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DRESDEN/ Kulturpalast: 4. PALASTKONZERT MIT ANDRÁS SCHIFF & CAPELLA „ANDREA BARCA“ IM VORFELD DER DRESDNER MUSIKFESTPIELE

07.02.2019 | Konzert/Liederabende

Dresden/Kulturpalast:  4. PALASTKONZERT MIT ANDRÁS SCHIFF & CAPELLA „ANDREA BARCA“ IM VORFELD DER DRESDNER MUSIKFESTPIELE – 6.2.2019

Die Dresdner Musikfestspiele (16.5. ‑ 10.6.) werfen bereits ihre Schatten voraus. Im Vorfeld verkürzen jetzt die Palastkonzerte im neuen Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes die Wartezeit und machen Lust auf mehr beim Festival. Ins 4. Palastkonzert lockte ein Programm mit ausschließlich Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und füllte den Saal mit erwartungsvollen Musikliebhabern und Mozart-Fans. Auf dem Programm standen zwei Klavierkonzerte und eine Sinfonie aus den besten Schaffensjahren des Meisters, die für Mozarts großen Ideenreichtum stehen, die Entwicklung der Solokonzerte stark beeinflusst haben und die Vollendung der klassischen Form durch L. v. Beethovens einleiteten.

Mozarts Werke gehören zum Kernrepertoire des Pianisten András Schiff und seiner Capella „Andrea Barca“, die einen vermeintlichen italienischen Zeitgenossen Mozarts als Namenspatron für sich erkor, der bei dessen Privatkonzert in der Villa del Poggio bei Florenz die Noten umgeblättert und dabei beschlossen haben soll, sein Leben hauptsächlich der Interpretation Mozartscher Klavierwerke zu widmen, in Salzburg aber von der kritischen Lokalpresse mit sehr gemischter Zustimmung empfangen wurde und wieder in seine Heimat zurückkehrte, wo er als Pianist und Komponist wirkte – oder ist er nur eine fiktive Vision, deren Name sich aus der Italienisierung des Namens András Schiff ergibt – ein selbst bekannter Zeitgenosse Mozarts im Geist?

Für seine „handverlesene“ Capella hatte der in Budapest geborene Weltbürger András Schiff Freunde aus aller Welt, Solisten und Kammermusiker renommierter Orchester, für die Gesamtaufführung der Klavierwerke Mozarts im Rahmen der Salzburger Mozartwochen 1999 ‑ 2005 ausgewählt, wo sie seither regelmäßig und auch bei anderen internationalen Festivals und in europäischen und amerikanischen Metropolen gastieren.

Die Orchestermusiker saßen unkonventionell im Halbkreis, die Bläser rechts und links von je einem Kontrabass flankiert, mittig im Vordergrund sein Bösendorfer-Flügel, von dem aus er das 40 Mann (und Frauen) starke Orchester mit dezenten, aber gezielten Gesten leitete, wenn er nicht bei den beiden Klavierkonzerten mit dem Solopart beschäftigt war. Gestochen „scharf“, klassisch klar hatte Sir András seinen Solopart angelegt mit seinem bewundernswert sanften, fein nuancierten, wohlklingenden Anschlag, seinem immer wieder auffallend feinen Piano und einschmeichelndem Ton, sehr schönen Trillern und frappierender Geläufigkeit seiner Finger. Es war kein leichter, tändelnder Mozart, wie er in manch volkstümlicher Vorstellung wegen seiner eingängigen Melodien und schöngeistig unterhaltsamem Charakter immer noch herumgeistert – das hätte nicht zum Charakter der aufgeführten Werke gepasst – sondern ein sehr ernsthafter Mozart, der viel zu sagen hat.

Schiff hält nicht allzu viel von historisch informierter Aufführungspraxis, da nicht nur die Konzertsäle viel größer als zu Mozarts Zeiten, sondern auch Publikum und Hörgewohnheiten andere geworden sind. Es ist nicht wichtig, ob ein Werk klassisch, historisch informiert oder individuell interpretiert wird. Wichtig ist, wie sehr die Intentionen des Komponisten von den Ausführenden aufgenommen und wiedergegeben werden. Es kann ohnehin niemand sagen, wie es zu Zeiten des Komponisten wirklich geklungen hat und ob das der Idealfall war. Überliefert ist nur, dass Publikum und Fachwelt, Musiker und Komponisten voller Bewunderung waren.

Mozart lässt sich ohnehin kaum verbiegen, er lugt immer wieder durch jede Interpretation, ob nun gut oder weniger gut, hindurch. Ein späterer Zeitgenosse drückte es einmal nach einem mäßig anlaufenden Konzert so aus: „Es war, als wäre plötzlich Mozart selbst vorbeigekommen und hätte den Dirigentenstab in die Hand genommen“. Irgendwie inspiriert die Musik die Ausführenden so sehr, dass am Ende meist doch noch ein „echter Mozart“ entsteht.

Erschienen die ersten Töne der Orchester-Einleitung des strahlenden „Konzertes für Klavier und Orchester Nr. 15‑Dur“( KV 450) zunächst in ihrer „dunklen Tönung“ noch etwas befremdlich, konnte man sich später doch mehr in „mozartischen Gefilden“ fühlen. Naturgemäß kann ein Orchester aus individuellen Könnern ihres Instrumentes, die durchaus gewohnt sind, auf ihre Mitstreiter zu hören und mit ihnen zu kommunizieren, sich aber nur gelegentlich zu gemeinsamen Projekten zusammenfinden, doch nicht ganz die lockere Muszierfreude und den beglückenden Tutti-Klang erreichen wie ein „gewachsenes“ und gut eingespieltes (Spitzen-)Orchester, wo sich die Musiker „blind“ verstehen und „gemeinsam fühlen“, um „unbeschwert“, frei von technischen Problemen, gestalten und sich entfalten zu können, mag es sich auch nur um feine Nuancen handeln.

Bei der „Sinfonie Nr. 39 Es‑Dur“ (KV 543)? „Schwanengesang“ und dem „Konzert für Klavier und Orchester Nr. 17 G‑Dur (KV 453)“ wurde vor allem Wert auf schönen Klang und Sensibilität gelegt, die langsamen Sätze relativ langsam und genussvoll ausmusiziert und auch schon ein wenig Romantik unterschwellig spürbar. Durch Schiffs feinsinnige Interpretation am Klavier hatte das Konzert in seiner Intimität einen beinahe kammermusikalischen Charakter, bei dem dank der guten Akustik des Saales dennoch kein Ton verlorenging – eine gute „Mischung“ aus alter Muszierpraxis im kleineren Kreis und den jetzigen Konzert-Gepflogenheiten.

Seine Doppelrolle machte Schiff auch optisch deutlich. Wenn er als Solist Pause hatte, erhob er sich, um das Orchester zu dirigieren, was im ständigen Auf und Ab für Abwechslung sorgte, aber auch etwas die innere Ruhe nahm. Es entspricht einer alten Sitte, das Orchester vom Soloinstrument aus zu dirigieren, was damals aus der gegebenen Situation heraus entstand. Die Musiker waren längst nicht so gut vorbereitet wie heutzutage, die Orchester viel kleiner und das Publikum weniger anspruchsvoll. Wenn jetzt akribisch auf die Imitation dieser alten Verhältnisse orientiert wird, könnte man das aus heutiger Sicht auch als einen Schritt zurück betrachten, denn inzwischen ist man in der Aufführungspraxis wesentlich weiter. Historisch orientierte Aufführungspraxis? – Gelegentlich ja, aber nicht um jeden Preis!

Als Zugabe spielte Schiff – nein, nicht Mozart, sondern solo auf dem Klavier die „Aria“ aus den „Goldbergvariationen“ von Johann Sebastian Bach, seinem anderen Favoriten.

Ingrid Gerk

 

 

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