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DRESDEN /Frauenkirche: MUSIKALISCHES WOCHENENDE MIT SEBASTIAN KNAUER, ZÜRCHER KAMMERORCHESTER, ORGELKONZERT, DVORAK-MESSE

Dresden/Frauenkirche: EIN MUSIKALISCHES WOCHENENDE MIT SEBASTIAN KNAUER, DEM ZÜRCHER KAMMERORCHESTER, ORGELKONZERT UND DVORÁK-MESSE – 16.5. – 18.5.2014

 In der „Klassik-Szene“ zeichnet sich ein neuer „Trend“ ab. Man ist experimentierfreudig geworden, sucht „auf allen Wegen“ neue Wege, wie neue Orchestrierungen von Liedern, Ersetzen von Singstimmen durch Instrumente usw. Das eröffnet viele Möglichkeiten, denn nichts ist ermüdender als Gleichmaß und ständige Wiederholung, ein Erstarren in ungeschriebenen Gesetzen. Bei den Interpretationen, speziell am Klavier hat sich ein Trend mit immer „schneller, schwieriger, aufsehenerregender“ herausgebildet, der glücklicherweise von einigen wenigen Pianisten durchbrochen wird. Sie setzen dem gegenwärtigen „Mainstream“ am Klavier Individualität, Ehrlichkeit und musikalisches Empfinden entgegen. „Laut, virtuos, technikorientiert“ genügt nicht mehr. Man sucht wieder das Besondere, das Ansprechende, die Klangschönheit.

Das alles findet man bei dem Hamburger Konzertpianisten Sebastian Knauer, der schon mit 4 Jahren Konzertpianist werden wollte, mit seinem schönen, geschmeidigen, vollen Ton, der die Tasten singen lässt. „Mehr, schneller und lauter, das Auftrumpfen mit Höchstschwierigkeiten“, ist „nie sein Ding gewesen“. Der Erfolg gibt ihm Recht. Er „tourt“ durch alle großen Musikhallen Europas, der USA, Südamerikas und Asiens, ist bei den bedeutenden Festivals der Klassikwelt zu Gast und kann bis zu 100 Auftritte pro Jahr für sich verbuchen – ein Individualist im besten Sine des Wortes. Er hat seinen „Personalstil“ aus seinem frühen Faible für die Wiener Klassik mit Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert entwickelt, eine gute Voraussetzung, um sein Repertoire nach allen Seiten auszuweiten. Er wollte „so intensiv spielen, dass die Leute berührt werden, erfreut sind oder traurig gestimmt“, und das spürt man in jeder Phase.

 Knauer überraschte im Konzert am 17.5. bei J. S. Bachs „Klavierkonzert Nr. 1 d‑Moll (BWV 1052) mit einer ungeahnten Klangfülle auf dem modernen Konzertflügel und einer wunderbaren Klangverschmelzung mit dem Zürcher Kammerorchester. Was vor einigen Jahren fast noch als Sakrileg galt, wird hier zu einer Besonderheit im besten Sinne, die Aufmerksamkeit verdient. Bachs Musik muss nicht  unbedingt auf einem Cembalo gespielt werden. Das führt zu einem zwar schönen, aber sehr einseitigen Bach-Bild. Auf dem Cembalo kommen die klanglichen Feinheiten zur Geltung, auf dem modernen Konzertflügel die klaren Linien und Strukturen. Die „Wahrheit“ liegt irgendwo dazwischen. Knauer verfolgt eine sehr überzeugende Interpretationsform, fernab allen „Mainstreams“. Ihm gelingt es, auf dem Klavier beides miteinander zu vereinen und ein völlig neues, sehr ansprechendes Klangbild zu entwickeln.

 Knauer ist ein Pianist gegen alle Klischees, der in einer ungewöhnlichen, aber in sich stimmigen Programmgestaltung neben das Klavier-/Cembalokonzert von J. S. Bach das „Klavierkonzert E‑Dur (Wq 14 (H. 417)) von dessen Sohn C. P. E. Bach und auch noch das „Klavierkonzert Nr. 12 A‑Dur (KV 414) von W. A. Mozart stellte, 3 Klavierkonzerte aus 3 verschiedenen Stilepochen, alle auf dem gleichen Konzertflügel mit dem gleichen Orchester musiziert, und doch jedes anders, jedes in seiner spezifischen Art und mehr als nur überzeugend. Es war ein musikalisches Klangerlebnis der besonderen Art, gepaart mit musikalischem Empfinden.

 Bei Mozart erreichte Knauer mit reichlich Pedal einen Wohlklang, den man sich nur wünschen kann. Hier wurde das Wesen Mozartscher Musik lebendig, drang er in eine tiefe Gedankenwelt vor. Allein wie der nachdenkliche langsame Satz ausgekostet wurde, war bewegend. Seine Art zu spielen ist unspektakulär, ohne große Gesten. Er lässt die Musik sprechen. Alles klingt so leicht, so selbstverständlich unter seinen Händen, und ist doch schwer zu erreichen, eine Kunst, die schon selten geworden ist. Zwischen Klavier und Orchester bestand eine wunderbare Harmonie. Er stellte seine Technik in einer gelungenen Balance zwischen musikalischem Gefühl und Ausdruck ganz in den Dienst des Werkes.

Carl Philipp Emanuel Bachs Konzert wurde frisch, stilgerecht und mit klassisch klarem Musikverständnis für diese Epoche zu Gehör gebracht. Die musikalischen Linien konnten ausschwingen. Knauer und das Zürcher Kammerorchester bestätigten einmal mehr, dass Musik nicht nur bewusst gestaltet, sondern vor allem „erfühlt“ werden sollte. Musik ist etwas Lebendiges und sollte auch so gespielt werden. Musikalisches Gefühl und Werkverständnis sind die Grundpfeiler einer guten Interpretation, eine gesunde Mischung aus Theorie und Praxis. Historisch orientierte Aufführungspraxis muss von den Musikern verinnerlicht und entsprechend wiedergegeben werden. Da spielt das Instrumentarium eine untergeordnete Rolle.

Knauer leitete unauffällig vom Klavier aus auch das Orchester. Man konnte es nur an der Stellung des Flügels erahnen. Er kehrt dem Publikum den Rücken zu, ganz auf ein ideales Musizieren orientiert. Bei den beiden, eingangs in sehr schöner Farbigkeit und Klangfülle gespielten Chorälen von J. S. Bach „Wenn ich einmal soll scheiden“ aus der „Matthäuspassion“ und „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ (BWV 668a) in einer Bearbeitung für reines Streichorchester von Edmond de Stoutz, dem Gründer des Zürcher Kammerorchesters, sowie der „Sinfonia A‑Dur“ (Wq 182 Nr. 4 (H. 660)) von C. P. E. Bach hatte der 1. Konzertmeister Willi Zimmermann mit seinem dominanten, etwas kühlen, aber durchdringenden Strich von seinem erhöhten Stuhl aus die Führung übernommen. Bei diesem Kammerorchester und dem Solisten bedurfte es keiner äußerlich sichtbaren Leitung. Man verstand sich in stillschweigendem Einvernehmen, allein durch die Musik.

 Am Abend zuvor (16.5.) gab Matthias Grünert an der großen Kern-Orgel der Frauenkirche ein Orgelkonzert im Rahmen des „BACHzyklus IV“, ausschließlich mit Werken von J. S. Bach in einem sehr gut abgestimmten Programm, das das „Concerto a‑Moll nach Vivaldi“ (BWV 593) „Präludium und Fuge a‑Moll“ (BWV 543), 3 Choräle in jeweils 2 unterschiedlichen Bearbeitungen (BWV 737, 636, 632, 635, 637, 1101), die „Canzona in d“ (BWV 588) und als besondere „Einlage“ das „Pedalexercitium“ (BWV 598) enthielt. Er bedankte sich auch am Schluss mit Bach, mit einem „Präludium“ des Meisters. Für die Stücke wählte er sehr unterschiedliche Registrierungen von modern bis barock, von nüchtern und klar bis warm und wohltönend und ließ die Orgel in ihrer Klangvielfalt zur Geltung kommen. Die Orgel verfügt über die unterschiedlichsten Register und „wer die Wahl hat, hat die Qual“. Man hörte auch manch selten verwendetes Register, was vor allem die Choräle sehr eingängig und angenehm erleben ließ. Mit dem „Pedalexercitium“, das nur in einer Abschrift von C. P. E. Bach existiert  und vermutlich zu Unterrichtszwecken bestimmt war, bewies Grünert seine „Beinfertigkeit“ auf dem Pedal, die „Krönung“ für einen Organisten. Bachs Pedalspiel war berühmt. Er soll dafür einmal einen kostbaren Ring als Geschenk erhalten haben.

 Wie für den Kirchenraum geschaffen, wirkte die „Messe in D“ (op. 86 (1887) für Soli gemischten Chor und Orgel von Antonin Dvorák im Sonntagskonzert (18.5.). Sie unterscheidet sich von Dvoráks anderen oratorischen Kompositionen durch ihren geringeren Schwierigkeitsgrad und die obligate Orgel, die den Instrumentalteil ersetzt, was auf einen privaten Auftraggeber zurückgeht, der bei Dvorák ein geistliches Werk für die Einweihung einer, auf seinen Landgütern in Westböhmen stehenden Kapelle bestellte. Trotzdem oder gerade deswegen wird diese Messe gern aufgeführt. Hier vereinigten sich unter der Leitung von Matthias Grünert der Chor der Frauenkirche und der Chor des Sorbischen Nationalensembles Bautzen zu schönem, vollem Klang. Es war eine sehr homogene, klangschöne Aufführung, bei der die im Oratoriengesang erfahrenen Solisten Birte Kulawik, Sopran, Elisabeth Holmer, Alt, Eric Stokloßa, Tenor und Sebastian Richter, Bass mit den Chören und der Orgel (Samuel Kummer) in schöner Harmonie eine Einheit bildeten.

 

Ingrid Gerk

 

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