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DRESDEN/ Kreuzkirche: DIE „ORGELKONZERTE“ VON G. F. HÄNDEL MIT NEUEN ERKENNTNISSEN DER HISTORISCHEN AUFFÜHRUNGSPRAXIS – 2.12.2015

03.12.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden/Kreuzkirche: DIE „ORGELKONZERTE“ VON G. F. HÄNDEL MIT NEUEN ERKENNTNISSEN DER HISTORISCHEN AUFFÜHRUNGSPRAXIS 2.12.2015

Seit ihrem Erscheinen im Jahre 1738 zählen Händels Orgelkonzerte zu seinen beliebtesten Werken. Allein bis 1770 wurden die bekannteren Stücke aus seinem op. 4 mindestens 13mal neu aufgelegt, und dabei dem jeweiligen Zeitgeschmack mit leichten Veränderungen angepasst. Jetzt war Holger Gehring, der Organist der Dresdner Kreuzkirche, auf der Suche nach einer möglichst authentischen Aufführungspraxis dieser Orgelkonzerte, um 4 von ihnen, zusammen mit einigen Ouvertüren, die vermutlich zur gleichen Zeit entstanden sind und aufgeführt wurden, auf CD aufzunehmen und im Abschlusskonzert des alljährlich stattfindenden Orgelzyklus der drei Innenstadtkirchen zu präsentieren, bei dem  wöchentlich im Wechsel an der großen Jehmlich-Orgel der Kreuzkirche, der Kern(jun.)-Orgel der Frauenkirche und der Silbermann-Orgel der  Kathedrale (ehemalige Hofkirche) Orgelkonzerte mit den 3 Organisten dieser Kirchen sowie Gästen stattfinden.

Den Aufnahmen und dem Konzert waren umfangreiche Recherchen zur möglichst originalgetreuen Aufführung vorausgegangen. So wurde in Erfahrung gebracht, dass unmittelbar nach Händels Wirken in London die Orgelkonzerte auf eine, noch erhaltene, Walzenorgel (Vorläufer der Flötenuhren, für die u. a. Haydn und Mozart komponierten, und die letztendlich den Beginn der modernen Tontechnik einleiteten) in einem Herrenhaus in der Nähe von London übertragen und die Tempi von einem Sekretär Händels namens Smith (jun.) notiert wurden. Eine andere Quelle waren Aufzeichnungen des musikliebenden Herzogs von Mecklenburg, die mit denen von London erstaunlich gut übereinstimmten.

Ihre Entstehung verdanken die Orgelkonzerte Händels der Situation im damaligen London. Seine Opern im italienischen Stil waren zunehmend weniger gefragt. Das Konkurrenzunternehmen, die „Opera of the Nobility“ (Oper des Adels), hatte es unter der Führung von Nicola Porpora, der die bekannten Bravour-Arien für Kastraten schrieb, geschafft, fast sämtliche Sängerstars von Händel abzuwerben und den berühmten Soprankastraten Farinelli, der sehr schnell zum absoluten Publikumsliebling avancierte, für ca. 3 Jahre nach London zu holen. Als Entgegnung komponierte Händel seine Oratorien, die, obwohl ohne eigentliche Inszenierung, erst nur in der Fastenzeit, später ganzjährig aufgeführt, im Kompositions- und Musizierstil den Opern sehr ähnlich, die Oper ersetzten und sich bald großer Beliebtheit erfreuten. Als Zwischenaktmusiken (sozusagen als „Pausenfüller“) führte er die Orgelkonzerte auf, die mit den sensationellen Erfolgen seiner Oratorien verbunden sind, wobei nicht sicher ist, ob der Erfolg damals mehr den Oratorien oder den Orgelkonzerten galt.

Neuere Forschungen in Covent Garden haben ergeben, dass Händel in seinem Theater ein kleines Orgelpositiv mit nur einem Manual, etwa 10 Registern und ohne Pedal verwendete, später eines mit liegenden Pfeifen, um auch von der Orgel aus dirigieren zu können. Ein ähnliches Instrument mit liegenden Pfeifen, von der Dresdner Orgelbaufirma Wegscheider für die Kreuzkirche gebaut, stand auch jetzt für die Aufführung zur Verfügung.

Zusammen mit dem von ihm gegründeten Barockorchester der Kreuzkirche Dresden aus Musikern der Sächsischen Staatskapelle, der Dresdner Philharmonie und freischaffenden Musikern, das auf alten Instrumenten spielt und in unterschiedlichen Besetzungen auftritt, führte Gehring vier von Händels Orgelkonzerten, die Nr. 2 und Nr. 5 (op. 4) sowie Nr. 3 und Nr. 5 (op. 7), von dem ein Satz noch einmal am Ende des Konzertes als Zugabe wiederholt wurde, und vier „Ouvertüren“, die vermutlich etwa zur gleichen Zeit entstanden, auf, wobei die Ouvertüre zu „Deborah“ (1733) den musikalischen Auftakt bildete. Die Ouvertüren und Orgelkonzerte hängen nicht nur zeitlich, sondern auch kompositorisch eng zusammen.

In den Orgelkonzerten hatte Gehring den Solopart an der Orgel übernommen und spielte mit den vielfältigsten Verzierungen, Trillern auf- und abwärts, Girlanden usw., wie es seinen Recherchen entsprach und wie er sie zuvor in ihrer möglichen Vielfalt dem Publikum vorgestellt hatte. Händel wollte mit den Möglichkeiten der Tasteninstrumente, wie auch der Orgel einen Gegenpol zu Farinellis Verzierungskunst schaffen. Trotz hohem Tempo war bei Gehring jeder Ton und jede Verzierung exakt zu hören. Nach seinen Forschungsresultaten wurden zu Händels Zeiten die schnellen Sätze noch schneller und die langsamen noch langsamer gespielt, als jetzt angenommen und allgemein praktiziert. Der Individualität war damals sehr viel Raum gegeben. Die Bandbreite der Interpretationen war wesentlich größer.

Das Barockorchester spielte mit lockerer Leichtigkeit und bildete nicht nur den Gegenpart zu den ausführlichen Orgelsoli, sondern auch eine sehr zuverlässige Basis, Ergänzung und Mitgestaltung bei diesem Konzert. Hier stand zunächst weniger die bei Händel gewohnte Klangopulenz und „lebenssprühende“ Festlichkeit im Vordergrund, als vielmehr ein feinsinniges, vitales Musizieren im exakten Rhythmus mit gutem, etwas verhaltenem Klang wie bei aller „historischen Aufführungspraxis“, was allmählich in lebensfrohes Musizieren überging. Am Cembalo wirkte Sebastian Knebel als mitgestaltender Partner mit und bereicherte seinerseits durch sein Spiel mit zahlreichen Verzierungen das Konzert.

Gehring strebte eine möglichst ursprüngliche Form und Wiedergabe an. Da Händel viel improvisiert und in den Noten oft mehr angedeutet als ausgeschrieben hat, nicht nur was Tempi und vor allem die Verzierungen betrifft, sondern auch beim solistischen Orgelpart ganze Sätze nicht ausgeschrieben, sondern nur die Satzbezeichnung notiert hat, da er selbst den Orgelpart spielte und vermutlich nach „Lust und Laune“ und Stimmung improvisierte, mussten mitunter einige Sätze ergänzt werden, was durchaus möglich war, da Händel – ähnlich wie J. S. Bach – nicht selten sich selbst (und auch andere Komponisten seiner Zeit) zitierte.

Es gibt schon zahlreiche Einspielungen dieser Orgelkonzerte in den unterschiedlichsten Auslegungen. Sie verfehlen ihre Wirkung nie, auch ohne Verzierungen und mit gemäßigten Tempi, aber mit diesen neuen Erkenntnissen und ihrer Umsetzung im Konzert und auf CD wurde ein weiterer interessanter Aspekt eröffnet, der vielleicht eine neue Debatte über die Aufführung dieser Orgelkonzerte auslöst.

„Historisch orientierte Aufführungspraxis“ – für und wider. Interessant ist es allemal, aber es kommt auch darauf an, ob sich die Ausführenden die Musik zu eigen machen und nicht nur theoretisch, sondern auch emotional erfassen, um sie so wiederzugeben, dass sie die Hörer erreicht und gefangen nimmt.

Ingrid Gerk

 

 

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