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DRESDEN/ Kreuzkirche PETER SCHREIER ZUM 80. GEBURTSTAG MIT W. A. MOZARTS „REQUIEM“

21.09.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden/Kreuzkirche: PETER SCHREIER ZUM 80. GEBURTSTAG MIT W. A. MOZARTS „REQUIEM“ – 20.9.2015

Ende Juli feierte Peter Schreier seinen 80. Geburtstag. Das Singen hat er inzwischen (leider) aufgegeben, aber jüngere Sänger – auch sehr renommierte! – eifern ihm jetzt im Lied- und Oratoriengesang akribisch nach, was auch für die Zukunft hoffen lässt, denn er hat auf diesen Gebieten kaum zu überbietende Maßstäbe gesetzt.

Das Dirigieren ist nach wie vor seine große Leidenschaft. Deshalb setzte er sich jetzt mit einer Aufführung des „Requiems d-Moll“ von Wolfgang Amadeus Mozart im Rahmen eines Benefizkonzertes für den Neubau einer Konzertorgel in dem künftigen Konzertsaal der Dresdner Philharmonie im Dresdner Kulturpalast ein (allen Umbenennungsversuchen zum Trotz hat sich der Name „Kulturpalast“ immer wieder durchgesetzt). Peter Schreier machte sich und dem begeisterten Publikum, das die Kreuzkirche (über 3200 Plätze) bis in den letzten Winkel füllte, damit das größte Geschenk.

Mit der vorangestellten Motette D-Dur (KV 618) „Ave verum corpus“ für Chor, Streicher und Orgel stimmten der Philharmonische Chor Dresden (Einstudierung: Gunter Berger) und die Dresdner Philharmonie emotional und sehr stilvoll auf das „Requiem“ ein. Bereits bei den ersten Takten wurde deutlich, dass sich diese Aufführung durch ihre Qualität und Ausdruckskraft von vielen anderen unterscheiden würde und hier Großartiges zu erwarten war.

Ein gemäßigtes Tempo sorgte für die volle Entfaltung der Klangschönheiten dieser Motette und hatte zusätzlich etwas Tröstliches im Zusammenwirken mit dem immer wieder erschütternden „Requiem“ in seiner düster-ernsten Grundstimmung. Da die Motette noch einmal zum Abschluss erklang, wurde das „Requiem“ quasi in eine lichte Atmosphäre „eingebettet“.

Für Peter Schreier hat Mozart eine ganz besondere Bedeutung, was er einmal auf den Punkt brachte, indem er sagte, dass es vielleicht überheblich klingen mag (was aber für ihn ganz und gar nicht zutrifft), dass sich Mozarts Musik und Genialität umso mehr erschließt, je mehr und je intensiver man sich damit beschäftigt. Das mag bei manchem Musikfreund vielleicht Widerspruch heraufbeschwören, erscheint doch Mozarts Musik so eingängig und leicht verständlich, dass sie nicht selten (irrtümlicherweise) selbst von Fachleuten als „einfach, gefällig und mit links zu machen“ abgetan wird und die Mozart-Opern mit Sängern besetzt werden, die nicht oder noch nicht Wagner oder Verdi singen können. Mozart war so genial, dass er alles beherrschte, sowohl dem weniger anspruchsvollen, unvorbereiteten Hörer, als auch dem anspruchsvollsten viel zu geben. Das war auch seine Maxime, die er einmal in einem Brief an seinen Vater formulierte und selbst am besten in die Praxis umzusetzen vermochte.

Wie oft hat man Mozarts „Requiem“ in ganz unterschiedlichen Aufführungen, an den verschiedensten Orten und in sehr unterschiedlicher Besetzung schon gehört, und immer wieder erschüttern bereits die ersten geheimnisvollen Takte. Wenn dann noch ein Vollblutmusiker wie Schreier am Pult steht, der nicht nur die musikalische Seite meisterhaft umsetzt, sondern auch den geistig-emotionalen Gehalt vermitteln kann und nach langer künstlerischer Auseinandersetzung jetzt den Ausdruck über die Schönheit der Wiedergabe stellt, wird die Aufführung zum nachhaltigen Erlebnis, das lange im Gedächtnis haften bleibt.

Die Solisten hatte Schreier nicht nur nach ihren stimmlichen Qualitäten, sondern auch nach ihrem gesanglichen Gestaltungsvermögen ausgewählt. Alle vier, auf dem Gebiet des Oratoriengesanges sehr erfahrenen, Solisten beeindruckten durch ihre schönen Stimmen und sehr gute Gestaltung ihrer solistischen Passagen. Sie alle beherrschen alle Nuancen eines guten Gesanges vom feinsten Pianissimo bis zum dramatischen Fortissimo in unauffällig gleitender Phrasierung und ließen sich ganz von der Musik leiten. Neben ihren beeindruckenden solistischen Fähigkeiten verstehen sie aber auch die große Kunst eines guten Ensemblegesanges, die so einfach und natürlich erscheint, aber in der Praxis selten so klar und gut abgestimmt vorkommt. Trotz individueller Timbres, fügten sie sich in ein wunderbar gestaltenden Miteinander ein und bildeten ein ausgeglichenes, ausgewogenes Solistenquartett, von dem nicht zuletzt die besondere Wirkung des „Requiems“ abhängt. Sie beherrschen die große Kunst eines sehr guten ausgeglichenen Ensemblegesanges, die so einfach und natürlich erscheint, aber nicht leicht umzusetzen ist.

Ute Selbig verlieh mit ihrer „engelgleichen“ Sopranstimme der Aufführung viel Glanz. Es ist immer wieder bewundernswert, wie ihre besonders schöne, sehr klare, sanfte und doch bis in den letzten Winkel tragende, Stimme förmlich aus den instrumentalen Orchesterklängen, dem Chor oder dem Ensemble „emporsteigt“, die musikalischen Linien mit innigem Ausdruck in solistischen Passagen weiterführt und bis zu unvergleichlicher Höhe aufblüht. Sie setzte immer wieder unaufdringliche, aber wirkungsvolle, beglückende, man ist geneigt zu sagen: „fast überirdisch verklärende“ Glanzpunkte.

Im Duett mit der Altistin Britta Schwarz verschmolzen beide Stimmen in besonderer Klangschönheit und Innigkeit. Britta Schwarz verlieh der Aufführung mit ihrer warmen, weichen, samtenen Stimme und viel Erfahrung im Lied- und Oratoriengesang sehr viel Wärme und Innigkeit.

Eric Stokloßa und Sebastian Wartig, zwei ehemalige Kruzianer – wie einst auch Peter Schreier – hatten in der Kreuzkirche „Heimvorteil“. Eric Stokloßa brachte seine gute, ausgeglichene Tenorstimme mit guter Technik trotz ihres individuellen Timbres mit sehr viel Einfühlungsvermögen ein, stets orientiert auf gutes Harmonieren mit den anderen Solisten.

Sebastian Wartig, mit dieser Spielzeit in das Ensemble der Semperoper aufgenommen, gilt, noch relativ jung, als „kommendes Genie“. Er verfügt mit seinem fundierten Bariton stimmlich und gestalterisch bereits über eine ungewöhnliche künstlerische Reife und gestaltete seine Partie mit warmer, geschmeidiger, gut klingender und auch kraftvoller Stimme, die im „Tuba mirum“ besonders gut zur Geltung kam, wenn auch noch nicht mit der Tragfähigkeit, die den letzten Winkel der größten Kirche Dresdens erreicht hätte.

Die Solisten und auch der Chor sangen die lateinischen Texte mit guter Artikulation.

Bei der auf hohem Niveau musizierenden Dresdner Philharmonie, die in der Kreuzkirche ebenfalls „Heimvorteil“ genießt, da sie mit wenigen Ausnahmen das sichere Fundament der Oratorienaufführungen des Dresdner Kreuzchores bildet, fielen vor allem die klangschönen, innig musizierenden Violinen mit Wolfgang Hentrich am 1. Pult, insbesondere im „Recordare“, aber auch die sehr guten Bläser und eine im richtigen Maß agierende Pauke auf.

Der Philharmonische Chor verfügte in großer Besetzung und mit auffallend guten Männerstimmen über die entsprechende „Durchschlagskraft“ und dramatische Wucht (abgesehen von einigen Intonationstrübungen) und hielt zusammen mit dem Orchester auch bei rasantem Tempo, wie im „Dies irae“ mit, ohne an Klarheit einzubüßen. Beim „Rex tremendae“ setzte der Chor mit solcher Vehemenz ein, dass man erschrak, aber das lag ganz im Sinne des Textes und Gestaltungswillens. In starkem Kontrast folgte danach das „Salva me“ umso sanfter, und danach immer wieder kontrastierende Wechsel zwischen gewaltiger Dramatik mit wuchtig unterstreichender Pauke und besänftigenden Tönen, um das Szenarium der liturgischen Texte bildhaft zu „illustrieren“.

Alle Ausführenden waren in gleichem Maße eines „Sinnes“ und ließen sich von der Musik Mozarts und der Musikerpersönlichkeit Peter Schreiers inspirieren. Er hielt alles zusammen, leitete die Aufführung mit wenigen, einflussreichen Gesten und sehr viel Intuition als Mittler zwischen Musik, Ausführenden und Publikum. Es war eine, von der ersten bis zur letzten Minute spannungsgeladene, beispielgebende Aufführung, bei der einfach alles „stimmte“, eine beglückende Einheit zwischen exakter Ausführung auf sehr hohem Niveau, dramatischer Wucht und klangschwelgerisch bis zum „Versinken“ schönen Passagen, eine geistige Durchdringung des Werkes, in der sich neben der Schönheit des Gesanges und der instrumentalen Klänge der geistige Gehalt der Musik unmittelbar mitteilte, eine Aufführung, die zu Herzen ging, die als ein Vermächtnis in die Zukunft ausstrahlen möchte als etwas Kostbares und Edles in einer Zeit, wo leider auch die Interpretation der Musik immer mehr zur Oberflächlichkeit tendiert.

Ingrid Gerk

 

 

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