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DRESDEN/ Gläserne Manufaktur von VW: „PIOTR BECZALA UND DIE SÄCHSISCHE STAATSKAPELLE DRESDEN BEI „KLASSIK PICKNICKT“

16.06.2018 | Konzert/Liederabende

Dresden / Gläserne Manufaktur von Volkswagen: „PIOTR BECZALA UND DIE SÄCHSISCHE STAATSKAPELLE DRESDEN BEI „KLASSIK PICKNICKT“– 15.6.2018

Eine riesige Menschenschlange wie noch bei keinem Fußballspiel, obwohl die Dresdner auf ihre Mannschaft stehen, bewegte sich langsam in Richtung Fußballstadion – und vorbei – zur Gläsernen Manufaktur von Volkswagen, wo sie auf eine ebensolche mit Campingstühlen und Picknickkorb aus der Gegenrichtung stieß, um sich mit Kind und Kegel auf den Wiesen vor dem Manufaktur-Gebäude auszubreiten und einen schönen Abend bei „Natur und Klang“, mitgebrachtem Picknick, „Romantik“ und „klassischer“ Musik per Livestream zu genießen. „Klassik picknickt“, eine Veranstaltung im Rahmen der Partnerschaft zwischen der Sächsischen Staatskapelle Dresden und der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen ist zu einer festen Tradition geworden und feierte ihr 11jähriges Jubiläum.

Moderator Axel Brüggemann stimmte die 3500 Besucher (die Karten waren innerhalb von drei Tagen restlos ausverkauft) und unzählige Zaungäste mit unbekümmert heiterer Art auf den Abend ein, indem er hier und da bei ahnungslosen Besuchern etwas zum Naschen „stibitzte“, obwohl er im vergangenen Jahr versprochen hatte, „es nicht wieder zu tun“ und bewusst mit vollem Mund sprach und aß, aß und sprach, witzig, spritzig und humorvoll.

Die Bühne war in diesem Jahr über dem (künstlichen) „See“ aufgebaut, um die Natur noch weiter mit einzubeziehen, womit auch Dresden seine kleinen „Mini-Seefestspiele“ hatte, obwohl es ohnehin nie „trocken“ bei dieser Veranstaltungsreihe wird. Der Himmel hielt sich bisher auch daran. Man lässt sich ab und an etwas Neues einfallen, auch hinsichtlich des immer gut gestalteten Programmes, das nach Ausflügen zu verschiedenen Nationalitäten in vorangegangenen Jahren nun bei der großen romantischen Oper angekommen war. Es hatte nur einen Nachteil, bei dem hervorragend Gebotenen schien es – wie immer, wenn es besonders schön ist – zu kurz.

Da durften einige der schönsten und beliebtesten Stücke des deutschen, italienischen und französischen Opernrepertoires nicht fehlen, Ohrwürmer wie die Ouvertüre zur, 1845 in Dresden uraufgeführter Oper „Tannhäuser“ von Richard Wagner, die Ouvertüren zu „Nabucco“ und der, gegenwärtig in der Semperoper laufenden, Oper „La forza del destino“ von Giuseppe Verdi. Schließlich sollten breite Kreise angesprochen werden, und die waren auch vertreten, darunter viele Jugendliche. Da kann man nicht sagen, dass das Interesse an „klassischer Musik“ nachlassen würde. Ganz im Gegenteil, so geboten, begeisterte es „alte Hasen“, Fans,  Neugierige und Neue gleichermaßen.

Als interessantes kleines Stück erklang außerdem das „Preludio sinfonico“ A-Dur , ein Jugendwerk Giacomo Puccinis mit spürbaren Einflüssen von Richard Wagner und Jules Massenet, interessant für „Kenner“ und angenehm anzuhören für Unvoreingenommene. Unter der Leitung von Omer Meir Wellber spielte die Sächsische Staatskapelle das gesamte Programm mit ihrer gewohnten Zuverlässigkeit und Detailtreue und schönen solistischen Leistungen von Flöte, Oboe(n), Hörnern und Violoncello.

Absoluter Höhepunkt aber waren die mit Spannung erwarteten großen Arien, gesungen von Ausnahmetenor Piotr Beczała, der in diesem Jahr, am 9.4. im Londoner Coliseum als „Sänger des Jahres“ ausgezeichnet und am 8.6. in  der Dresdner Frauenkirche mit dem Europäischen Kulturpreis TAURUS für sein Engagement bei der Erhaltung des gemeinsamen Kulturerbes geehrt wurde.

Mit strahlend schöner Stimme, leicht und locker, mit Schmelz (aber kein „Schmalz“), Leidenschaft und allen Tugenden eines großartigen Sängers und scheinbar ohne alle Schwierigkeiten erfüllte er die laue Abendluft mit „E lucevan le stelle“ aus „Tosca“, auch wenn nur er meinte, „echte“ Sterne am Himmel zu sehen, von Giacomo Puccini, nach dem Vorspiel zum 3. Akt die „Blumenarie“ aus „Carmen“ von Georges Bizet und „Pourquoi me réveiller“ aus „Werther“ von Jules Massenet. Damit eroberte er die Herzen und Gemüter von Opernfreunden und solchen, die es dadurch wahrscheinlich geworden sind, im Fluge und betörte alle Sinne wie einst die ganz Großen der Vergangenheit.

Dass er nicht nur glanzvoll die großen Opernarien singen, sondern auch der klassischen Operette wieder zu ihrem einstigen Ruhm verhelfen kann, bewies er einmal mehr, als er die Arie „Dein ist mein ganzes Herz“ aus der Lehár-Operette „Das Land des Lächelns“ nicht nur mit alles überglänzender Stimme, sondern auch als Pole mit eiwandfreier deutscher Aussprache sang, woran sich manch junge muttersprachliche Sängerinnen und Sänger orientieren sollten!

Nach einer so glanzvollen Zugabe wollte Wellber mit dem Orchester natürlich nicht nachstehen und begann mit Astor Piazzolla, lief weg – das Orchester spielte auch ohne ihn weiter – und kam mit seinem Akkordeon zurück, um eine weitere, etwas melancholische Melodie von Piazzolla zu spielen und noch eine eigene Improvisation, ein „Experiment“ wie er sagte, sein „Freitagsgebet“ auf dem Akkordeon solo „draufzugeben“ und den Musikgenuss unter freiem Himmel endgültig ausklingen zu lassen.

Wer keine Karte mehr bekommen hatte oder einen weiteren Abend in Familie mit „Klassik“ und Natur erleben möchte, dem sei der 6.7.2019 für den 12. „Klassik-Picknickt“-Abend empfohlen.

 

Ingrid Gerk

 

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