Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Kreuzkirche: W.A.MOZARTS S „REQUIEM“ IM GEDENKKONZERT DES DRESDNER KREUZCHORES ANLLÄSSLICH DER ZERSTÖRUNG DRESDENS

11.02.2018 | Konzert/Liederabende

Dresden/Kreuzkirche: W. A. MOZARTS „REQUIEM“ IM GEDENKKONZERT DES DRESDNER KREUZCHORES ANLLÄSSLICH DER ZERSTÖRUNG DRESDENS – 10.2.2018

Als 1995 bei den Gedenkkonzerten anlässlich des 50. Jahrestages der Zerstörung Dresdens Stimmen laut wurden, „die Toten ruhen zu lassen“ und diese Tradition zu beenden, hielten Dresdner Kreuzchor, Sächsische Staatskapelle und Dresdner Philharmonie dennoch daran fest und führen weiterhin alljährlich um diesen Jahrestag Gedenkkonzerte durch, was große Resonanz bei Bevölkerung und Touristen findet. Oft werden dabei auch große Werke der Kirchenmusik aufgeführt. In diesem Jahr entschieden sich Sächsische Staatskapelle und Christian Thielemann für die „Johannespassion“ von J. S. Bach (13.,14., 15.2.), die Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling für Schostakowitschs „Sinfonie Nr. 13“ und der Dresdner Kreuzchor unter Roderich Kreile für das „Requiem“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

Beim Kreuzchor erklang vor dem „Mozart-Requiem“ wie in jedem Jahr traditionsgemäß die Trauer-Motette für vier- bis siebenstimmigen Chor a capella „Wie liegt die Stadt so wüst“, die der langjährige Kreuzkantor Rudolf Mauersberger (1889-1971), der den Kreuzchor zu Weltruhm führte, am Karfreitag des Jahres 1945 noch unter den persönlichen Eindrücken des Angriffs auf Dresden nach Bibelworten aus den Klageliedern Jeremias schrieb, die in verblüffender Weise den trostlosen Zustand Dresdens nach der Zerstörung, emotionales Elend und Verzweiflung wiederspiegeln. Er schrieb sie für den Kreuzchor, den es nicht mehr gab, der aber bereits vier Monate später wieder in der ausgebrannten Kreuzkirche auftrat und diese Motette in seiner ersten Vesper uraufführte. Inzwischen ist sie zu einer Reminiszenz an die „Wiederauferstehung“ des Chores und die Erinnerung an Dresdens düsterste Zeit geworden.

Während Mauersbergers langjähriger Amtszeit leitete diese Motette sein alljährlich aufgeführtes „Dresdner Requiem“ ein, das in seiner Allgemeingültigkeit auch jetzt noch aufgeführt zu werden verdiente, aber es blieb nur die Motette, auf die die Dresdener nicht verzichten wollen und die auch in diesem Jahr vom Chor in schöner Klarheit gesungen wurde.

Dass im Anschluss an die Motette die volltönenden Glocken der Kirche geläutet wurden, geht ebenfalls auf eine von Mauersberger begründete Tradition zurück, die bei den Besuchern großen Anklang findet.

Da viele der jungen Sänger des Kreuzchores von der gegenwärtigen Krankheitswelle betroffen sind, wurde der Kreuzchor vom Vocal Concert Dresden unterstützt, ein Vokalensemble, das von dem langjährigen Konzertdirigenten des Dresdner Kreuzchores Peter Kopp geleitet wird und wiederholt, insbesondere bei den Aufführungen des „Deutschen Requiems“ von Johannes Brahms mitgewirkt hat, wodurch ein ausgewogener Klang und einheitliche Stilorientierung gegeben waren. Bei dem „gemeinsamen“ Chor fielen die schönen Sopranstimmen und eine sehr gute Phrasierung und Dynamik auf.

Das Solistenquartett war insgesamt mit sehr guten, im Oratoriengesang erfahrenen Sängerinnen und Sängern besetzt, die auch über die entsprechenden Stimmen verfügen und sich sehr für die Aufführung engagierten.

Andreas Scheibner, der für den erkrankten Jochen Kupfer eingesprungen war, ein Opernsänger, dessen Baritonstimme und Diktion par exzellence auch für den Oratoriengesang und insbesondere die etwas trockene Akustik der Kreuzkirche geeignet sind, führte mit seinen Erfahrungen das Solistenquartett an, ohne vordergründig zu wirken. Seine profunde Stimme mit gut klingender Tiefe und die ebenfalls sehr gut klingende, tragende Altstimme von Annekathrin Laabs und ihr gutes Stilempfinden bildeten das sichere Fundament für das Solistenquartett, bei dem sich auch der langjährige, erfahrene Oratorientenor Martin Pätzold mit Enthusiasmus einbrachte.

Die junge Sopranistin Mandy Fredrich, die nach zunächst anderen Berufswegen als erste Deutsche den Competizione dell’Opera gewann und bereits bei den Salzburger Festspielen, am Opernhaus Zürich, der Mailänder Scala, den beiden großen Opernhäusern Berlins, der Staatsoper München usw. debütierte, wirkte zunächst verständlicherweise noch etwas zurückhaltend, harmonierte aber sehr gut mit den anderen Solostimmen und setzte mit ihrer mühelos fließenden, oft auch beseelten Sopranstimme die nötigen gesanglichen Glanzmomente. In der Akustik der Kreuzkirche wirkte ihre Stimme relativ „schlank“, aber sie berechtigt neben ihren Opernerfolgen auch auf dem Gebiet des Oratoriengesanges zu großen Hoffnungen.

Insgesamt gab das Solistenquartett den guten Ton an. Die sehr zuverlässig und mit viel Engagement musizierende Kammerakademie Potsdam, die anstelle der Dresdner Philharmonie, die zu dieser Zeit eigene Konzerte zu bestreiten hat, das Orchester bildete, nahm die Intentionen der Solisten auf und führte sie instrumental weiter, ein gutes Zusammenwirken von vokaler und instrumentaler Gestaltung.

Die gesamte Aufführung war unter der Leitung von Kreuzkantor Roderich Kreile weniger dramatisch angelegt, nicht zwingend „unter die Haut“ gehend, sondern ruhig, beschaulich, eher zurückhaltend und mit einigen „Zäsuren“ zwischen den einzelnen, in sich stimmigen, ausgewogenen Abschnitten, die u. a, auch durch kleine Pausen verursacht wurden, in denen die Solisten von ihren Seitenplätzen bis vor das Orchester zu gehen hatten. Es gab keine mitreißenden Höhepunkte im Gesamtkonzept, wie sie sich etwa im „Dies irae“ anbieten, keine große Dramatik, sondern eine, auf Schönheit des Klanges und „innere Einkehr“ gerichtete, Sichtweise, auf die man sich einstellen konnte.

 

Ingrid Gerk

 

Diese Seite drucken