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DRESDEN/ Frauenkirche: SIMONE KERMES BEIM MDR-MUSIKSOMMER

Dresden/Frauenkirche: SIMONE KERMES BEIM MDR-MUSIKSOMMER – 3.8.2013


Simone Kermes

 Der mdr-Musiksommer ist eine umfangreiche, sehr beliebte Veranstaltungsreihe des Mitteldeutschen Rundfunks (mdr) während der Sommermonate im Sendegebiet, den deutschen Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Vielseitigkeit der Veranstaltungen und das Ambiente, architektonische Juwelen in idyllischer Umgebung, Schlösser, Burgen, Parkanlagen und Kirchen in der geschichtsträchtigen Landschaft Thüringens und Sachsens, wo historische Ereignisse und Persönlichkeiten, Baumeister, Musiker, Dichter und Maler ihre Spuren hinterlassen haben, bieten den besonderen Rahmen für die Konzerte und locken alljährlich einen sehr großen Besucherkreis an, der durch die Hörer der Rundfunkübertragungen noch erweitert. Viele der Fest- und Konzertsäle sowie Kirchen verfügen über eine besonders gute Akustik, die den Konzerten noch zusätzlichen Reiz verleiht.

 Nach ihrem Cross-Over-Auftritt bei den Dresdner Musikfestspielen konnte das Dresdner Publikum Simone Kermes nun in der Frauenkirche erleben, wo sie sich mehr Zurückhaltung auferlegt und einer eher ernsthaften Seite zugewandt hatte. Sie ist die selbsternannte „Lady Gaga der Klassik“ und tritt gern als „Diva“ der Barockzeit auf, aber keine abgehobene, sondern eine völlig unkonventionelle in unbekümmerter Direktheit und mit einiger Ironie der damaligen Gepflogenheiten der Primadonnen.

 Ihre umfangreiche Krinoline gab flippig den Blick aufs Miniröckchen frei. Ihre gewollt vibrierenden Bewegungen der Arme sollen für Abwechslung sorgen und vielleicht die Schwierigkeit des Koloraturgesanges unterstreichen, der ihr aber scheinbar mühelos – wie im Selbstlauf – aus der Kehle perlt. Mit ungeheurer Kondition war sie fast ständig auf der Bühne und sang in immer fortwährendem Wechsel mal Opernarien in rasantem Tempo, dann wieder „beschaulichere“ Motetten und Arien, mal mit, mal ohne Noten, aber immer mit vollem Einsatz.

 Sie stammt aus Leipzig und ist jetzt auf allen Opernbühnen der Welt zu Hause, tatsächlich zu Hause aber ist sie in Koblenz, der Stadt, die sie liebt, in der sie sich wohl fühlt und der sie seit ihrem ersten Engagement am dortigen Theater treu geblieben ist. Für sie ist das Wirklichkeit geworden, wovon sie schon als Fünfjährige geträumt hat, und sie ist jetzt glücklich, dass sie ihren Traum verwirklichen konnte. Sie kommt „von ganz unten“, wie sie selbst betont, hat zwei Jahre als Sekretärin gearbeitet, um für ihr kleines Kind zu sorgen (auch wenn es sie „nervt“, dass sie das immer und immer wieder hören oder lesen muss) und hat das Theater bzw. die Oper „von der Pike auf“ kennengelernt.

 Jetzt singt sie große Opernarien (Konstanze, Königin der Nacht, Fiordiligi, Donna Anna, Rosalinde, Gilda, Alcina usw.) in New York, Paris, Lissabon, Kopenhagen, Moskau und Peking und natürlich an den deutschen Staatsopern, aber ihr Markenzeichen sind die halsbrecherischen Arien der Barockzeit, die sie mit der Leichtigkeit des „echten“ Koloraturgesanges aus ihrer „geläufigen Gurgel“, wie es Mozart ausdrücken würde, in den Raum schickt, eine Gesangstechnik, die in ihrer perfekten Ausführung immer seltener wird. Es gibt nicht mehr sehr viele „echte“ Koloratursopranistinnen mit dieser Leichtigkeit in der Stimme.

 Auf ihrem umfangreichen Programm standen ausschließlich Werke der Barockzeit, Motteten von A. Vivaldi („In furore iustissimae irae“ und „In turbato mare“) und die damals von Kastraten gesungenen Bravour-Arien aus Opern von N. Porpora (Arie des Aci „Alto giove“ aus „Polifemo“, Arie des Oronta „Vedra turbato il mare“ aus „Mitridate“ und Arie des Arminio „Empi, se mai discolgo“ aus „Germanico in Gemania“), G. F. Händel (Arie „Piangero la sorte mia“ aus „Giulio Cesare in Egitto“) und Lonardo Leo (Arie des Decio „Son qual nave in ria procella“ aus „Zenobia in Palmira“).

 Bei ihrem Gesang orientiert Simone Kermes vor allem auf perfekte Gesangstechnik mit all den vielen Trillern und Verzierungen, von denen sie nach Möglichkeit keine auslässt, und das alles mit Verve und in rasantem Tempo, wenn auch ziemlich kühl, eben wie eine Diva, die die Dinge nicht so ernst nimmt und ihren barocken Vorbildern gemäß mit Bravour glänzen will. Mehr Wärme verlieh ihrem Gesang die Begleitung durch das wunderbare La Folia Barockorchester.

 Ihre frappierend lockere Stimme ist erstaunlich beweglich und wendig. Man kann ihre scheinbar unerschöpfliche Kondition nur bewundern. Sie war fast ständig auf der Bühne präsent und brauchte offenbar nur sehr kurze „Verschnaufpausen“ zum Atemholen.

 Die Musiker des hervorragenden La Folia Barockorchesters unter der Leitung des 1. Konzertmeisters Robin Peter Müller hatten leider nur bei relativ kurzen, rein instrumentalen Stücken, wie der „Sinfonia in D“ aus der Oper „Agrippina“ von N. A. Porpora, der Ouvertüre zur Oper „L’Olimpiade“ von A. Vivaldi, der Ouvertüre zu G. F. Händels „Belshazzar“ und der „Introduttione“ zum Oratorium „Il Cantico de‘ tre Fanciulli“ von J. A. Hasse, Gelegenheit, ihren wunderbaren Klang auf „historischen“ Instrumenten der Barockzeit, teils originalen, teils nachgebauten, zwischen den Auftritten der „Diva“ zu entfalten. Neben dem guten Streicherklang fielen auch die beiden Damen mit ihren Barockoboen und die Theorbe-Spielerin angenehm auf.

 In ihrer volkstümlichen Art spricht Simone Kermes auch mit dem Publikum. „Wir wollen Spaß“ ist ihre Devise und stürzt sich jedes Abenteuer. Bei der 1. Zugabe forderte sie das Publikum auf, zur Musik von Riccardo Broschi, der für seinen Bruder, den berühmten Kastraten Farinelli, Arien komponierte und mit ihm in den führenden Opernhäusern Europas gefeiert wurde, mitzuklatschen, wobei der wunderbare Orchesterklang leider „unterging“. Dann stimmte sie im Wechsel mit dem klatschenden Publikum ihren virtuosen Gesang an.

 Bei der 2. Zugabe, der bekannten und beliebten Arie „Lascia ch’io Pianga“ aus Händels Oper „Rinaldo“ wurden noch einmal alle Kräfte von Solistin und Orchester gebündelt und zu einem abschließenden Höhepunkt mit leise verklingenden, extrem feinen Tönen des Orchesters gesteigert. Dazu steigerte sie auch ihre effektversprechenden Gesten bis zum Schluss, als würde sie die Musik nicht nur „aus dem Ärmel“, sondern aus ihrem ganzen Körper herausschütteln und auch das Orchester zu viel Temperament animieren müssen. In ihrer rockig-poppigen Art ist und bleibt sie eine Besonderheit auf der Bühne, eben eine „Lady Gaga der Klassik“ und zuweilen eine Pop-Diva in Neuauflage des Barockzeitalters.

 Ingrid Gerk

 

 

 

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