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DRESDEN/ Hellerau/Festspielhaus: „GESPRÄCHSKONZERT“ MIT ARIBERT REIMANN

20.11.2019 | Konzert/Liederabende

Dresden-Hellerau / Festspielhaus: „GESPRÄCHSKONZERT“ MIT ARIBERT REIMANN – 19.11.2019

Die Verbindungen der Sächsischen Staatskapelle Dresden zum Festspielhaus Hellerau, das 1911 nach den Visionen des Wegbereiters der modernen Architektur, Heinrich Tessenow und des Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze als „Bildungsanstalt für Rhythmik“ (moderner Tanz) erbaut wurde und nach sehr langer Fremdnutzung wieder zu einem der wichtigsten interdisziplinären Zentren zeitgenössischer Künste avancierte, reichen weit zurück. Fritz Busch leitete hier u. a. Konzerte. Jetzt finden hier die „Gesprächskonzerte“ der Sächsischen Staatskapelle im Rahmen der 1854 gegründeten Orchester eigenen Kammermusik, bei der die Orchestermitglieder ehrenamtlich auftreten, statt. Eines davon war jüngst dem derzeitigen Capell-Compositeur Aribert Reimann gewidmet.

Die Kammermusikvereinigung Kapelle21 aus jungen Musikern der Staatskapelle führte in einem, von ihnen eigens dafür zusammen gestellten, Programm Werke von Reimann, in denen er sich kammermusikalisch mit drei Komponisten des 19. Jahrhunderts auseinandersetzt, auf und dazu passend, Kammermusik der jeweiligen Komponisten, die ihn zu seinen Kompositionen inspirierten. Die Besetzung der Kapelle21 formiert sich, entsprechend den aufzuführenden Werken immer neu – an diesem Abend vom Solo über Duo und klassisches Streichquartett bis zum kleineren Kammerorchester aus 10 Musikern. Trotzdem gab es sehr schöne, und vor allem konforme Klangwirkungen. Die Musiker hören aufeinander, sind aufeinander eingestellt, kennen sich genau und stimmen sich aufeinander ein.

Das sehr umfangreiche und vielseitige Programm enthielt in drei Abschnitten jeweils eine Komposition von Aribert Reimann für ein Solo-Instrument, ein Werk des ihn inspirierenden Komponisten sowie dessen Bearbeitung oder das von ihm inspirierte und komponierte Werk.

Im 1. Teil erklangen Reimanns „Solo für Viola“ (1996) mit dem versierten Stellv. Solobratscher und Kammermusiker Stephan Pätzold, „… oder soll es Tod bedeuten?“ – Acht Lieder und ein Fragment von Felix Mendelssohn Bartholdy nach Gedichten von Heinrich Heine für Sopran und Streichquartett bearbeitet und verbunden mit sechs Intermezzi  (1996), einfühlsam gesungen von Carolina Ullrich, sowie Mendelssohns „Streichquartett“e‑Moll (op. 44/2). Die menschliche Stimme stellt für Reimann, der schon mit zehn Jahren erste Klavierlieder komponierte, als Liedbegleiter und Korrepetitor tätig war, eine Professur an der Hamburger Musikhochschule mit Schwerpunkt Zeitgenössisches Lied innehatte und 1983 in gleicher Funktion an die Berliner Hochschule der Künste berufen wurde, einen starken Impuls dar. Für ihn sind Musiktheater und Lied die Keimzellen, aus denen sich sein künstlerisches Schaffen maßgeblich entwickelte. Mit seinen Opern „Lear”, “Medea” und “L’Invisible” gehört er zu den führenden Opernkomponisten weltweit.

Im 2. Teil brachte Norbert Anger, Konzertmeister Violoncelli der Staatskapelle, das „Solo“ für Violoncello (1981) mit warmem, geschmeidigem Ton zu Gehör, dem die „Fantasiestücke“ für Klarinette, Flöte, Harfe und zwei Bratschen von Robert Schumann, bearbeitet von Aribert Reimann (2007), folgten, sowie dessen „Adagio“ – zum Gedenken an Robert Schumann – für Streichquartett (2006).

 Im Gespräch mit einem Vertreter des Hauses gab Reimann Einblicke in sein Schaffen und die speziellen Anlässe für die Kompositionen der aufgeführten Stücke, z. B. dass er „zu den Werken Schumanns … schon immer eine starke Neigung hatte“ und auch über die Musik hinaus eine enge Verbindung besteht. Durch verschlungene Verwandtschaftsbeziehungen kam er in den Besitz des Tagebuchs, das ein Verwandter von ihm, der Arzt, der Robert Schumann in Endenich betreut hat, verfasste.

Als die Musikwelt 2006 Schumanns 150. Todestages gedachte und er seinen 70. Geburtstag feierte, entschied sich Reimann entgegen einer früheren Bestimmung, dass das Tagebuch nie veröffentlicht werden sollte, dennoch für eine Veröffentlichung, schon um Clara Schumann von dem Vorwurf, sie habe ihren Mann in der Nervenheilanstalt erst kurz vor seinem Tod besucht, zu entlasten, und das Dokument aus Sicherheitsgründen im Archiv der Akademie der Künste, Berlin zu deponieren. Die Hintergründe von Schumanns letzten Lebensjahren waren demnach ganz andere als bisher oft gemutmaßt, aber „das ist ein weites Feld“.

 Den 3. Teil eröffnete Celine Moinet, die immer wieder faszinierende Solooboistin der Kapelle, in einer hervorragenden Wiedergabe des „Solo“ für Oboe (2001) von Reimann, gefolgt von seinen „Nocturnos“ für Violoncello und Harfe (1965) mit Johanna Schellenberger und Norbert Anger, dem „Streichquartett“ von Franz Schubert und Reimanns „Metamorphosen“ über ein Menuett von Franz Schubert (D 600) für zehn Instrumente (1997).

Es war ein langer, aber abwechslungsreicher, instruktiver Abend mit viel, sehr gut ausgeführter Musik – sowohl aus dem umfangreichem Schaffen von Aribert Reimann, als auch von kammermusikalischen Kompositionen Mendelssohns, Schumanns und Schuberts.

Ingrid Gerk

 

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