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DRESDEN: KÖTHENER BACHFESTTAGE MIT NEUEM KONZEPT

05.09.2016 | Konzert/Liederabende

Dresden /KÖTHENER BACHFESTTAGE MIT NEUEM KONZEPT– 28.8. – 4.9.2016

Als Johann Sebastian Bach1717 in die kleine Residenzstadt Köthen zog, standen nach eigenen Bekenntnissen die 6 glücklichsten Jahre seines Lebens vor ihm. Hier fand er eine hervorragende Kapelle aus 9 Mitgliedern der, von Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. aufgelösten Berliner Hofkapelle, in der selbst der musikalische Fürst unter Bachs Leitung mitspielte und ihm zum Freund wurde. In Köthen komponierte Bach u. a. die „Brandenburgischen Konzerte“, zahlreiche weltlicheKantaten und einen Teil des „Wohltemperierten Klaviers“ undspäter, für Köthen, als er schon als Thomaskantor in Leipzig wirkte, anlässlich des Todes des Fürsten denberührenden Chorsatz„Wir setzen uns mit Tränen nieder“, den er als Abschluss in die „Matthäus-Passion“ übernahm,

Um Leben und Werk des Komponisten zu würdigen, wurden1967die Köthener Bachfesttage ins Leben gerufen, die sich aus bescheidenen Anfängen unter der Intendanz von Hans-Georg Schäfer zu einem Festival entwickelten,das international hohe Beachtung bei Ausführenden und Publikum fand. Aller zwei Jahre fanden sich die besten Musiker und Spezialisten der Alte-Musik-Szene undMusikliebhaber aus aller Welt ein, um sich an historischen Orten vor allem von der Musik Bachs (mitunter authentisch rekonstruiert) inspirieren zu lassen(nur die Köthener blieben fern, offenbar gilt hier „der Prophet nichts im eigenen Land“).

In diesem Jahr standen die Bachfesttage erstmalig unter der Intendanz des Berliner Dramaturgen, Musikmanagers und KonzertdesignersFolkert Uhde, der vor zwei Jahren im Orchester an dieser Stelle als Geiger mitwirkte und nun mit neuen Ideen und Konzertformaten, einschließlichgroßem Schlossfestaufwartet. Er setzt auf ein Ensemble aus vorwiegend jungen (und einigen älteren, gestandenen) Musikern vieler Nationen, dem BachCollektiv, das über die gesamte Dauer der Festtage konstant bleibt und in verschiedenen Zusammensetzungen auftritt. Dafür gibt es einen Aufbruch zu neuen Konzertformen. Neben einigen Konzerten in herkömmlicher Form gibt es „Halbkonzerte“ (40 min.) und „Viertelkonzerte“ (20 min.), wobei auch neue Aufführungsorte wie das Dachgeschoss der 2009 gegründeten Europäischen Bibliothek für Homöopathie (neben Bach holte Fürst Leopold auch andere Persönlichkeiten wie Samuel Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, nach Köthen)mit einbezogen werden.

Waren die Konzerte in ihrer Übersichtlichkeit bisher so getimt, dass man mühelos alle Konzerte besuchen konnte, so gibt es jetzt eine Vielzahl von Angeboten für alle möglichen Geschmäcker und damit viele Überschneidungen mit der Qual der Wahl. Nebenbei kann man auch etwas für die Gesundheit tun – in Form von Bewegung zu den einzelnen Spielorten von einem „Viertelkonzert“ zum  anderen. Niemand muss sich von der Dauer eines Konzertes überfordern lassen. Er kann wählen zwischen Halb, Ganz oder Viertel. Nur die musikbegeistertenStamm-Besucher, die die Intensität umfangreicherer Konzertemögen, sind es vielleicht (noch) nicht gewohnt, so „flexibel“ zu sein und schätzen die Konzerte alter Prägung mehr, und sie bilden den „Stamm“ des Publikums. Es ist eben alles Geschmacks- und Ansichtssache. Ob es wirklich gelingen wird, mit diesen neuen Angeboten neue und gar jugendliche Konzertbesucher nach Köthen zu locken, wird die Zukunft bringen.

Es gibt auch noch anderweitig Bewegung – in den Konzerten. Da bleibt das Publikum still sitzen, aber die Musiker bewegen sich durch den Aufführungsort, z. B. im ERÖFFNUNGS-KONZERT in der Kirche „St. Agnus“ (31.8.). Auf dem Programm standen die „Orchestersuite a-Moll (BWV 1067a)“, die Arien „Ich habe genug“ aus der Kantate BWV 82 und “Erbarme dich“ aus der „Matthäus-Passion“, das „Konzert D‑Dur für drei Violinen, Streicher und Basso continuo (B.c.)“ (BWV 1064) sowie jeweils die “Sinfonia“ zu den Kantaten„Ich hatte viel Bekümmernis“ (BWV 21) und „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“(BWV 156), die in der Programmdramaturgie von Elina Albach und Folkert Uhde in „Einzelteile“ zerlegt und in freier Improvisation wieder zusammengefügt, von Terry Wey, Altus undMidori Seiler, Violine und Leitung, Mayumi Hirasaki und Elfa Run Kristinsdóttir, Violinen, Daniel Lanthier, Oboe und Romina Lischka, Viola da Gamba als Concertino-Gruppe und weiteren 10 Instrumentalisten des BachCollektivs, einschließlich Orgel und Cembalo als Continuo-Gruppe in ansprechender Weise dargeboten wurden. Als verblüffender Effekt stand das Orchester angelegentlich stumm da, während die Viola da Gamba solistisch zu hören war – aus dem Hintergrund, d. h. vom anderen Ende der Kirche. Auch sonst war hin und wieder Bewegung unter den Ausführenden, die an verschiedenen Stellen auftraten, was das Konzert durchaus belebte. Erstaunlicherweise litt der Klang nicht unter den Bewegungen und der wechselnden räumlicher Distanz.

Eine ähnliche Programmdramaturgie, ebenfalls von Albach und Uhde, gab es bei einem Programm mit dem Titel „HERZENSGESCHENKE“ in der Schlosskapelle (1.9.). Hier wurden die „Chromatische Fantasie“ (BWV 903), das „Prélude“ aus der „Suite Es‑Dur für Violoncello solo“ (BWV 1010), das „Largo“ aus den „Suite c‑Moll“fürVioline und Cembalo (BWV 1017) und das „Largo“ aus der „Sonate C-Dur für Violine solo“ (BWV 1005),die„Sonate G‑Dur für Violine und (B.c.)“ (BWV 1021), Rezitativ „Drum sucht Amor sein Verlangen“ und Arie „Wenn die Frühlingslüfte streichen“ aus der Hochzeitskantate “Weichet nur betrübte Schatten“ (BWV 202), die Arien „Bist du bei mir (BWV 508) und „Jesus soll mein erstes Wort“ aus der Kantate (BWV 171) und die „Aria di Giovanni: Willst du dein Herz mir schenken“ (BWV 518)„zerlegt“ und zu einem neuen Ganzen zusammengefügt, „Willst du dein Herz mir schenken“strophenweise.

Es durchzog die neue Konzeption wie ein roter Faden und eröffnete das Konzert in einer (ur)alten Aufnahme, abgespielt auf uraltem Gerät, eingeschaltet von der Cembalistin Elina Albach, die danach dem zarten, dünnen Stimmchen der ersten Strophe einen kräftigen, sachlichen, angemessenen Anschlag entgegensetzte. Ein Cello erklang unsichtbar solo, d. h. im Hintergrund, sehr gut gespielt von Danierl Rosin. Die Violine (Elfa Run Kristinsdóttir) begann ebenfalls „unsichtbar“ am Ende des Kirchenschiffs, wandelte „spielend“ spielend im Mittelgang nach vorn und erreichte auch bei räumlicher Trennung eine beachtliche klangliche Übereinstimmung mit dem Cembalo. Dann stieß wieder das Cello seitlich hinzu usw. Von vielen Seiten erklang auch der Gesang, mal von der Empore (auf die später auch die Violine wanderte), mal mit dem Rücken zum Publikum, mal unmittelbar davor. Marie Luise Werneburgsang mit fröhlichem Gemüt und technisch exakter Ausführung, nur der Stimme hätte man für diesen Rahmen etwas mehr Innigkeit gewünscht. Sie besorgte aber einen sehr fröhlichen Abschluss mit Arie und Ritornell „Mein gläubiges Herze, frohlocke, sing, scherze“ aus der Kantate BWV 68.

Außer der Cembalistin waren alle Ausführenden während der gesamten Aufführungständig in Bewegung, weg von jeder herkömmlichen Aufführungspraxis, bei der sich die Ausführenden voll und ganz auf die Musik konzentrieren können. In diesem Rahmen aber passte es, zumal die Ausführenden sehr gut aufeinander eingestimmt und der Raum nicht zu groß war. Als Zugabe gestalteten alle vier“Die Zufriedenheit“, wobei der Sopran etwas geschmeidiger wirkte als zuvor.

Ein ähnlich bewegtes Konzept, verbunden mit angedeuteter szenischer Darstellung wurde bei der „JOHANNESPASSION“ in der Kirche St. Jakob (2.9.), die sich unter dem Titel „DRAMMA“ verbarg,von Ilka Seifert und Folkert Uhdeverfolgt, wobei einzelne gesungene Szenen mit Gesten, wie die Haltung des Christus und die Distanz zwischen ihm und Pilatus optisch verdeutlicht wurden, unterstützt von einer sinnvoll unterstreichenden, nicht übertriebenen Lichtgestaltung durch Jörg Bittner. Durch das Kommen und Gehen der Sänger der Arien, die sich in ihre Partien vertieften: Miriam Feuersinger, Sopran-Arien, Terry Wey, Alt-Arien, Stuart Jackson, Tenor-Arien und Andreas Wolf, Bass-Arien kam Bewegung in die Aufführung. Obwohl Terry Wey mit guter Artikulation und Exaktheit sang, drängt sich bei Bach immer wieder die Problematik auf, dass er der Altpartie die Reflexion der menschlichen Seele auf das Geschehen anvertraut und da eine warme, mitfühlende Frauenstimme doch besser geeignet wäre.

Fabio Trümpy war auf seinem festen Platz um eine gute Darstellung des Evangelisten bemüht, was ihm nicht immer ganz gelang. Christian Immlergestaltete hingegen die Partie des Jesus sehr eindrucksvoll, intensiv und überzeugendsowohl gesanglich, als auch darstellerisch. Er vertiefte sich ganz in seine Rolle und wurde ihr in der Verbindung von Sänger undDarsteller in sehr schöner Weise gerecht. Als sehr irdischer Pilatus erschien Clemens Heidrichals der kontrastierende Gegenspieler.

Alle Ausführenden – mit Ausnahme der Instrumentalisten in feierlichem Schwarz – waren Solisten und Chor in sehr buntem Zivil erschienen, neu, aber nicht sonderlich ansprechend und in diesem Fall auch nicht passend.

Bei der noch zusätzlich mit Dramatik angereicherten „dramatischen Passion“ Bachs, die die ganze Dramatik musikalisch in sich trägt, sorgten das Vocalconsort Berlin und das für die Bachfesttage eigens zusammengestellte BachCollektiv unter der Leitung von Daniel Reussfür eine beeindruckende dramatische Passion in musikalischer Hinsicht.

Zuvor lud Daniel Trumbull zu “GEFÄHRLICHEN LIEBSCHAFTEN” in den Anna–Magdalena-Bach-Saal (2.9.)ein, ein Cembalo-Recital mit Lesung, ein Konzert mit „Saloncharakter“ im intimen Rahmen. Den Besucher empfing ein Cembalo und ein kleines, feines Tischchen mit galanten Accessoires. Mit einemSpitzenjabot, das er sich später kurzzeitig umband, um ganz „galant“ zu erscheinen, ein Leuchter, das Bild eines als mit „unbeschreiblicher Grazie, natürlicher Anmut, sehr charmant, uneitel und mit natürlichem Charme geschilderten jungen Grafen bis hin zu einer abgebrannten Kerze auf dem Cembalo wird eine kleine galante Welt gezaubert. Hier war nichts zu viel, und auch nichts zu wenig, wie in den gesamten Ausführungen.

Auf der Suche nach dem idealen Konzerterlebnis steht bei Trumbull immer die Kommunikation mit dem Publikum im Mittelpunkt. Über die galante Zeit des französischen Adels zwischen Koketterie, Liebelei, Intrigen und Untergang, die Zeit der Blüte und gleichzeitig des beginnenden Verfalls, plaudernd, ging er zur Musik über, deren schöne Seite auch J. S. Bach in seinen „Französischen Suiten“ und „Ouvertüren“ rezipierte.

Die französischen Komponisten dieser Zeit liebten es auch, die vornehme Langeweile in der Musik zu beschreiben, aber auch Charaktereigenschaften und Dinge des Lebens, wie schweigsame Eifersucht, Raserei oder Verzweiflung darzustellen, was Trumbull mit seinem Spiel zum Ausdruck brachte. Mit frischem, munterem Anschlag interpretierte erCembalokompositionen von Francois Couperin (1668-1733) und Joseph-Nicolas-PancraceRoyer (um 1705-1855) in ihrer Leichtigkeit und las Texte aus dem Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Pierre-Ambroise-Francois Choderlos des Laclos, den kein Geringerer als Heinrich Mann übersetzte.

Mit Charme und sparsamen Gesten und auch ein wenig dezentem Humor, weder nur sachlich, noch übertrieben, las er einzelne ausgewählte Briefe, wobei er beim Lesen eine altertümliche Schreibfeder mitschwingen ließ, als schriebe er gerade selbst, was er las. Es wareine kongeniale Verbindung von Musik und Literatur, mit der er in eine Zeit der Galanterie führte, die äußerlich schön und nicht ohne Übertreibungen (die Engländer mussten ihre Kutschen erhöhen, um die hochgetürmten Frisuren der Damen unterzubringen) und „aalglatt“ war, das Böse und schließlich den Untergang (Französische Revolution) aberbereits in sich trug (der Autor stimmte schließlich während der Revolution dafür, dass der Kopf Luis XVI. fällt).Mit der „Verliebten Nachtigall“ als Zugabe verabschiedete sich Trumbull am Cembalo mit heiterer Geste.Es muss in einem Konzert nicht immer nur ernsthaft und kraftvoll zugehen. Es kann auch einmal die leichte, „süße“ Seite des Lebens beleuchtet werden, auch wenn oft nur der Schein trügt.

Bei BACH IM DIALOG (Gesprächskonzert) in St. Agnes (4.9.) wurde der prominenteste Gast der Bachfesttage, der Cellist Alban Gerhardt, vor einem vergrößerten Faximile der bekannten Bachschen Notenhandschrift (die wahrscheinlich von Anna Magdalena Bach stammt) von ModeratorClemens Goldberganhand der Préludes aus den „Suiten für Violoncello solo“ (BWV 1007-1012)intensiv befragt. Gerhardt nahm die vielen Fragen teils mit Humor. Bereits in den kurzen von ihm angespielten Teilen wurde seine Meisterschaft deutlich, die er davor und danach Gelegenheit hatte, mit allen 6 „Suiten für Violoncello solo“ von J. S. Bach in „Viertelkonzerten“ vorzustellen. Mit herzhaftem, aber, wenn angebracht, auch singendem Ton ließ er die einzelnen Melodien in großen musikalischen Linien mit genialer Selbstverständlichkeit trotz größter Schwierigkeiten mit- und gegeneinander fließen und gelegentlich zu einem wunderbaren Gesamtklangbild verschmelzen.

 Mit Bachs Konzerten für mehrere Soloinstrumente nahmen dieMusiker „ABSCHIED“in St. Agnus(4.9.)von den Orten, wo Bach einst wirkte, von denen sie sich inspirieren ließen die ihnensehr viel bedeuten. In diesem Halbkonzert widmete sich das BachCollektiv ohne jede äußerliche „Etikette“, dafür aber mit sehr vitalem engagiertem Musizierten 3 Solokonzerten von J. S. Bach, dem „Konzert für zwei Cembali, Streicher und B.c. C‑Dur“, dem „Konzert für Violine und Oboe, Streicher und B.c.“ und dem berühmten „Doppelkonzert d‑Moll für zwei Violinen, Streicher und B.c.“ mit dem einst Yehudi Menuhin und David Oistrach sensationelles Aufsehen erregten. Die Musizierfreude und das Engagement war den Ausführenden anzumerken. Sie ließen sich auch durch „Nebengeräusche“ ungewöhnlicher „Konzertbesucher“ (Kleinkind und Hund) und verfrühten Applausnicht irritieren.

Die Bachfesttage wurden in diesem Jahr mit einem völlig neuen Konzept präsentiert, nach allen Richtungen geöffnet und aufgebrochen. Ob sich das Konzept an diesem Ort bewährt, wird die Zukunft bringen.

Ingrid Gerk

 

 

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