaal nicht nur für großes Orchester, Kammermusik und Soloabende geeignet ist, sondern offenbar auch für Aufführungen ohne Publikum.

Nun ist eine „Live“-Übertragung in den Medien kein vollwertiger Ersatz für ein Live-Konzert und der Eindruck mitunter ein ganz anderer, was besonders auffällt, wenn man beides erleben kann, aber sei‘s drum, was bleibt anderes übrig in solchen Zeiten. Immerhin ist selbst eine „Tonkonserve“ besser als nichts, zumal die jetzige Tontechnik in letzter Zeit gewaltige Fortschritte gemacht hat.

 Ingrid Gerk

 

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