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DRESDEN: INGOLF WUNDER UND DIE WARSCHAUER PHILHARMONIKER UNTER ANTONI WIT

Dresden/Frauenkirche: INGOLF WUNDER UND DIE WARSCHAUER PHILHARMONIKER UNTER ANTONI WIT – 13. 4. 2013


Foto: Ingrid Gerk

Die Reihe „Instrumentalstars im Konzert“ startet in dieser Konzertsaison mit einem neuen Akzent unter dem verheißungsvollen Titel:  „ostwärts“. Den Auftakt bildete ein Konzert mit den Warschauer Philharmonikern unter ihrem international renommierten Dirigenten Antoni Wit.

Er studierte u. a. Komposition bei Krysztof Penderecki und gilt als Spezialist für die Aufführung seiner Werke, was auch in diesem Konzert bei der Aufführung des „Agnus Dei“ aus Pendereckis „Polnischem Requiem“ in einer Bearbeitung für Streichorchester von Boris Pergamentschikow sehr deutlich wurde. Mit sehr feinfühligen Klängen widmete sich das, akustisch günstig vor dem Chorraum platzierte, (sehr) große Streichorchester dem aufwühlenden, 1987 uraufgeführten, Werk, bei dem Penderecki einen Trauergesang für die polnische Nation mit der Hoffnung auf Befreiung im Sinn hatte.

Das „Lacrimosa“ dieses Requiems erinnert an den 1970 niedergeschlagenen Aufstand der Danziger Werftarbeiter und die Solidarność-Bewegung, das hier aufgeführte „Agnus Dei“ an den ihm befreundeten Kardinal Wyszynski, der sich neben Kardinal Wojtyla (dem späteren Papst) als Vermittler zwischen dieser revolutionären Solidarność-Bewegung und den damaligen kommunistischen Staatsbehörden engagierte. Penderecki schrieb dieses „Agnus Dei“ einen Tag nach dessen Tod (1981).

Wit inspirierte die Musiker zu einer kongenialen, äußerst feinsinnigen und tief bewegenden Wiedergabe, die mit viel Sinn für Klang an der Grenze der Tonalität in ihrer hingebungsvollen Verklärung mitunter an die andächtigen Gesänge der Ostkirche erinnerte und auch ohne große Lautstärke und Expressivität sehr eindringlich, tief emotional und aufwühlend bis zur Erschütterung wirkte. Dieser separat aufgeführte Teil des Requiems war nicht sehr lang, aber sehr intensiv und eindrucksvoll.

In eine ganz andere Welt führte Frédérik Chopins „Klavierkonzert Nr. 1 e Moll“ op. 11. Das Orchester wurde durch die Bläser bis in den Altarraum erweitert. Die große Menge der Streicher blieb, so dass sich ein für die Akustik des Raumes sehr günstiges Verhältnis von Streichern und Bläsern ergab. Eingebettet in den von Chopin dezent und einfühlsam gestalteten Orchesterpart, konnte sich der junge österreichische Pianist Ingolf Wunder am Klavier voll entfalten.

So wie in Chopin zwei Seelen wohnten, die temperamentvolle polnische und die sensible französische Mentalität (schließlich war sein Vater Franzose und seine Mutter Polin), so unterschiedlich sind die Interpretationen der einzelnen Pianisten. Wunder bewegte sich mittendrin. Er legte seine Interpretation im Grund männlich-kraftvoll, mit jugendlichem Elan, sachlich und unsentimental an. Zwischen kraftvollen Akkorden und leiseren, lyrischen Passagen mit frischem, klarem, klangvollem Anschlag und auch sehr schönen lyrischen Passagen – vor allem im 3. Satz – fand er zu einem eigenen Stil. Der Kirchenraum erwies sich auch für ein solch virtuoses Klavierkonzert als durchaus geeignet.

Man fragt sich, warum Chopin jetzt so selten gespielt wird. Schließlich „sprüht“ die Musik dieses Meisters, der in allen Tonarten „zu Hause“ war und sie ihrem Charakter nach vorteilhaft einzusetzen wusste, von Schönklang, zarten, aufrichtigen Gefühlen, Optimismus und Lebensfreude und wird vom Publikum in aller Welt immer wieder begeistert aufgenommen. Hier ließ sich das Publikum schon nach dem zweiten Satz zu vorzeitigem Applaus, der kaum zu stoppen war, hinreißen, was schließlich auch auf den furios gestalteten Orchesterpart am Ende des Satzes zurückzuführen war.

Chopin nahm das Orchester sehr zurück. Eigentlich ist ihm „nur“ die Rolle einer untermalenden Begleitung als schmückendes Beiwerk zugewiesen. Es „umrahmt“ den Klavierpart mit Einleitungen, Überleitungen und Schlusspassagen und tritt dezent zurück, wenn das Klavier seinen Auftritt hat. Mehr wäre bei diesem feinsinnigen, romantischen und sehr empfindsamen Klavierpart, dem Chopin seine innersten Gefühle anvertraute, auch nicht sinnvoll, vor allem, wenn sich ein Pianist für eine sehr sensible Interpretation entscheidet. Hier gab es kraftvolle Klavierpassagen und teils ins Dramatische gesteigerte Orchesterpassagen, entsprechend der polnischen Mentalität, beide Seiten, Solist und Orchester verband aber eine große Musikalität und Musizierfreude, bei der man diese Interpretationsart unbedingt akzeptieren konnte.

Wieder zurück in sehr ernste Lebensbereiche führte die „Sinfonie Nr. 6 h-Moll“ op. 74 von Peter I. Tschaikowsky, sein letztes Werk. Er starb wenige Tage nach der Uraufführung dieser Sinfonie, die er als seine wichtigste und persönlichste betrachtete. Sie weicht in vielem von der üblichen Form ab. Statt eines furiosen Finalsatzes, endet sie in einer Art „Requiem“. Ihr liegt ein Programm zugrunde von Zuversicht und Tätigkeit, aber auch Liebe und Enttäuschung, Ersterben, Zerstörung und Tod. Es sollte nach Tschaikowskys Willen ewig geheim bleiben. In diese Sinfonie hat er „seine ganze Seele gelegt“. Sie atmet seinen persönlichen inneren Kampf zwischen Leben und Tod, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, was Wit mit dem Orchester sehr dramatisch, sehr expressiv herausarbeitete und in aufwühlender, stark beeindruckender Weise zu Gehör brachte.

Sehr expressiv, mit gewaltigem crescendo und decrescendo des gesamtem Orchesters, wurde ein gewaltiger Sturm der Gefühle mit inneren Kämpfen entfesselt, dann wieder beruhigend, versöhnend mit Oboe und Flöten, von schmerzlicher Chromatik geprägten Seufzern in den Streichern und erneutem Aufbrechen zu exponierter Lautstärke mit Zugposaunen und (sehr guter) Tuba bis zum musikalischen Inferno geführt. Eine grandiose Wiedergabe mit starken Kontrasten der aufgewühlten Seele bis zum orkanartigen Sturm, der dann beschwichtigend, leise, erschütternd wie in einem Requiem mit großer Trauer nach einem Leben voller Melancholie und Tiefschlägen erschütternd verklang.

Wit wurde den hohen geistigen Anforderungen dieser Sinfonie mit ihrer ganz persönlichen Wehklage, Zerrissenheit und immer wieder auch leiser Hoffnung gerecht und inspirierte das Orchester, das seinen Intentionen folgte und diesen Abschied vom Leben in eindrucksvoller Weise mitgestaltete.

Mit einer wieder lebensfrohen Zugabe, der „Gavotte“ aus der „Sinfonie classique“ von Sergej Prokofjew für den nun “planmäßigen“ Applaus ging ein Abend voller wechselnder Gefühle, aber großer Eindrücke zu Ende.

Ingrid Gerk

 

 

 

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