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DRESDEN/ Hochschule für Musik: STIPENDIATENKONZERT

19.11.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden/Hochschule für Musik: STIPENDIATENKONZERT– 18.11.2015

Im Rahmen der 17. Internationalen Tschechisch-Deutschen Kulturtage 2015 fand in Zusammenarbeit mit der Brücke/Most-Stiftung und in Kooperation mit der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ Dresden ein „Stipendiatenkonzert“ mit Studierenden der Hochschule statt, das am folgenden Tag in Teplice wiederholt wurde. Junge Musiker, zwei Dirigenten, ein Pianist und eine Violinsolistin hatten Gelegenheit bei diesem Konzert ihr Können zu präsentieren.

Auf dem Programm standen bedeutende Werke bedeutender Komponisten beider Nationen: das „Konzert für Klavier und Orchester Es-Dur“ (op. 73) von Ludwig van Beethoven, das „Konzert für Violine und Orchester a-Moll“ (op. 53) von Antonín Dvořák und die „Suite“ aus der Oper „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček. Den Orchesterpart hatte die Nordböhmische Philharmonie Teplice übernommen.

Der von der Krim gebürtige, nunmehr tschechische Staatsbürger Peter Naryshkin (Klasse Arkadi Zenzipér), Preisträger mehrerer Wettbewerbe vor allem in Tschechien und Italien und seit 2015 Stipendiat, war der Solist in Beethovens Klavierkonzert, bei dem der junge, aus Seoul gebürtige, Dirigent Minhyung Lee, der gegenwärtig an der Dresdner Musikhochschule studiert, mit eleganten, sehr schönen, ästhetischen Gesten als Teil seines Abschlussexamens das Orchester dirigierte. Man konnte an seinen Bewegungen, mit denen er die Musik formte, förmliche die Musik „entstehen“ sehen, nur dass die Musiker davon kaum Notiz zu nehmen schienen, so sehr war ihnen die Musik Beethovens vertraut. Allerdings hätte man sich in dem Konzertsaal mittlerer Größe mit guter Akustik öfters ein Zurücknehmen der Orchesterlautstärke gewünscht.

Der Solist orientierte – wie gegenwärtig fast alle jungen Pianisten – vor allem auf erstklassige Technik. Sein Spiel war „flüssig“, von besonderer Leichtigkeit, Exaktheit und Klarheit und entsprechender Phrasierung und Differenzierung, wenn auch noch mit wenig inhaltlicher Beziehung zum Werk. Sein Anschlag ist leicht und locker, aber wenig klangdifferenziert. Er beherrscht sehr schöne, geläufige Triller, nur schien er zur geistig-emotionalen Seite der Musik Beethovens als moderner, jugendlicher Musiker noch wenig Zugang zu haben. Bei Beethoven hat jeder Takt seine Besonderheit, selbst bei scheinbarer Wiederholung. Naryshkin spielte solche Passagen, vornehmlich im 1. Satz, mit akkurater, beinahe motorischer Gleichmäßigkeit und zuweilen fast schon metallischem Klang. Im 2. Satz deutete sich jedoch bereits eine weichere, gefühlvollere Gestaltung an. Allgemein hatte er eine gute Gesamtkonzeption. Die geistige Nähe zu dieser Musik stellt sich meist erst mit zunehmender künstlerischer Reife ein. Zunächst stehen bei einem jungen Pianisten verständlicherweise eine gute Technik als Voraussetzung für eine gute Interpretation und Virtuosität im Vordergrund, und die ließen bei Naryshkin nichts zu wünschen übrig.

Das meinte auch das Publikum und erbat sich mit viel Applaus eine Zugabe, die ihm mit ihren fast impressionistisch anmutenden Passagen und temperamentvollen Rhythmen näher lag. Mit ihr konnte er sich offenbar gut identifizieren. Bei dem, original für Klavier solo komponierten, Stück „Córdoba“ von Isaac Albéniz war er in seinem Element und beeindruckte durch eine gekonnte Balance zwischen tänzerischem, leicht verträumtem, sinnendem Charakter und spanischem Temperament.

Bei Dvořáks „Violinkonzert“ war die junge tschechische Geigerin Lenka Matéjákova (Klasse Wolfgang Hentrich), ebenfalls Gewinnerin mehrerer Wettbewerbe in Tschechien, Österreich und Deutschland, sozusagen im Heimvorteil, was sich in einem besonderen Gespür für die Musik ihres Landsmannes und die slawisch-böhmische Mentalität zeigte. Ihr Spiel bewegte sich in die Richtung der geistigen Reife, wie man sie von den ganz Großen dieser „Zunft“ kennt. Bei ihr war eine gute Technik die Voraussetzung für eine innige Gestaltung. Auf dieser Grundlage vertiefte sie sich auch emotional in die Musik Dvořáks. Besonders eindrucksvoll gelang ihr der kantable 2. Satz mit seinem zarten Volksliedton, den sie mit feinem, geschmeidigem Strich und viel Einfühlungsvermögen musizierte und in schöner Übereinstimmung mit dem Orchester mit dem „gewissen Etwas“ an Musikalität, das die Musik so vertraut und einprägsam macht, beendete. Im tänzerischen 3. Satz, der geprägt ist von Furiant und Dumka, hatte sie Gelegenheit, auch musikalisches Temperament zu zeigen. Insgesamt war es eine reife Leistung, wie man sie sich in einem Konzert wünscht.

Am Dirigentenpult stand Ekkehard Klemm, zu dessen „Schülern“, d. h. Studierenden, Minhyung Lee und Mateusz Czech, der nachfolgend die „Suite“ von Janacek ebenfalls als Teil seines Abschlussexamens dirigierte, gehören. Klemms Bewegungen waren verhalten, aber er nahm Einfluss auf das Orchester. Während die Lautstärke der Bläser, vor allem beim Horn mitunter fast störte (oder lag es an der Akustik?), gab es auch sehr schöne Momente, insbesondere bei den Streichern und dem sehr guten Flötisten und zuweilen in sehr schöner Übereinstimmung zwischen Solistin und Orchester, wobei auch die Liebe zur böhmischen Heimat und zu Dvoraks Musik bei den Beteiligten eine Rolle gespielt haben mag.

Während Dvořáks Musik von klassisch-romantischem Charakter geprägt ist, sind die Kompositionen des nur 13 Jahre jüngeren Janáček dem 20. Jh. zugewandt, was dem jungen polnischen Dirigenten sehr entgegenzukommen schien. Er brachte diese feingliedrige, psychologisierende Musik der „Suite“ aus der Musik des 1. Aktes des „Schlauen Füchslein“ mit ihrer Naturbeobachtung und den vielfältigen Beziehungen des Menschen zur Natur zum Ausdruck, weniger mit der Wehmut und Melancholie und der Lebensweisheit des alternden Janáček, als vielmehr tonmalerisch mit dem Enthusiasmus der Jugend. Man meinte fast den Libellenflug zu hören.

Die unmittelbare Nähe zur mährischen Volksmusik ließ er mit jugendlichem Überschwang und viel Lautstärke Gestalt annehmen und baute sie mit lauter Trommel und Pauken (die auch dezent den Orchesterklang untermalen konnten) und Becken aus, wozu die sanften Harfentöne und Streicher kontrastierten.

Ungeachtet mancher Einschränkungen, die bei jungen Künstlern naturgemäß auftreten, wurden in diesem Stipendiatenkonzert beachtliche Leistungen geboten, die zu schönen Hoffnungen berechtigen.

Ingrid Gerk

 

 

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