Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Frauenkirche: WEIHNACHTSORATORIUM – Kantaten I – VI

06.12.2014 | Konzert/Liederabende

Dresden/Frauenkirche: „WEIHNACHTSORATORIUM – KANTATEN  I – VI“ – 5.12.2014

 

J. S. Bachs populärstes geistliches Vokalwerk, das „Weihnachtsoratorium“, erfreut sich in Deutschland jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit allergrößter Beliebtheit und gehört bei vielen Menschen einfach zur Weihnachtstradition. Der Ansturm der Dresdner Bevölkerung und der Touristen, die in der Weihnachtszeit nach Dresden kommen, schon wegen des ältesten Weihnachtsmarktes, dem „Striezelmarkt“, den es schon seit 580 Jahren gibt, ist immer groß und alle Aufführungen dieses Werkes extrem stark nachgefragt.

Allein in den 3 größten Kirchen der Innenstadt (von den kleineren Kirchen und dem Dresdner Umland ganz zu schweigen) wird das „Weihnachtsoratorium“ neunmal aufgeführt, die Kantaten I – III in der Martin-Luther-Kirche einmal, in der Kreuzkirche dreimal  (Kantaten IV – VI am 10.1.2015) und in der Frauenkirche in dieser Form einmal (Kantaten IV – VI am darauffolgenden Abend) und an 2 Abenden jeweils alle 6 Kantaten (Dauer: 3 Std.). Letzteres mag manchem wie ein „Mammutprogramm“ erscheinen, aber Opern von Richard Wagner dauern auch ca. 3 – 4 Stunden, die „Götterdämmerung“  z. B. ca. 41/4 Std. (ohne Pausen), und die hört man sich auch gern an.

Die erste Aufführung des „Weihnachtsoratoriums“ in diesem Jahr fand wie immer in der Frauenkirche statt und umfasste alle 6 Kantaten, aber es gab keine Ermüdungserscheinungen, weder bei den Ausführenden noch beim Publikum, im Gegenteil, es war eine sehr ansprechende Aufführung unter der Leitung von Matthias Grünert, der auch die Continuo-Orgel spielte. Sie erfuhr vom Anfang bis zum glanzvollen Schluss eine stetige Steigerung und entließ die Zuhörer in festlicher Stimmung.

Das vorwiegend aus den besten Musikern der Sächsischen Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie bestehende ensemble frauenkirche verlieh der Aufführung eine besondere Klangschönheit und bildete das zuverlässige Fundament, auf dem sich die Solisten und der Kammerchor der Frauenkirche entfalten konnten. In gut ausbalanciertem Tempo, weder „schleppend“ und noch zu schnell, wurde die „Sinfonia“ zu Beginn der 2. Kantate zu einem der klangvollen orchestralen Höhepunkte, ein Innehalten zwischen den bewegenden Arien und den in sehr raschem Tempo genommenen Chören und Chorälen. Immer wieder beeindruckten auch die solistisch eingesetzten Instrumente, wie die exzellente Trompete (Christian Höcherl) mit ihrem festlichen Glanz, die Soloviolinen (Jörg Faßmann, Matthias Meißner) und die Oboe/Oboe d’amore (Johannes Pfeiffer) bei der Begleitung der Arien in ausgewogener Korrespondenz mit der jeweiligen Singstimme.

 Die Sopranpartie hatte die gebürtige Norwegerin Siri Karoline Thornhill übernommen. Sie sang mit schöner, klarer Stimme, mitunter etwas leise, aber immer gut gestaltend, auch bei der „Echo-Arie“, bei der eine junge Sängerin aus dem Chor mit ihr korrespondierte.

Der Altpartie mit ihren innigen Arien widmete sich Anna Haase von Brincken mit ihrer hell-timbrierten Altstimme, sehr schöner Höhe und ebenfalls entsprechender Gestaltung.

 Für den erkrankten Markus Brutscher war der US-amerikanische Tenor Thomas Michael Allen eingesprungen. Mit seiner außergewöhnlichen Stimmführung und deutlicher Aussprache gestaltete er die Evangelisten-Partie sehr lebendig, ohne zu übertreiben. Er war ein maßvoller, aber auch eindrucksvoller „Erzähler“ bzw. „Berichterstatter“. Die 1. Tenor-Arie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ sang er durchaus gut, wenn auch noch etwas vorsichtig, was bei seinem kurzfristigen Einspringen und der Tatsache, dass er zum ersten Mal an diesem Ort sang, verständlich war. Die Arien „Ich will nur dir zu Ehren leben“ und „Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken“ sang er dann kraftvoller, mit entsprechendem Nachdruck und vor allem sehr guter, niveauvoller Gestaltung.

Mit Klaus Mertens hatte ein ausgesprochen guter, erfahrener Sänger und „Meister des Oratoriengesanges“ die Bass-Partie übernommen. Er beherrscht alle Facetten eines guten Gesanges. Mit langem Atem, schöner Stimme, müheloser Höhe und Tiefe (ohne irgendwelche „Brüche“) und ausgezeichneter Textverständlichkeit, gestaltete er die Rezitative und Arien, bei denen er mit vielen Klangfarben in all ihren Schattierungen einen sehr intensiven, nicht vordergründigen Ausdruck in idealer Balance bot, eine Interpretation auf höchstem Niveau, die man nicht so schnell vergisst. Bei ihm ist jeder Ton und jedes Wort (auch an den akustisch weniger guten Stellen des Kirchenraumes) zu hören. Er ist unbestritten ein idealer Oratoriensänger, der jeden seiner Auftritte zum Erlebnis werden lässt.

Der semiprofessionelle Kammerchor der Frauenkirche verfügt über erfahrene Sängerinnen und Sänger und folgte dem, von Grünert vorgegebenen, sehr raschen Tempo bei den Chören und Chorälen. Mitunter schien es, dass der klar und durchsichtig singende, nicht allzu große Chor an die Grenzen des von vielen Zuhörern noch rationell Aufnehmbaren geriet, wie beispielsweise bei „Ehre sei dir Gott gesungen“. Dafür wirkte dann der Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“ sehr beschaulich. Grünert bevorzugte schnelle Tempi bei Chören und Chorälen, offenbar um die Lebhaftigkeit der Aufführung zu steigern, was eigentlich nicht nötig war, denn die gesamte Aufführung sprach ohnehin sehr an, auch bei Besuchern, die zum ersten Mal Musik der Barockzeit in diesem Umfang erlebten. Sie nahmen sich vor, nach diesem Erlebnis öfter wiederzukommen.

 Insgesamt hinterließ die Aufführung, nicht zuletzt durch den zügigen Ablauf innerhalb einer Kantate ohne Pausen zwischen den „Nummern“ einen geschlossenen und sehr festlichen Eindruck. Größere Pausen gab es nur zwischen den einzelnen Kantaten, entsprechend der ursprünglichen Aufführungspraxis, denn zu Bachs Zeiten wurde jeweils nur eine Kantate an einem der aufeinanderfolgenden Feiertage zwischen Weihnachten und Epiphanias aufgeführt.

 Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken