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DRESDEN/Konzertsaal, Semperoper, Frauenkirche u. a.: HIGHLIGHTS DER 42. DRESDNER MUSIKFESTSPIELE – TEIL I

26.05.2019 | Konzert/Liederabende

Dresden/Konzertsaal, Semperoper, Frauenkirche u. a.: HIGHLIGHTS DER 42. DRESDNER MUSIKFESTSPIELE – TEIL I 16.5. – 25.5.2019

Unter dem Motto „VISIONEN“ nehmen die Dresdner Musikfestspiele mit einem besonders facettenreichen Programm in diesem Jahr auch Bezug auf das Jubiläum 100 Jahre Bauhaus. Musik und Bauhaus passt das zusammen? Warum nicht? Die Bauhaus Architekten, die sich eine neue Sachlichkeit auf die Fahnen geschrieben hatten, um Stil, Geschmack und Lebensqualität in alle Bereiche des Lebens zu bringen, beschäftigten sich viel mit Musik, musizierten selbst und schöpften daraus nicht selten ihre Ideen. Im Sinne dieser Philosophie möchte Jan Vogler mit Künstlern und Musikerkollegen aus aller Welt Genregrenzen sprengen und Traditionen neu beleben, von der Klassik bis zum Jazz, von den großen Orchestern bis zu Kammermusik und Soloauftritten.

Aus dem reichhaltigen Angebot von 56 Veranstaltungen an 22 Spielstätten können hier nur einige, bedeutende herausgegriffen werden. Gleich zu Beginn der Festspiele bildeten die großen Orchester Europas einen Schwerpunkt. Das ERÖFFNUNGSKONZERT MIT RENÈ PAPE (16.5.) im Kulturpalast wurde von dem, 2012 eigens für die Musikfestspiele gegründeten, Dresdner Festspielorchester gestaltet, das sich auf den historischen Hintergrund der Werke orientiert und deshalb jährlich aus Virtuosen und Spezialisten für Alte Musik, die über die Fähigkeit verfügen, unterschiedliche Stile und Musizierarten zu realisieren, neu formiert. Die Musiker spielen auf „Originalinstrumenten“, die Streicher mit Darmsaiten und die Bläser auf Instrumenten alter Mensur, wodurch ungewohnte Klangeffekte erreicht werden können.

Im Gegensatz dazu setzte Chefdirigent Ivor Bolton in seinem ersten Konzert mit ausschließlich Werken der deutschen Romantik sehr – wie gegenwärtig allgemein üblich – auf starke Kontraste und Lautstärke, was man sich in einer Zeit voller Empfindsamkeit wie der Romantik kaum vorstellen kann. Möglicherweise verfügten die Orchester damals sogar nur über eine sehr „gemischte“ Ausstattung, selbst gegenwärtig spielen die Spitzenorchester Kompositionen aller Epochen mit sehr unterschiedlichem Instrumentarium mit größtem Erfolg. Die Konzertsäle und auch die Orchester waren im 19. Jahrhundert viel kleiner und die Art der Interpretation sowie die Hörgewohnheiten des Publikums anders. Hier wurde die eingangs gespielte Ouvertüre zur Oper „Euryanthe“ von Carl Maria von Weber mit viel Power wiedergegeben und verlief allgemein sehr zügig zwischen Vehemenz und sehr behutsamen, leisen und langsamen, fast gedehnten Passagen.

Noch stärker machte sich der Widerspruch zwischen Werk und Wiedergabe mit „Originalklang“ bei “Prometheus“ und sechs ausgewählten Liedern aus dem Zyklus „Schwanengesang“ (D 957) von Franz Schubert in einer Orchesterbearbeitung des kaum bekannten Stuchasch Dyma bemerkbar. Hier hatte es der weltweit gefragte und geschätzte René Pape , der bei diesem „Gastkonzert“ in seiner Heimatstadt erstmals mit diesem Orchester auftrat, trotz seiner kraftvollen Stimme schwer, mit dem „riesigen“ Orchester zu „konkurrieren“, gegen das er sich nicht zuletzt dank der guten Akustik des neuen Konzertsaales dennoch meist durchsetzen konnte. Das Orchester führte ein „Eigenleben“ und wartete ohne Rücksicht auf den Sänger oft mit ungeheurer Lautstärke auf, was ohnehin schon durch die Bearbeitung wohl kaum einer historischen Aufführungspraxis entsprach. Selbst bei dem kraftvollen „Prometheus“ wäre ein Weniger an Orchester-Lautstärke mehr gewesen.

Da sehnte man sich nach der schlichten Klavierbegleitung oder wenigstens einem kleineren Kammerorchester, das die schöne Stimme und gute Liedgestaltung Papes hätte besser zur Geltung kommen lassen, wie es z. B. bei dem Lied „Ihr Bild“, als das Orchester mehr zurückgenommen wurde, anklang, beim „Fischermädchen“ das Meer mit dem Klang von Oboe und Flöte etwas lyrischer rauschen und auch „Die Stadt“ zunächst geheimnisvoll, wie im Nebel, erscheinen ließ, bis die Posaunen den Sänger zudeckten. „Der Doppelgänger“ begann ebenfalls geheimnisvoll wohlklingend, bis er „seine eigene Gestalt“ erschauernd, höchst dramatisch und sehr laut mit noch lauterem Paukenschlag erkannte. „Der Atlas“ wurde vom Orchester erst recht lautstark begleitet, was leider nicht zu der erwünschten Gemeinsamkeit zwischen Sänger und Orchester führen konnte.

Trotz allem setzte sich Pape durch und ließ mit sehr guter Artikulation, Textverständlichkeit und geistreichem Gestaltungsvermögen diese Lieder doch noch zu einem musikalischen Erlebnis werden. Er tat sein Möglichstes, was ihm das Publikum mit viel Applaus dankte und wofür er sich wiederum mit der Zugabe „An die Musik“ von Franz Schubert „revanchierte“, wobei er sich bei sanfterer Begleitung von vorwiegend nur Streichern und Holzbläsern der „holden Kunst“ widmen konnte. Dann nahm er demonstrativ sein Notenpult und ging …

Es war ein Konzert voller Widersprüche zwischen einer Orientierung auf alte Instrumente, sehr moderner Bearbeitung und derzeitiger Aufführungspraxis. Bei der „Sinfonie Nr. 1 B‑Dur (op. 38), der „Frühlingssinfonie“, von Robert Schumann, deren 2. Satz so schön ist, dass ihn sich Giuseppe Sinopoli seinerzeit von den Musikern der Sächsischen Staatskapelle zu seinem Begräbnis wünschte, nicht ahnend, dass ihn der Tod sobald ereilen würde, war es nicht anders. Nach signalartigem Auftakt gab es auch hier eine sehr gegenwärtige und kraftvolle Interpretation. Es wurde sauber gespielt, auch die alten Hörner und Blechblasinstrumente, aber viele Feinheiten gingen verloren. Wichtiger als originale Instrumente und Aufführungspraxis ist m. E. eine „authentische“ Interpretation, mit der Wesen und Charakter eines Werkes und die Intentionen des Komponisten erfasst und wiedergegeben werden.

Dem wurde das auf modernen Instrumenten spielende CITY OF BIRMINGHAM SYMPHONIE ORCHESTRA (17.5) unter der musikalischen Leitung der jungen litauischen Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla an gleicher Stelle eher gerecht. Als erste Frau in der Reihe der namhaften Dirigenten dieses Orchesters, wie Simon Rattle, Sakari Orama und Andris Nelsons, ist sie eine der wenigen jungen Dirigentinnen, die dank ihrer Musikalität ein Orchester auch inspirieren können. Das Orchester spielte zwar auch laut und kraftvoll, euphorisch und temperamentvoll, aber folgerichtig und da, wo es angebracht war.

Das „Concert Romanesc“ von György Ligeti begann „echt romantisch“ und „durchsichtig“, bis das Publikum mit dem Geräusch wie eine „Platzpatrone“ aufgeschreckt und nach ausgelassenem Treiben mit typisch ungarischer Motorik, unterstrichen von Schlägen mit der großen Trommel, auch mit angenehmen Klängen und ausgelassenen ungarischen Tanzrhythmen erfreut wurde – ein gelungener, sehr erfreulicher Auftakt, romantisch, aber auch zeitgemäß und mit „Paprika im Blut“. Zur Überbrückung der Umbauten für das Solokonzert, bei dem sich eine Änderung der Änderung ergab, wandte sich die Dirigentin an das Publikum mit einem Lob auf den Konzertsaal und eine Einladung nach Birmingham zum Symphonie Orchestra.

Für die erkrankte Yuja Wang wollte kurzfristig Patricia Kopatchinskaja einspringen und anstelle des „Klavierkonzertes Nr. 5“ von Prokofjew das „Violinkonzert D‑Dur“ von Tschaikowsky spielen. Letztendlich aber spielte Kim Armstrong das „Konzert für „Klavier und Orchester“ von Robert Schumann und begeisterte mit seiner natürlichen, gefühlvollen, aber auch sehr virtuosen Art. Kein übereiltes, aber ein dennoch spannungsreiches Tempo bestimmte das, von Solist und Orchester gleichermaßen im Sinne der Romantik mit sehr schönen lyrischen, aber auch temperamentvollen Passagen in angemessener Dynamik ausdrucksstark wiedergegebene Klavierkonzert. Hier bestimmte das musikalische Gefühl und Verständnis für das Werk das Geschehen. Trotz minimaler Temposchwankungen zwischen Solist und Orchester infolge kurzer Probenzeit trafen sich die musikalischen und geistigen Intentionen beider und bildeten eine Einheit – Bravo ! – wie es auch mehrfach aus dem Publikum erscholl. Mit ebenfalls einer kurzen „Ansprache“ über die Verbindung zwischen Robert Schumann und der englischen Musik leitete Armstrong zu seiner Solo-Zugabe eines englischen Komponisten über, zu der sich die Dirigentin ins Orchester setzte – auch eine nette Geste.

Mit der „Sinfonie Nr. 2 D‑Dur“ (op. 73) von Johannes Brahms gelang eine Wiedergabe zwischen Naturschönheit, Frische und progressiver Entwicklung, ein Schwelgen in Tönen und Klängen, nicht ohne Euphorie, mit gewaltigen immanenten Steigerungen bis zum turbulenten Ausklang, wie ihn das Publikum liebt. Selbst die Pauke gestaltete einfühlend mit, was jetzt allgemein schon zur Seltenheit geworden ist.

Als wäre es abgesprochen, setzten zwei Tage später (19.5.) die STAATSKAPELLE BERLIN & DANIEL BARENBOIM in der Semperoper mit der „Sinfonie Nr. 3 F‑Dur“ (op. 90) und „Sinfonie Nr. 4 e‑Moll“ (op. 98) die Reihe der Sinfonien von Johannes Brahms fort. Hier dominierten Werkverständnis und Musikalität. Brahms‘ Sinfonien gehören zum Kernrepertoire der Staatskapelle Berlin, einem der ältesten und renommiertesten Orchester der Welt. Daniel Barenboim, langjähriger Generalmusikdirektor dieses Orchesters, hat sich trotz aller modernen Entwicklung den Sinn für eine Interpretation voller Harmonie und musikalischer Schönheit bewahrt. Er verstand es, die Musiker mit seiner intensiven Auseinandersetzung mit Brahms‘ Tonsprache zu inspirieren und die beiden Sinfonien in beglückender Weise unglaublich plastisch wiederzugeben.

Da gab es keine theoretischen Erwägungen, man konnte sich nur mit hineinnehmen lassen in diese geistig-musikalische Welt mit ihrer herben Schönheit. Es war Brahms vom Besten und Feinsten und in jeder Phase faszinierend in einer eindrucksvollen Balance zwischen hochkomplexer Struktur und mitreißender Emotion, Weltschmerz und Klangschönheit, packenden Steigerungsphasen und fröhlich jubelnden, „himmlisch“ schönen Passagen, Vorandrängen und Innehalten. Alles wirkte stimmig und ausgewogen. Hier kam nicht nur der Dirigent, sondern vor allem Brahms „zu Wort“, standen Musikalität und Melodik im Vordergrund. In angemessenen Tempi wahrte Barenboim immer eine große innere Spannung, was ihm ermöglichte, eine transparente Klangkultur zu entwickeln, alles feinsinnig auszukosten, jede Phrase ohne abrupte Übergänge vorzubereiten und viele Details, feine dynamische Nuancen, u. a. in einem großen fließenden Decrescendo, und große Linien hörbar zu machen und den Reichtum der Klangwelt auszukosten.

Er betonte die romantische Seite der Musik, ohne die neuartigen Strukturen aus dem Auge zu verlieren. Die gesamte Interpretation entwickelte sich organisch. Sie entsprach einem traditionellen Brahms-Bild aus gegenwärtiger Sicht, das die Intentionen des Komponisten am besten miterleben ließ, klangschön, beseelt und in geistiger Durchdringung. Die Musiker folgten ihm bereitwillig und steuerten ihrerseits schöne Einzelleistungen bei. Das „Blech“ wirkte niemals „brutal“. Die sauberen, klangschönen Bläser, insbesondere Solo-Oboe und ‑flöte, setzten Glanzlichter, Horn und Posaune entsprechende Akzente, und der Paukist unterstrich mit auffallend eleganten Bewegungen den Gesamtklang des Orchesters, bei dem es auch mitunter einen schrilleren Klang gab, bis zum Äußersten, dann aber als Ausdruck euphorischer Steigerung. Beide Sinfonien hinterließen einen nachhaltigen Gesamteindruck – „wie aus einem Guss“. Der agile spitritus rector ließ bei dem euphorischen Beifall dem Orchester den Vorrang und verteilte die weißen Rosen aus seinem Strauß an die Musikerinnen.

In zwei Konzerten mit sehr unterschiedlichen Programmen machten das ORCESTRA DELL‘ACCADEMIA NAZIONALE DI SANTA CECILIA ROMA & ANTONIO PAPPANO (20.5.) einmal mehr ihrer Extraklasse und hohem Niveau alle Ehre. Unter der Leitung des unermüdlich nach bestmöglicher Interpretation suchenden Antonio Pappano begeisterte das Orchester in riesiger Besetzung, das die besten Musiker Italiens vereint, zunächst im Kulturpalast mit dem „Zugstück“ „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorgski.

Dann betrat Lisa Batiashvili in ihrer Einfachheit und Bescheidenheit die Bühne und interpretierte hingebungsvoll das „Violinkonzert Nr. 1 (Sz. 36) von Bela Bartók, das wie mit einem intimen Dialog zwischen Solovioline und Orchester begann. Sehr harmonisch, wie man Bartók kaum kennt, mit wunderbarer Solokantilene, legato und feinstem Pianissimo brachte die Ausnahmegeigerin Bartóks Erinnerung an eine „ferne Geliebte“, die damals 18jährige Geigerin Stefi Geyer, mit warmem, fülligem Klang zu Gehör. Die Angebetete beendete damals die Beziehung zu ihm sehr bald, behielt aber zeitlebens sein als Abschiedsgruß übersandtes Violinkonzert, ohne es zur Aufführung zu bringen. Die Uraufführung fand dann erst 13 Jahre nach Bartóks Tod in Basel statt.

Für die enthusiastische Begeisterung des Publikums mit zahlreichen Bravos bedankte sich Lisa Batiashvili mit zwei Zugaben, darunter dem hinreißend gespielten 2. Satz aus der „9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ von Antonín Dvořák in einer Bearbeitung für Violine und Orchester (statt Horn), die noch einmal ihren warmen, wohlklingenden Ton und die Gemeinsamkeit mit dem Orchester aufleuchten ließ.

Bei der mit Esprit und Feingefühl gespielten „Scheherazade“ von Rimski-Korsakov wurden die Qualitäten dieses Orchesters erneut sehr deutlich, jede Stimmgruppe war hervorragend abgestimmt, jedes Orchestermitglied ein Vollblutmusiker „vom Scheitel bis zur Sohle“. Allein die verschiedenen Soli der Orchestermusiker, insbesondere der Violine des 1. Konzertmeisters und der großartigen Holzbläser bewiesen noch einmal die Extraklasse dieses Orchesters, das sich, vom Publikum ebenfalls euphorisch gefeiert, seinerseits mit einer kurzen Zugabe bedankte.

Einen Tag später (21.5.) überzeugte das Orchester unter Pappanos Leitung voll und ganz in der Frauenkirche mit Gustav Mahlers „Sinfonie Nr. 6 a-Moll“, obwohl es zunächst problematisch erschien, in der, bei großem Orchester nicht unproblematischen Akustik des Kirchenraumes eine Mahler-Sinfonie in großer Besetzung aufzuführen. Das Ohr hatte sich sehr schnell nach den ersten, vielleicht indifferent erscheinenden, Takten an den etwas ungewohnten Klang gewöhnt, denn Pappano verstand es in seiner souveränen Art, das Orchester zu einer solchen Klarheit zu führen, dass die einzelnen Stimmen deutlich hörbar wurden. Trotz der Länge der Sinfonie mit reichlich 1,25 Std. waren in keiner Minute Längen zu spüren. Es war immer alles im Fluss, dynamisch und fesselnd und spannend bis zum letzten Ton.

Mit Spannung wurden auch die WIENER PHILHARMONIKER (23.5.) im Kulturpalast erwartet, das Orchester, das wie kaum ein anderes eng mit der Geschichte und Tradition der europäischen Klassischen Musik in Verbindung gebracht wird, im Laufe seines 177jährigen Bestehens das musikalische Weltgeschehen prägte und mit seiner bewusst gepflegten Homogenität des Musizierens eine große Faszination auf die bedeutendsten Komponisten und Dirigenten sowie das Publikum ausübte. Diese Homogenität stellte auch Tugan Sokhiev in den Mittelpunkt seiner avantgardistischen Leitung mit jugendlich ungestümem Temperament, womit er sich – im Gegensatz zu den vorangegangenen Konzerten der großen Orchester – sehr der Bauhaustradition näherte.

Das „Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 g‑Moll (op. 16) von Sergej Prokofjew eröffnete Yefim Bronfman am Klavier mit sehr klangvollem Anschlag und Feingefühl, bis er vom Orchester hineingezogen wurde in den Sog temperamentvoll ungestümen Musizierens, das sowohl dem jungen Prokofjew als auch der Auffassung Sokhievs entsprach, aber nicht unbedingt dem Charakter des Orchesters, und setzte seinen Part mit kraftvollen Passagen, einschließlich eleganter Arpeggien sehr virtuos fort, um auf die entsprechende Orchesterlautstärke zu reagieren. Fast mechanisch, mit traumwandlerischer Sicherheit griff er in die Tasten, während Sokhiev mit dem Orchester weniger „begleitete“, als vielmehr mit entsprechender Intensität und Lautstärke den Ton angab.

Als starker Kontrast dazu begab sich Bronfman bei seiner Solo-Zugabe mit sehr feinem, singendem Ton und leichten, lockeren Verzierungen in die Zeit des Barock, zu J. S. Bach, wo sein pianistisches Können in besonderer Weise zur Geltung kam.

Die, von Melancholie und Selbstzweifeln geprägte, „Sinfonie Nr. 5 e-Moll (op. 64) von Peter I. Tschaikowsky stand bei Sokhiev ebenfalls ganz im Zeichen einer virtuosen Homogenität und Wucht. Sie begann behutsam, schicksalhaft, auch der 2. Satz wurde langsam ausgekostet, emotional bewegt, und klang relativ beruhigend und leise aus, aber allgemein standen Schicksalhaftigkeit und Zweifel wie ein großer, gewaltiger Aufschrei im Vordergrund, wurde die Musik nicht selten a la Toscanini „durchgepeitscht“. Im 3. Satz klang zwar der Walzerrhythmus an, aber nur, bis auch hier wieder Lautstärke und Vehemenz die Oberhand gewannen, wie im 4. Satz ohnehin. Es gab auch leisere, seitens der Komposition empfindsamere Passagen, denen der Dirigent weniger Beachtung schenkte und mit weniger Aufmerksamkeit darüber „hinwegging“. Allgemein bestimmten eine durchgehende innere Motorik und äußerst präzise Ausführung seitens des Orchesters das musikalische Geschehen.

Sokhoev spannte große Bögen bis zum beinahe infernalischen Schluss. Wie ernst (oder auch nicht) es ihm um diese aufwühlende Sinfonie war, zeigte die Orchester-Zugabe mit einem völlig gegensätzlichen, heiter getupften (kurzen) Stück aus Prokofjews „Sinfonie classique“ , womit das Publikum, dessen Geschmack Sokhiev sehr entgegenkam, fröhlich entlassen wurde und sich nebenher auch der Kreis zu Prokofjew schloss. Für die Wiener Philharmoniker, die zeigten, über welche Fähigkeiten sie auch verfügen, war es wahrscheinlich ein Aufbruch in eine neue Zeit, aber ihre Identität sollte dadurch nicht verloren gehen.

Die traditionelle Reihe jährlicher Uraufführungen setzte in diesem Jahr das WDR SINFONIEORCHESTER (18.5.) im Kulturpalast mit einem visionären Experiment fort. Zur Aufführung kam ein weltumspannendes Werk unter der Leitung von Cristian Măcelaru, das Jan Vogler gewidmete „Cello-Konzert“ von drei Komponisten aus drei Kontinenten: Sven Helbig (Deutschland), Nico Muhly (USA) und Zhou Long (China), die jeweils einen Satz kreierten und so mit ihren spezifischen Handschriften die drei großen Kulturkreise der Welt in einem Werk vereinen. “Was unserer Gesellschaft fehlt, sind Visionen! Kultur, Kunst, Musik können Vorreiter sein und einer Zeit ihren Weg zeigen“, meinte Intendant und Cellist Jan Vogler.

Neben den Konzerten dieser großen Orchester gab es während dieser Zeit zahlreiche weitere Konzerte in wesentlich kleinerer Besetzung, darunter der bemerkenswerte Auftritt der KING’S SINGERS in neuer Besetzung. Sechs junge Herren präsentierten sich, äußerlich sehr unterschiedlich, aber in kongenialer Musizierweise in der Frauenkirche (22.5.), akustisch günstig vor der Chorschranke aufgestellt, mit einem sehr bunten und doch stimmigen, vom berühmten roten Faden durchzogenen, illustren Programm. Die sechs jungen Männer konnten gemeinsam in der Besetzung: 2 Countertenöre (einer davon Diskant), 1 Tenor, 2 Baritonstimmen und 1 Bass oder auch in kleinen Grüppchen oder solo alle Stilrichtrungen interpretieren, von Liedern und Motetten bis zum großen Chorsatz (in einfacher Besetzung).

Sie begannen zunächst mit fünf verschiedenen Vertonungen des 121. Psalms „Hebe deine Augen auf“, u. a. von Orlando di Lasso und mit Felix Mendelssohn-Bartholdys berühmtem Terzett aus dem „Elias“, und gingen zu Spätromantik und dem 20. Jh. über, u. a. mit Mendelssohns kaum bekanntem „Herbstlied“ für Chor mit nur vier Männerstimmen, so wie auch alle sechs Sänger in nur einfacher Besetzung der Stimmen durchaus einen ganzen Chor, u. a. den, wie „aus einem Guss“ gesungenen Männerchor von Richard Straus, eindrucksvoll darbieten konnten.

Sie konnten es sich auch leisten, drei Songs der Comedien Harmonists köstlich und anregend zu singen, und sich jazzigen Stücken zuzuwenden, u. a. von Duce Ellington und Cole Porter und damit unter dem Titel „Neues Hoffen“ eine Verbindung zur Zeit nach dem 1. Weltkrieg und damit zur Bauhaus-Epoche herstellen. Ganz gleich, was sie sangen, ob deutsche oder englische Musik aus verschiedenen Jahrhunderten, oder ihre beiden Zugaben, u. a. von Curt Weill, ernst oder heiter, war immer ihr makelloser Gesang, ihre vollendete Dynamik, perfekte Harmonie und stimmige Stilistik zu bewundern sowie Geschmack und Ästhetik, selbst, wenn es wie bei Francis Poulenc einmal alkoholselig „ums Saufen“ ging.

Zur Tradition der Musikfestspiele gehört auch die Einbeziehung ungewöhnlicher Konzertorte, wie ein Flugzeug-Hangar oder in diesem Jahr erstmalig der Stallhof des Dresdner Residenzschlosses, dem einzigen, noch weitgehend erhaltene Gebäude aus der Renaissance, der ersten Blütezeit Dresdens, mit offenen Bogengängen im Innenhof, wo einst höfische Turnierspiele stattfanden, und dem berühmten „Fürstenzug“ aus Meißner Porzellanfliesen an der „Rückseite“.

Da ging es locker und leicht zu bei „MILESTONNES“ – BEST OF DAVID ORLOWSKY TRIO (25.5.), der Abschiedstournee der drei Musiker, David Orlowsky – Klarinette und Moderation, Florian Dohrmann – Bass, gezupft oder gestrichen, und Jens-Uwe Popp – Gitarre, die im Herbst dieses Jahres ihren Fans „Adieu“ sagen und getrennte Wege gehen. Die drei ECHO-Klassik Preisträger, die seit 20 Jahren im Geschäft sind, hatten sich die Klezmer Musik zum Grundelement ihrer unterhaltsamen „softigen“, auf der Suche nach neuen Klängen und musikalischen Wegen weitgehend selbst komponierten, einfachen, melancholischen oder auch sehr fröhlichen, vom Osten inspirierten, durchgehend rhythmisch pointierten, neuen Weltmusik gemacht, für die sie den Begriff „chamber.world.music“ prägten, eine Mischung aus mediterranen und jüdischen Melodien, kultiviertem Jazz und klassischer Virtuosität, südamerikanischem Flair und norddeutscher Kühle.

Die „netten Jungens“ bevorzugten bei ihrem dezenten Stil sanfte, gefühlvolle, leise Töne (auch bei Verstärkung), um ihr Publikum in einem stimmungsvollen Open-Air-Konzert im nächtlichen Dresden zu unterhalten, verbunden durch leicht und sehr locker zum Besten gegebene einführende, heitere (und auch ernste) Worte und Anekdoten, z. B. wie bei einem Gastkonzert in Korea die Besucher bei einer koreanischen Melodie vielstimmig mitsummten. Da übernahm, sehr zur Freude des Publikums, zufällig ein Hund wie bestellt in der Ferne diese Funktion. Glockenschläge vom nahen Schlossturm und Hundegebell gehören bei einem Open-Air-Konzert eben dazu. Ernst und heiter gehen die Musikfestspiele nun weiter …

(26.5. – 10.6.2019)

Ingrid Gerk

 

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