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DRESDEN/ Kreuzkirche: MATTHÄUSPASSION von J.S.Bach

Dresden/Kreuzkirche: “MATTHÄUSPASSION“ VON J. S. BACH – 28./29.3.2013

 Traditionsgemäß wird jedes Jahr vom Dresdner Kreuzchor am Gründonnerstag und Karfreitag in der Dresdner Kreuzkirche, der Hauptkirche der Stadt, J. S. Bachs „Matthäuspassion“ aufgeführt.

 Einer langen Tradition zufolge wirkt auch (fast) immer die Dresdner Philharmonie, das zweite Spitzenorchester Dresdens, mit und trägt mit ihrer ausgezeichneten Klangqualität sehr zum Gelingen der Aufführungen bei. Sie bildete auch in diesem Jahr das versierte, zuverlässige und vor allem sehr klangschöne Fundament. Die Philharmoniker geben ihre Erfahrungen immer wieder an jüngere Musiker weiter, so dass kontinuierlich die besten Leistungen als Maßstab bewahrt bleiben und immer wieder neu belebt werden. In beeindruckender Weise verbanden sich der Klang der Instrumente und die Stimmen des Kreuzchores und verschmolzen zu einer selten schönen Einheit und Geschlossenheit.

 Der Chor, sehr gut vorbereitet von Peter Kopp, der auch in der Continuo-Gruppe am Cembalo mitwirkte, beeindruckte durch gestalterische Vielseitigkeit. Die jungen Stimmen waren in guter Form und wirkten frisch und unverbraucht. Der Chor verfügte über die erforderliche Dramatik in den Turba-Chören, den Volkschören, die in ihrer Geradlinigkeit und Direktheit der Passion eine essentielle Wucht und emotionale Tiefe verliehen. Man denke nur an das einhellige, vernichtende „Barabam!“ oder den emotional aufgeladenen Chor „Sind Blitze, sind Donner“. Andererseits beeindruckte aber auch die Durchsichtigkeit der in ihrer Art strengen Choräle mit ihrer schlichten Melodik, die Bach mit Singstimmen und Instrumenten im barocken Sinne so feinsinnig „umrankt“ hat, wie es nur er komponieren konnte, und die als Gegensatz auf die bewegten Chöre unmittelbar folgten. Dieser Kontrast ist ein wichtiges Gestaltungselement und kam hier durch den Verzicht auf (überflüssige) Pausen sehr gut zur Geltung.

An der Continuo-Orgel wirkte Kreuzorganist Holger Gehring mit. Sehr einfühlsam, mit Hingabe an die Musik und in sehr guter Abstimmung mit ihren Orchesterkollegen, begleiteten die Instrumentalsolisten der Philharmonie die entsprechenden Arien und ließen auch rein instrumentale Passagen zu einem besonderen musikalischen Erlebnis werden, vor allem die beiden Solo-Violinen, Flöten, Blockflöte und Oboe d’amore. Selten so eindrucksvoll wie hier von der Viola da Gamba war das „…und die Erde erbebete…“ zu hören.

Von besonderer Schönheit war die von der Flöte als mitgestaltendes Element begleitete Sopranarie, die Ute Selbig – wie alle Sopran-Arien – so eindrucksvoll sang. Sie verleiht jeder Oratorien-Aufführung besonderen Glanz. Ihre Stimme hat Strahlkraft. In besonders schwierigen Höhenlagen blüht sie noch auf. Die schwierigsten Koloraturen und Verzierungen „perlen“ bei ihr mühelos. Mit ihrer innigen Gestaltung, ihrer glockenreinen Stimme, ihrer liebenswerten Erscheinung und großen Ausstrahlung ist sie nicht nur eine immer wieder begeisternde Opernsängerin, sondern in gleicher Weise die ideale Interpretin in Oratorien. Selbst so kleine Passagen, wie die Worte von Pilatus‘ Weib werden durch sie zu einem kleinen musikalischen Höhepunkt.

 Die Altpartie hatte Susanna Moncayo von Hase übernommen. Sie gestaltete die Arien in ungewohnter, fremdartiger Diktion, bei der sie Wert auf eine gefühlsbetonte theatralische Darstellung legte. Die seelenvollen Alt-Arien wirkten bei ihr weniger ausgeglichen und gefühlvoll, aber die prachtvoll begleitende Solovioline der 1. Konzertmeisterin verlieh der gemeinsam ausgeführten Arie nicht nur Sicherheit, sondern auch sehr viel Klangschönheit.

 Mit sehr deutlicher Artikulation und intensiver Deklamation, sehr dramatisch und lebhaft gestaltete Thomas Cooley die Evangelisten-Partie, am 28.3. noch nicht so ganz ausgeglichen und überzeugend, mit Hang zum Theatralischen und mit immer sehr vorsichtiger Höhe, am 29.3. dann aber ausgeglichen und „flüssig“ – eine akzeptable Interpretation, bei der er auch die Problematik der Höhe gut zu kompensieren wusste.

 Der Christuspartie verlieh Matthias Weichert mit klarer, teils auch kraftvoller Stimme natürliche Würde und Erhabenheit.

 Christoph Pohl sang die Bass-Arien mit schöner Stimme, ausgeglichen und gut gestaltet, nahm aber leider für den großen Kirchenraum zu sehr zurück, so dass seine gute Gestaltung nur wenig zur Geltung kam.

 Die kleineren Rollen wurden mit ernsthaftem Verständnis von Kruzianern gesungen, die zwei falschen Zeugen von den jüngeren und die Hohenpriester von zwei erstaunlich sicheren jungen Männern. Da sieht man gern nach, wenn eine Knabenstimme vor Aufregung noch nicht so ganz perfekt ist.

 Nach „alter Sitte“ sitzen die Solisten bei diesen Aufführungen vor dem Orchester. Dadurch entstehen keine (unpassenden) Zäsuren zwischen den einzelnen „Nummern“, was der Aufführung, bei der die Gesamtleitung in den Händen von Kreuzkantor Roderich Kreile lag, eine schöne Geschlossenheit verlieh, die entscheidend mit zu dem sehr guten Gesamteindruck beitrug.

 Ingrid Gerk

 

 

 

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