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DRESDEN/ Hochschule für Musik: BUNDESJUGENDORCHESTER MIT SOLISTEN DER BERLINER PHILHARMONIKER AUF FRÜHJAHRS-TOURNEE IN DRESDEN –

05.04.2016 | Konzert/Liederabende

Dresden/Hochschule für Musik: BUNDESJUGENDORCHESTER MIT SOLISTEN DER BERLINER PHILHARMONIKER AUF FRÜHJAHRS-TOURNEE IN DRESDEN – 4.4.2016

Deutschlands jüngstes Spitzenorchester, das seit 2013 von den Berliner Philharmonikern als Patenorchester unterstützte Bundesjugendorchester hat schon alle Gegenden der Welt bereist. Jetzt gab es im Rahmen seiner Frühjahrs-Tournee März/April ein Konzert in Dresden. Die Solisten kamen größtenteils aus den Reihen des Patenorchesters, vier Hornisten der Berliner Philharmoniker und der Solocellist. Mit der Bratschistin Teresa Schwamm übernahm ein ehemaliges Mitglied des Bundesjugendorchesters einen weiteren Solopart. Nach so berühmten Dirigenten wie Herbert von Karajan, Kurt Masur, Kiril Petrenko und Simon Rattle, der im Rahmen dieser Tournee auch ein Konzert leitet, stand nun Sebastian Weigle am Pult. Für ihn ist diese Tournee nach 2012 die zweite Zusammenarbeit mit dem Bundesjugendorchester.

Er setzte sehr auf Lautstärke und überbordende Euphorie und ließ als Auftakt die Musik des heiteren Ballettes „El Sombrero de Tres Picos“ („Der Dreispitz“) mit seinen Suiten 1 & 2 (1. und 2. Akt) von Manuel de Falla, für dessen Uraufführung 1919 im Londoner Alhambra-Theater kein geringerer als Pablo Picasso Vorhang, Kostüme und Bühnenbild schuf, mit extrem harten Paukenschlägen beginnen, die auch während der in 11 Akten erzählten Geschichte um die schöne Müllerin, die zusammen mit ihrem eifersüchtigen und schlauen Gatten den sie begehrenden Corregidor, einen schon etwas älteren Provinzstatthalter, dessen Würde durch den Dreispitz verkörpert wird, überlistet und bloßstellt, immer wieder eingesetzt wurden.

Das spanische folkloristische Kolorit dieser Musik schien hier etwas sehr dick aufgetragen. Dass das Orchester auch anders kann, bewiesen einige liebevoll und mit musikalischem Empfinden und schönen musikalischen Bögen ausmusizierte Sätze und Passagen, die dann immer wieder von allzu viel „Temperament“ und Härten vor allem bei Pauke(n) und Becken und „blechernen“ Bläsern – vielleicht auch im jugendlichen Überschwang – abgelöst wurden. Vermutlich orientierte sich Weigle mit der Orchester-Lautstärke an sehr großen Konzertsälen. Der Konzertsaal der Dresdner Hochschule für Musik verfügt aber über eine ausgezeichnete Akustik, so dass hier weniger mehr gewesen wäre.

Mit entsprechender Lautstärke begann auch das „Konzertstück für vier Hörner F Dur“ (op. 86) von Robert Schumann mit den versierten Solisten Stefan Dohr, Stefan de Leval Jezierski, Sarah Willis und Andrej Žust von den Berliner Philharmonikern, die mit gutem Klang, viel musikalischem Gespür und sehr feinsinniger Melodik musizierten. Die jungen Orchestermusiker zogen mit. Die beiden Hörner im Orchester und die Bläser korrespondierten mit den Horn-Solisten auf schöne Weise, aber es ging auch hier nicht ohne Härten seitens des Orchesters.

Mit einer Zugabe bedankte sich das Hornquartett „solo“ in einer etwas „schaumgebremsten“ Variante des in vielen Musikstilen interpretierten internationalen Hits „Bésame mucho“ der mexikanischen Komponistin Consuelo Velázquez (1916 2005).

Zunächst ausgewogen und ganz im Stil von Richard Strauss begann das Orchester Strauss‘ Tondichtung „Don Quixote, Phantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters“ für großes Orchester (op. 35), bis dann das Orchester „lärmend“ mit allzu großer Lautstärke und „blechernem“ Blech den Charakter der in Form einer Sinfonia concertante komponierten Tondichtung nach dem Roman von Miguel de Cervantes in eine ungewohnte Richtung lenkte. Man wurde unwillkürlich an die bekannte Karikatur der Dresdner „Elektra“-Uraufführung erinnert, wo alle möglichen Blas-, Schlag- und Lärminstrumente auf den Zuhörer einstürmen. Ganz so derb können die Abenteuer des Don Quixote nicht gemeint gewesen sein, auch wenn Bratschen-, Tenortuben- und Bassklarinetten-Solisten den dicken, unbeholfenen Begleiter Sancho Pansa darstellen.

Gelegentlich kamen aber auch schöne Streicher durch, und Teresa Schwamm, Viola beeindruckte mit ihrem sehr guten Solo. Der Cello-Solist Ludwig Quandt vertiefte sich ganz in die Komposition. Er hatte den Charakter der Titelfigur voll erfasst. Mit rauen, aber auch sehr feinen empfindsamen Passagen, singendem Cello-Ton, witzigen Pointen und einem kleinen musikalischen „Schwänzchen“ und immer ganz im Einklang mit dem Orchester, das dann auch zurückgenommen wurde, repräsentierte er den Ritter von der traurigen Gestalt und ließ ihn lebensvoll auferstehen, was selbst an seiner Mimik zu erkennen war. So stellt man sich die karikierte Gestalt dieses „Don“ vor.

Dirigent und Orchester aber „blieben hart“ über weite Strecken. Man meinte zuweilen eher Richard Wagner, Gustav Mahler und sogar Dmitri Schostakowitschs bei einem extra-harten, gewaltigen Paukenschlag (Schostakowitschs “Holzhammer“-Symbol) zu hören. Nur Richard Strauss hörte man selten heraus (das kam erst gegen Ende). Im tutti rollte das Orchester oft in erstaunlicher Konformität wie eine harte „Lawine“, ohne guten Klang, derb und gewaltig über die Zuhörer hinweg, ähnlich einem, jetzt oft praktizierten „Orchester-Inferno“. Ganz so gewaltig kann selbst der plumpe Sancha Pansa nicht gemeint gewesen sein.

Das sehr leistungsfähige Orchester ließ dennoch gelegentlich gute und kleine witzige Passagen hören. Gegen Ende wurde es dann wieder „echter Strauss“ mit leicht tänzerischen, lockeren Passagen, bis eben wieder hart die Pauke dazwischenfuhr. Leise und klangschön mit dem singenden Cello kam endlich die große Kantilene und Strauss „brach sich wieder Bahn“, so dass die „Geschichte“ versöhnlich ausklang.

Wieder „paukenlastig“ und mit „schrägem“, hartem Blech beendete eine Orchesterzugabe aus der von Erich Wolfgang Korngold 1937 komponierten Filmmusik zu „Der Prinz und der Bettelknabe“ („The Prince and the Pauper“) den Konzertabend.

Ingrid Gerk

 

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