Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Frauenkirche/Kreuzkirche u.a.: IMPRESSIONEN VOM „BACHFEST DRESDEN“

04.10.2016 | Konzert/Liederabende

Dresden/Frauenkirche, Kreuzkirche u. a.: IMPRESSIONEN VOM „BACHFEST DRESDEN“ – 24.9. – 3.10.2016

Für das 91. Bachfest, das alljährlich in einer anderen Stadt stattfindet, hatte die Neue Bachgesellschaft in diesem Jahr Dresden ausgewählt. Die engen Beziehungen Bachs zu Dresden sind bekannt, und ein begeisterungsfähiges Publikum gibt es allein schon vor Ort, dazu zahlreiche Touristen und Bach-Enthusiasten, die überall hin reisen, wo Musik von Bach und seinen Zeitgenossen erklingt.

Wenn Bach auch nur besuchsweise (häufiger als zweimal) in der Stadt weilte, war er doch vor allem ideell und freundschaftlich mit den Musikern der Dresdner Hofkapelle und Mitgliedern des Dresdner Hofes verbunden, erhielt hier den von ihm ersehnten Titel eines „königlich polnischer und kurfürstlich sächsischer Compositeur bey Dero Hoff-Capelle“ und spielte die Silbermann-Orgel in der Sophienkirche. Obwohl er in Leipzig 27 Jahr lang lebte und wirkte (wenn auch mit einigen Ärgernissen) und in Köthen 7 Jahre glücklich sowie in Arnstadt und Weimar, erscheint doch auch Dresden prädestiniert für ein Bachfest mit internationaler Ausstrahlung.

Das diesjährige Bachfest war groß angedacht, wurde aber aus organisatorischen und den leidigen finanziellen Gründen stark reduziert. Dennoch ließen sich die „einheimischen“ Musiker und Musikliebhaber nicht entmutigen. Die Kirchen, die Sächsische Staatskapelle Dresden, das Heinrich-Schütz-Konservatorium u. a. führten unbeirrt ihre Bach-Tradition, die sie mit einzubringen bereit waren, durch und steuerten zahlreiche weitere interessante Veranstaltungen bei, so dass es doch noch ein ganz beachtliches Bachfest mit vielen interessanten Veranstaltungen wurde.

Im Vorfeld widmete die Sächsische Staatskapelle in Kooperation mit dem Bachfest ihr SONDERKONZERT am Gründungstag der Kapelle (22.9.) Johann Sebastian Bach. Mit der Aufführung der „Orchestersuite Nr. 1“, der „Meditation über den Bach-Choral ‚Vor deinen Thron tret‘ ich hiermit‘ “ von Sofia Gubaidulina als Bezug zur Gegenwart und der „Missa Nr. 18“ von J. G. Naumann, dessen Kirchenkompositionen im praktischen Gebrauch sogar in der Leipziger Thomaskirche die von Bach ablösten (siehe Kritik im Neuen Merker – online, 22.9.), stimmten die Ausführenden auf dieses nunmehr stark „reduzierte“ Bachfest ein.

Frauenkirchenkantor Matthias Grünert bot – auch im Rahmen des alljährlich stattfindenden BACHzyklus- an der großen Orgel der Dresdner Frauenkirche ein Orgelkonzert (23.9.) und stellte Bachs Choralbearbeitungen in unterschiedlichen Varianten, d. h. in zwei- und dreimaligen Bearbeitungen ein- und desselben Chorals, entstanden in verschiedenen Lebensabschnitten, einander gegenüber, ergänzt durch einige kleinere Orgelwerke von Bach, dem„Präludium und Fuge C‑Dur“ (BWV 545) sowie die „Fuge G‑Dur (BWV 577), „Allabreve“ D‑Dur (BWV 589) und das „Concerto C‑Dur“ (BWV 595).

Er gestaltete die einzelnen Stücke und Choralbearbeitungen entsprechend ihrem Charakter feierlichoder lebhaft, frisch,beschaulich oder mit einiger Vehemenz, meist in seiner bevorzugten Registrierung, variiert in Tempo und Stil, entsprechend den Kompositionen und gestaltete„Präludium und Fuge D‑Dur“ (BWV 532) als temperament- und glanzvollenAbschluss.

Das eigentliche„Eröffnungskonzert“ der Frauenkirchen-Bachtage und des Bachfestes fand am nächsten Tag, ebenfalls in der Frauenkirche statt (24.9.). Es stand ganz im Zeichen von Bach und seinen Zeitgenossen, ein wahrhaft festliches Konzert. Die international sehr geschätzten Dresdner Kapellsolisten (vorwiegend Musiker der Sächsischen Staatskapelle) beeindruckten und begeisterten unter dem Motto „Bach & die „Elemente“unter der Leitung von Helmut Branny mit mehreren Kompositionen. Sie eröffneten ihr Konzert mit einer klangschönen, ausgewogenen und dabei sehr temperamentvollen Wiedergabe des „Konzertes d‑Moll“ für Oboe, Violine und Orchester (BWV 1060) von J. S. Bach.

Der für Musik aus Barock, Klassik und Romantik geradezu prädestinierte Andreas Lorenz begeisterte mit seiner tonschönen, sehr gewissenhaften und vor allem gesanglich geführten Interpretation des Soloparts zusammen mit Susanne Branny mit ihrem ebenfalls tonschönen, temperamentvollen Violinsolo in sehr harmonischem Zusammenwirken, alles im genau richtigen Maß und idealenTempo. Jedes der übrigen Instrumente fügte sich ebenfalls in idealer Weise in einen ausgewogenen Gesamtklang ein. Der klangschöne, langsame Satz (ein besonderer Gradmesser der Barockmusik) wurde spannungsreich in jeder Phase als ein ganz besonderer Hörgenuss geboten.

Mit ihrem spezifischen Klang brachtendie Kapellsolisten in einer sehr lebendigen Wiedergabe das „Konzert F‑Dur für Violine und Streichorchester „La tempesta di mare“ („Der Sturm auf dem Meer“) (RV 433) von Antonio Vivaldi zu Gehör, noch einmal mit Susanne Branny als temperamentvoller Solistin, die sich dem Werk mit Leichtigkeit und kräftigem, klingendem, aber auch geschmeidigem Ton, sehr gutem Klang und Verve widmete. Dieses Konzert hatte wenig Ähnlichkeit mit Vivaldis anderen Kompositionen, von denen böse Zungen behaupten, er hätte nur ein Violinkonzert geschrieben und das immer wieder variiert. Schon die ersten tonmalerischen Takte, bei denen man tatsächlich meinen konnte, den säuselnden Wind zu hören, ließ hier aufhorchen. So kannte man Vivaldi kaum, ein unbekanntes Werk, das ganz und gar nicht an seine anderen Kompositionen erinnerte.

Bei J. S. Bachs„Brandenburgischem Konzert Nr. 5 D‑Dur für Solocembalo, Flöte, Violine und Streichorchester (BWV 1050) mit seinem ausgiebigen Cembalosolo (Jobst Schneiderat) und weiteren Soli aus den eigenen Reihen, übernahm Annette Unger die Solovioline, sehr exakt, etwas verhaltener, aber in sehr guter Abstimmung mit der leidenschaftlichen Soloflöte und dem Cembalo. Besonders lebensvoll, mit Feinheit und Klangschönheit gelang der 3. Satz.

Mit ihrem Spiel voller Harmonie, Wohlklang, gebändigtem Temperament und viel Verständnis und Gefühl für die Musik der Barockzeit, in der oft mehr Romantik enthalten ist, als man gemeinhin denkt, nicht ohne Leidenschaft gespielt, bewiesen die Musiker, welch guter Klang bei Barockmusik auch oder vielleicht gerade auf neueren Instrumenten erreicht werden kann, kommt er doch der Opulenz dieser Musik näher als alte Instrumente mit ihren feineren, aber auch leiseren Klängen.

Was folgte, war völlig ungewohnt. Mit einer dissonanten „Tonballung“(„Cluster“)begann die Suite für Orchester „Les Eléments“(1737) von Jean-FéryRebel (1666-1747), einem bis dato wohl hier kaum bekannten Pariser Komponisten, den man nach der Aufführung seiner „Suite“jedoch nicht so leicht wieder vergessen wird, war man doch  plötzlich in einer völlig anderen (Klang-)Welt.

Rebel setzte das Chaos des Urzustandes der Welt in ein musikalisches „Chaos“um, indem er alle Töne der d‑Moll-Tonleiter gleichzeitig erklingen lässt, damals völlig unerhört und auch 200 Jahre später noch, bis es die Avantgarde neu erfand. Die leise Melodik im Chaos mit der überbordenden Pauke wirkt auch jetzt noch „sehr modern“! Was gibt es nicht alles in den Partituren vergangener Jahrhunderte noch zu entdecken!

Die Tonballungen am Beginn gingen in ein Crescendo bis zum Forte über, bis das Chaos besänftigt und auch tänzerische Elemente, die in der Barockzeit sehr beliebten Vogelstimmen, kontrastierende schrille Flöten, Donnergrollen usw. zu vernehmen waren, immer wieder von einer vordergründig lärmenden Pauke auch außerhalb des anfänglichen Chaos, bei dem der volle Einsatz der Pauke Sinn machte, dominiert – eine „Unsitte“ unserer Zeit. Wehe, wenn die Pauke losgelassen!

Allein aus den,in Kompositionen der Barockzeit immer wieder gern verwendeten programmatischen Bezeichnungen der insgesamt 10 Sätze: „Le Cahos: Trèslent“,„Loure ‘La terre‘Air pourviolons“‘L’eau‘ –Air pour les flutes“,„Caconne‘Le feu‘: Gai“,„Ramage‘L’air‘ “,„Rossignols“,„Loure ‘La chasse‘ “, „Tambourin 1 – Tambourin 2“, „Sicilienne: Cracieusement“, „Rondeau ‘Air pourl’amour‘ “ und „Caprice (Rondeau)“geht hervor, dass es sich hier um Unterhaltungsmusik nach damaligem Geschmack handelt.

Es war typische unterhaltende Barockmusik mit viel komponiertem „Trara“ und „Tamtam“auch etwas oberflächlich, modern interpretiert, mit der Empfindung der heutigen Zeit und modern in ihrer Art, aber nicht vergleichbar mit dem Niveau von Bach, Händel, Telemann, Vivaldi usw. und eigentlich nicht ganz zu Unrecht „in der Versenkung verschwunden“. Es war interessant, das Werk zu hören und einen Gesamteindruck von der Musik des 17./18. Jh. zu erhalten, aber man ist jetzt verwöhnt durch die vielfältigsten Aufführungen niveauvoller Barockmusik, bei der man immer wieder daran denkt, was man doch an den Großen dieser Zeit hat.

Dem Publikum hat’s gefallen und auch für die besondere Interpretation der Kompositionen Bachs und Vivaldis bedankte es sich mit viel Applaus und die Musiker ihrerseits mit 2 Zugaben, der Wiederholung eines temperamentvollen Satzes („Tamburin I“)der turbulenten Suite von Rebelund dem feierlichen „Air“ von Bach aus seiner „3. Orchestersuite“.

Dank Sponsoren konnte in der Kreuzkirche J. S. Bachs „MESSE IN H-MOLL“mit Kreuzkantor Roderich Kreile am Dirigentenpult aufgeführt werden (25.9.).Es war eine eindrucksvolle Aufführung mit vielen besonders schönen „Momenten“ und inniger Gestaltung. Sie begann in getragenem Tempo undmit Andacht.

Erstmalig bildete die Akademie für Alte Musik Berlin bei einer Kreuzchoraufführung das Orchester. Seine Mitglieder, Liebhaber Alter Musik, die genau erfassen, was sie spielen und entsprechend umsetzen, musizierten mit Hingabe und Einfühlungsvermögen und verliehen mit ihren alten Instrumenten der Aufführung Wärme und festlichen Klang. Besonders hervorzuheben ist das sehr klangvolle Solo der beiden Barockflöten mit ihrem warmen intimen Klang, die zwei Fagotte und das kontinuierlich, mit weitgehend erstaunlicher Tonreinheit geblasene Naturhorn.

So schön der Klang der alten Instrumente auch wirkt, erfordern sie doch naturgemäß zuweilen ein längeres Nachstimmen,das Zäsuren setzt und damit den Gesamteindruck zerreißt, was besonders bei dieser, ansonsten geschlossen wirkenden Aufführung, etwas „störte“, bei der allein der starke Kontrast zwischen dem langsam traurig versiegenden, vom Orchester mit sehr schönem Klang getragenen „Crucifixus“ und dem anschließenden jubelnden, siegreichen „Etresurrexit“ mitreißend herausgearbeitet wurde. Obwohl die Messe ursprünglich für den liturgischen Gebrauch mit entsprechenden Unterbrechungen der Musik gedacht war, hört man doch jetzt lieber Aufführungen „aus einem Guss“.

Hatte man beim Dresdner Kreuzchor zu Beginn noch den Eindruck einer gewissenZurückhaltung im „Kyrie“, so reagierte er doch später flexibel bei Lautstärke und angezogenem Tempo, faszinierte im langsamen „Et in terrapax“, reagierte mit entsprechender „Wucht“ im „Laudate“ und steigerte sich bis zum grandiosen, sehr ausgeglichenen„Donanobispacem“mit vollem Chorklang als krönenden Abschluss.

Für die Gesangssolisten wurde mit der langen, zweckmäßigen Tradition gebrochen, während der gesamten Aufführungsdauer vor dem Orchester zu sitzen. Es dauerte jetzt doch einige Zeit, bis die Solisten lautlos von der Seite zu ihren solistischen Auftritten „herangetrippelt“ waren, aber die Unterbrechungen hielten sich in Grenzen, die „Pausen“ wurden immer kürzer.

Barbara Christina Steude, die kurzfristig für Elisabeth Breuer eingesprungen war, verlieh mit ihrer klaren, klangvollen und warm timbrierten Stimme der Sopranpartie Profil und der gesamten Aufführung stimmlichen Glanz. Berührend ihr „Laudamuste“. Sie war es auch, die das erste Duett „Christeeleison“ mit der Altistin Henriette Gödde anführte und Sicherheit verlieh, während sich dann im Duett „Et in unumdeum“ die beiden Stimmen harmonisch vereinten, so wie die beiden Stimmen von Sopran und Tenor im „Dominedeus“.

Henriette Gödde verfügt über eine flexible, wenn auch weniger voluminöse Stimme, mit der sie alle Verzierungen exakt, locker und leicht, mitunter aber auch etwas leise aussang, so wie manche tiefen Töne leise verschwanden, aber sie korrespondierte gut mit dem Orchester und verfolgte die musikalischen Linien. In der Alt-Arie „Quisedes“ und im „Agnusdei“ hatte ihre zarte Stimme etwas Berührendes.

Zwei ehemalige Kruzianer und jetzt im Oratorienfach versierte Sänger, Eric Stoklossa, Tenor und Tobias Berndt, Bass sangen gesangstechnisch perfekt, mit gewissenhaft gesungenen Verzierungen und in schöner Übereinstimmung mit dem Orchester und den begleitenden Soloinstrumenten, Eric Stoklossa mit langem Atem und interner Spannkraft inlangausgehaltenengroßen melodischen Linien und Bögen, insbesondere im„Benedictus“ und Tobias Berndt akzentuiert und kraftvoll. Alle vier Solisten sangen sehr engagiert und setzten all ihre Möglichkeiten für eine eindrucksvolle Aufführung ein.

Es war eine Aufführung mit Ausstrahlung, bei der Solisten, Chor und Orchester als eindrucksvolles Ganzes vereint waren.

Das ABSCHLUSSKONZERT der Frauenkirchen-Bachtage bildete gleichzeitig den Abschluss des „Bachfestes“. Der rührige Frauenkirchenkantor Matthias Grünert, der sich um die Aufführung bekannter und unbekannter Kantaten Bachs in der Dresdner Frauenkirche verdient und die Besucher der Frauenkirchenkonzerte und Sonntagmusiken mit dem reichen Kantatenschaffen aus Bachs Feder bekannt gemacht hat und auch weiterhin bekannt macht, hatte Bachs „Festmusiken für das kurfürstliche sächsische Haus“ (Königshaus), während der Erbauungszeit der Frauenkirche für Dresden komponiert (auch ein Bezug Bachs zu Dresden) und wenig später Passagen daraus für das„Weihnachtsoratorium“ verwendet wurden, als festlichen Abschluss gewählt.

Der Kammerchor der Frauenkirche und das vorwiegend aus Musikern der Sächsischen Staatskapelle bestehende ensemblefrauenkirche, die sich beide schwerpunktmäßig den Kantaten und oratorischen Werken Bachs im Sinne einer lebendig musikhistorisch-informierten Aufführungspraxis widmen, sowie die im Oratoriengesang erfahrenen Solisten Romy Petrick – Sopran, Anna Michelsen – Alt, Eric Stoklossa– Tenor und Andreas Scheibner– Bass widmeten sich mit Musizierfreude und Ausdruckskraft den Werken und sorgten für einen festlichen Abschluss des Bachfestes und der Frauenkirchen-Bachtage.

Dresden ist eben doch auch eine Bachstadt.

Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken