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DRESDEN/ Kreuzkirche: “MATTHÄUSPASSION“ VON J. S. BACH MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR

01.04.2018 | Konzert/Liederabende

Dresden/Kreuzkirche: “MATTHÄUSPASSION“ VON J. S. BACH MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR – 30.3.2018

Die alljährliche Aufführung der „Matthäuspassion“ von Johann Sebastian Bach zu Ostern (Gründonnerstag/Karfreitag) mit dem Dresdner Kreuzchor hat eine lange Tradition und ist bei den Dresdnern und den zahlreiche Touristen, die zur Osterzeit Dresden bevölkern, nicht mehr wegzudenken. In vielen Jahrzehnten wurden hier sehr hohe Maßstäbe gesetzt, die nicht nur vom Orchester, der regelmäßig mitwirkenden und mit ihrer hohen Qualität und schönen Instrumentalsoli bei der Arienbegleitung (Violinen, Flöte, Oboe d’amore, Englischhorn)  immer wieder faszinierenden Dresdner Philharmonie, begründet und immer wieder erreicht und sogar übertroffen werden, sondern auch vom Chor und den Solisten, die die guten Traditionen und hohen Maßstäbe aufgreifen und weiterentwickeln.

Die drei männlichen Solisten sind als jugendliche Sänger des Dresdner Kreuzchores bzw. Leipziger Thomanerchores mit hervorragenden Besetzungen und idealen Interpretationen quasi aufgewachsen, was ihnen jetzt Orientierung und Ansporn ist. 

Einer von ihnen ist Patrick Grahl, ehemaliger Thomaner und idealer Evangelist. Er hat an dieser Stelle schon mehrfach bewiesen, dass er zurzeit zu den Besten dieses Faches gehört. Er findet die perfekte Interpretation als „Berichterstatter“ der biblischen Texte, trifft das genau richtige Maß an Lautstärke für die relativ trockene Akustik des großen Kreuzkirchenraumes und hat auch die stimmlichen Voraussetzungen und entsprechende Gesangstechnik, um sich ganz einer sehr überzeugenden Gestaltung auf hohem Niveau zu widmen. Trockene Textdeklamation oder übertriebene Theatralik, wie man sie anderweitig öfters hört, liegen ihm fern.

Mit sehr schöner, klarer, hell timbrierter, ansprechender Stimme, Perfektion und Verstand, orientiert er sich am Text, den er mit besonderer Deutlichkeit zu Gehör bringt. Er singt die Rezitative eher wie leichte Ariosi, voller innerer Spannung, fein differenziert, nicht vordergründig und doch so eindringlich, immer in die gesamte Passion mit ihrer Abfolge von kunstvollen Arien, dramatischen Chorszenen und gefühlsbetonten Chorälen eingebunden und zur nächsten „Nummer“ überleitend. Sein „Passionsbericht“ wirkt abwechslungs- und spannungsreich bis zum Schluss. Für ihn scheint es keine Schwierigkeiten zu geben, denn auch Rezitative und Arien sang er mühelos und bis ins letzte Detail ausgeformt und gestaltet.

   Stephan Loges lieh der Gestalt des Jesus seine dunkel timbrierte Bassstimme, nicht immer durchgängig würdevoll, sondern auch mit sehr menschlichen Zügen, mitunter sogar ein wenig opernhaft, als er mit lautem Ausbruch, fast fordernd sang „Ach, wollt ihr nun schlafen und  ruhen?“ oder mit betontem Ritardando: „Mein Freund, warum bist du kommen?“. Er gestalte die Christus-Partie sehr bewusst und mitunter auch gegensätzlich.

Weniger dramatisch wirkte die Basspartie bei Sebastian Wartig, der zunächst in den kleineren Rollen des Judas, Petrus, Pontifex sowie in den Arien sehr solide wirkte. Er sang exakt, mit guter Stimme und fundierter Tiefe, einwandfreier Gesangstechnik und stilistisch überzeugend, aber etwas zurückhaltend und dadurch weniger ausdrucksstark. Bei der Arie „Komm süßes Kreuz“ wählte er ein auffallend langsames Tempo und sang Rezitativ und Arie „Am Abend da es kühle war“ und „Mache dich mein Herze rein“ eher sachlich.

 Sopran- und Alt-Partie lagen bei Heidi Elisabeth Meier und Marlen Herzog in guten, sehr sicheren „Händen“ (bzw. Kehle). Die Altpartie wurde erfreulicherweise von einer relativ hell-timbrierten, beseelten Frauenstimme mit guten, dezenten Trillern als Verzierungen gesungen, die den Empfindungen der gläubigen Seele naturgemäß mehr verinnerlichten Ausdruck verleihen kann als ein Altist oder Countertenor. Mit langem Atem und gut klingenden Stimmen mit entsprechendem Volumen gestalteten beide Sängerinnen die Arien stilgerecht und spannten große musikalische Bögen. Im Duett vereinten sich ihre Stimmen harmonisch und mit stilistischer Übereinstimmung.

 Dass die zwei falschen Zeugen (Testis I, II) von zwei kleinen Kruzianern mit naturgemäß sehr zarten Stimmen und Ponzifex I, II von zwei älteren Mitgliedern des Chores mit schon etwas kräftigeren Stimmen gesungen wurden, belebte die Aufführung und machte den ausführenden große Freude, fiel aber doch in Anbetracht der sehr guten Solisten etwas ab.

Kreuzkantor Roderich Kreile beschränkte sich in Anbetracht der sehr guten und erfahrenden Ausführenden auf ein ruhiges Dirigat und ließ ihnen freie Entfaltungsmöglichkeiten, was zu sehr eindrucksvollen Momenten führte, wie der ergreifend gestalteten „Szene“ des Todes Jesu, bei dem nach den Evangelisten-Worten: „Aber Jesus schriee abermals laut, und verschied“ atemlose Stille herrschte, danach der sehr feinsinnig einsetzende, ausdrucksvoll gesungene Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“ erklang und nach den anschließenden vehementen Worten „Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss…“ der Chor wieder besänftigend antwortete: „Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen…“. So eindrucksvoll wiedergegeben, kann diese, vor nunmehr schon fast 300 Jahren entstandene Passion auch einen modernen Besucher nicht „kalt“ lassen.

Die Aufführung (bei der man ohne leidige kleine „Umbaupausen“ auskam) hinterließ einen sehr bewegenden, geschlossenen Eindruck, bei dem die Spannung bis zum letzten Augenblick nicht abriss. Bachs „Matthäuspassion“ wirkte – wie oft auch gehört – in ihrer ganzen Monumentalität und Intensität. Abgesehen von vielleicht einigen kleinen Wünschen im Vergleich mit einzelnen Leistungen in Aufführungen anderer Jahre, wo das eine oder andere noch eindrucksvoller dargeboten wurde, genügte diese Aufführung in ihrer Gesamtheit sehr hohen Ansprüchen. Hier lebten die besten Traditionen fort und erfuhren eine zeitgemäße Wiedergabe auf hohem Niveau.

Ingrid Gerk

 

 

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