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DRESDEN/ Frauenkirche, Kreuzkirche: „WEIHNACHTSORATORIUM“ VON J. S. BACH“ – DIE NR. 1 DER WEIHNACHTSZEIT IN DEUTSCHLAND

16.12.2019 | Konzert/Liederabende

Dresden / Frauenkirche, Kreuzkirche: „WEIHNACHTSORATORIUM“ VON J. S. BACH“ – DIE NR. 1 DER WEIHNACHTSZEIT IN DEUTSCHLAND – 6. – 15.12.2019

  1. S. Bachs populärstes Werk, das „Weihnachtsoratorium“, wird in der Weihnachtszeit in Deutschland landauf, landab überall in Konzertsälen und vor allem in Stadt- und Dorfkirchen aufgeführt, allein im Stadtgebiet von Dresden mehr als ein Dutzend Mal. Obwohl die Kantaten IV – VI musikalisch besonders interessant sind, gibt es vor Weihnachten einen regelrechten „Run“ auf die Kantaten I – III. Da sind alle Aufführungen fast oder meist völlig ausverkauft. Nach Weihnachten und bei den Kantaten IV – VI lässt das Interesse merklich nach. Deshalb gibt es jetzt, obwohl die Kantaten ursprünglich in der Zeit zwischen dem 1. Weihnachtsfeiertag(1734) und dem Epiphaniasfest (6.1.1735) in Leipzig in der Nikolaikirche und Thomaskirche aufgeführt wurden, Aufführungen in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen der Kantaten, mitunter auch ziemlich kuriose, welche in Kombination mit anderen Kantaten usw.

Während die Dresdner traditionsgemäß die Aufführungen in der Kreuzkirche besuchen, sind es in der Frauenkirche Besucher aus aller Welt, vorwiegend aber Touristen aus ganz Deutschland, für die es einfach zum Weihnachtsfest dazu gehört, ein Weihnachtsoratorium in der festlichen Atmosphäre der Frauenkirche im Zusammenwirken von prunkvollem Bauwerk und Musik zu erleben.

 

Dresden / Frauenkirche: DAS GESAMTE „WEIHNACHTSORATORIUM“  MIT DEN KANTATEN I – VI  UNTER MATTHIAS GRÜNERT – 6. ‑ 10.12.2019

Den Auftakt der „Weihnachtsoratorien“ in Dresdens Innenstadt-Kirchen bildeten die Aufführungen unter Frauenkirchenkantor Matthias Grünert mit dem, von ihm geleiteten Kammerchor der Frauenkirche, dem ensemble Frauenkirche und bewährten Solisten in einem „Mammutprogramm“. An zwei Abenden hintereinander (6. u. 7.12.) erklangen jeweils alle 6 Kantaten „nonstop“ und an den übernächsten Tagen noch einmal die Kantaten I ‑ III (9.12.) und IV ‑ VI (10.12.) getrennt. Nun konnte jeder wählen (falls die Karten nicht schon ausverkauft waren). Dem Chor merkte man die Strapazen nicht an. Er sang auch an den letzten beiden Abenden mit frischen Stimmen und in gut ausbalanciertem Tempo zwischen Zügigkeit und ein wenig Beschaulichkeit den Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“, dessen frohe Erwartung durch die sehr laut tönende Pauke (eine Unsitte der Gegenwart), die eher an mittelalterliches Kriegsgetümmel als an festlichen Lobpreis erinnerte, an Glanz und Festlichkeit verlor, statt zu gewinnen.

Das ensemble Frauenkirche, vorwiegend aus Musikern der Sächsischen Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie, schien hier eine Idee zu schnell zu sein, so dass sich die gewohnte Harmonie und Ausgeglichenheit zwischen Chor und Orchester erst etwas später einstellte und die Qualitäten des Orchesters spätestens bei der innig und klangschön musizierten „Sinfonia“ zu Beginn der 2. Kantate offenbar wurden. Die makellosen Trompeten setzten mit ihrem hellen, sehr sauberen, unverkennbaren Staatskapellen-Klang festliche Glanzpunkte, die Hornisten standen ihnen später nicht nach, und Solo-Flöte und Oboe d’amore begleiteten die jeweiligen Arien voller Klangschönheit und Innigkeit.

Die Evangelisten-Tenöre haben es in Dresden nicht leicht, zu sehr ist die jahrzehntelange mustergültige Gestaltung Peter Schreiers im Gedächtnis verankert. Tilman Lichty gestaltete die Tenor-Partie zwar anders als Schreier, aber auch überzeugend. Er legte bei seiner Interpretation sehr viel Wert auf Klarheit von Text und Musik, bewältigte alle heiklen Stellen – auch bei den Arien – problemlos und sorgte mit relativ hellem Timbre für ein lebhaftes, interessantes und abwechslungsreiches Erzählen der Weihnachtsgeschichte, wobei er die Worte „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“ mit dem zartesten Pianissimo unterstrich. Die Sopranistin Lydia Teuscher bot mit ihrer jugendlichen Stimme eine ansprechende „Engelsverkündigung“. Ihre Stimme harmonierte sehr gut in Duett und Ensembleszenen mit anderen Solisten, und die Rezitative und Arien ließen keine Wünsche offen.

Sooft Britta Schwarz und Andreas Scheibner die Alt- bzw. Bass-Partien im „Weihnachtsoratorium“ und anderen Oratorien, Passionen und Messen auch gesungen haben, gibt es bei ihnen keine „Routine“, nur Kontinuität hinsichtlich der hohen Qualität ihrer Gesangstechnik und intensiven Gestaltung. Sie lassen sich von der Musik inspirieren. Selbst bei den schwierigsten Arien lassen sie keinerlei Probleme erkennen und stellen ihre makellose Technik ganz in den Dienst einer Gestaltung auf höchstem Niveau. Britta Schwarz sang mit ihrem warmen, samtenen Mezzosopran und der ihr eigenen Innigkeit und Hingabe die Altpartie sehr bewegend und die, von der Solovioline begleitete, Arie, „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder“ berührend und zu Herzen gehend. Andreas Scheibner sang die gefürchtete Arie „Großer Herr, o starker König“, wirklich „stark“ und kraftvoll und dabei klangschön und ausdrucksstark. Bei ihm werden schon die einleitenden Rezitative und Ariosi zu „lokalen“ Höhepunkten. Beide Oratorien-Partien wurden souverän und so, als wäre auch diese  Aufführung die wichtigste, gestaltet.

Matthias Grünert möchte stets für „Bewegung“ und Frische sorgen und bevorzugte auch hier relativ rasche Tempi bei Chören und Chorälen, die meist wenig Zeit für Besinnlichkeit und innere Ruhe lassen, sich bei der Aufführung aber dennoch allmählich einstellten.

 

Dresden / Frauenkirche: „WEIHNACHTSORATORIUM“ UNTER LUDWIG GÜTTLER MIT DEN KANTATEN I, II, IV u. V – 13. u. 14.12.2019

Hier musizierten die Virtuosi Saxoniae, ein Kammerorchester aus hervorragenden Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle, mit dem, an dieser Stelle schon zur Tradition gewordenen Idealtempo, einer Balance zwischen Frische und Besinnlichkeit mit dem „Zünglein an der Waage“, im Eingangschor mitgestaltet von der, ins musikalische Geschehen gut eingebundenen, Pauke und in Kantate IV von sauberen (wenn auch im Klang weniger sensiblen) Corni da caccia. Aus ihren Reihen kamen auch 1. Solovioline, Trompeten, Oboe, Oboe d‘amore und Oboe da caccia mit ihren feinsinnigen Instrumentalbegleitungen der Arien. Auch hier gab es eine sehr liebevoll und innig musizierte „Sinfonia“, die leise ausklingend, noch nachklang. Das Orchester und der souveräne Chor, das Sächsische Vokalensemble (Einstudierung: Matthias Jung) mit seinen innigen Frauenstimmen bildeten wie in jedem Jahr das sehr sichere Fundament, auf das sich Güttler voll und ganz verlassen konnte. In einem zweckmäßig gewählten Zeitmaß wurden die Choräle getragen gesungen (fast wie bei einer Passion), die Chöre aber mit festlichem Glanz.

Einige Solisten hielten sich, da es die erste von zwei Aufführungen war, noch etwas zurück, so auch Stephan Scherpe, der sicher und auch mit entsprechender Diktion und Ausdruck die Evangelistenpartie sowie die Rezitative und die Arie sang, aber für die große Kirche wenig Stimmvolumen mitbrachte. Relativ leise sang auch Staphanie Atanasov die Alt-Partie, deren Arie „Bereits dich, Zion“ sie mit sauberen Verzierungen ausschmückte. Locker und mit Leichtigkeit und sehr deutlicher Artikulation widmete sich Martin Hässler mit seinem schlanken, dunkel timbrierten Bass (wenn auch nicht immer ganz exakt) der Bass-Partie. Die sängerischen Akzente setzte Jana Baumeister mit ihrer ansprechenden Stimme und schöner Klarheit bei der „Echo-Arie“ – mit Echo aus dem Chor – sowie den Nummern mit Sopran und Tenor bzw. Sopran, Alt und Tenor und führte auch gegen Ende das etwas zaghafte Terzett „Ach, wann wird die Zeit erscheinen“ sicher an.

Da meist die kleinen Pausen zwischen den einzelnen Nummern entfielen und damit die Zäsuren zwischen den Kantaten eine sinnvolle Teilung ergaben, hinterließ die Aufführung auch in dieser Zusammenstellung einen geschlossenen Eindruck, der durch den, mit Hingabe gesungenen, Choral „Zwar ist solche Herzensstube“ und die zusätzliche Wiederholung des Eingangschores „Jauchzet, frohlocket“ einen klangvollen festlichen Abschluss fand.

 

Dresden / Kreuzkirche: „WEIHNACHTSORATORIUM“ MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR UNTER RODERICH KREILE – KANTATEN I – III – 13., 14. u. 15.12.2019

 Beim Dresdner Kreuzchor wird die älteste Tradition mit der sehr zweckmäßigen dreimaligen Aufführung der Kantaten I ‑ III vor Weihnachten und einer Aufführung der Kantaten IV ‑ VI nach Weihnachten beibehalten. Der Kreuzchor hat sein Publikum von Alters her, und obwohl das Weihnachtsoratorium an zwei Tagen gleichzeitig in Kreuz- und Frauenkirche aufgeführt wurde, gab es keine Konkurrenz und keinen Mangel an Publikum. Beide Kirchen waren bis unters Dach voller erwartungsvoller Besucher.

 Die Dresdner Philharmonie hat sich seit Jahrzehnten ihre hohe Qualität bewahrt und bildet immer wieder das sichere, klangschöne Fundament als gesamtes Orchester und mit den hinreißend schönen Instrumental-Soli bei den einleitenden „Vorspielen“ und der Begleitung der Arien von Flöte, Oboe d’amore, Englischhorn und Trompeten, und das, obwohl die Musiker immer wieder wechseln. Zum besonderen Höhepunkt wurde die liebevoll musikalisch ausgeschmückte „Sinfonia“ in der 2. Kantate. Allein schon wegen dieser wunderbaren instrumentalen Seite lohnt ein Besuch der Aufführungen des Kreuzchores immer wieder. Bereits den Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“ spielten die Musiker festlich gestimmt, mit Innigkeit und Frische. Ihr Klang wurde von der einfühlsam mitgestaltenden Pauke unterstrichen. Diese Frische und frohe Erwartung hätte man sich auch vom Chor gewünscht, der sehr gewissenhaft und mit angestrengter Ernsthaftigkeit, jedoch weniger froh und festlich sang, was allerdings bei der 3. Aufführung innerhalb von 3 Tagen neben den zahlreichen Verpflichtungen der jungen Sängern zur Weihnachtszeit verständlich ist.

Zum ersten Mal sang die ukrainische Sängerin Kateryna Kasper an dieser Stelle die, in den ersten drei Kantaten nur kleine, Sopran-Partie. Ihre Stimme wirkte bei der „Engelsverkündigung“ im großen Kirchenraum sehr zart. Im Duett mit dem routinierten, im Oratorien-Gesang erfahrenen, Bass Daniel Ochoa, der seine Partie zuverlässig und mit der richtigen Diktion sang, konnte sie dann aber schon mithalten. Vom Text aus, wie es ursprünglich selbstverständlich war, jetzt aber schon fast wieder neu entdeckt werden muss, erschloss Marlen Herzog dem Zuhörer die reichhaltige Alt-Partie mit ihren Rezitativen und den bekannten Arien “Bereite dich, Zion“, „Schlafe, mein Liebster“ und “Schließe, mein Herze, dies selige Wunder“ und gab der Arie „Herr, dein Mitleid“ für Sopran und Bass Profil. Für den erkrankten Michael Mogl hatten Manuel Günther (13.12.) und Markus Schäfer (14. u. 15.12.) die Tenor-Partie übernommen. Schäfer gestaltete souverän, sang sehr deutlich mit leicht gutturaler Stimme, guter Textverständlichkeit und sehr guter Diktion.

Es war eine solide Aufführung, bei der die erfahrenen Ausführenden an die sehr guten Aufführungen vergangener Jahre anknüpfen konnten.

 

Köthen / Stadtkirche St. Jakob: DAS „WEIHNACHTSORATORIUM“ KANTATEN I, V u. VI –  14.12.2019

 Stellvertretend für die vielen Aufführungen des Weihnachtsoratoriums in kleineren Städten und Gemeinden, fernab der großen Musikzentren soll hier eine Aufführung in Köthen stehen, einer Stadt in Sachsen-Anhalt, wo J. S. Bach nach eigenen Aussagen „die glücklichsten sieben Jahre seines Lebens“ am Hof des kleinen Fürstentums verbrachte, damals eine sehr kleine Stadt, jetzt eine wesentlich größere. Das „Weihnachtsoratorium“ komponierte er aber erst später in Leipzig.

Die sehr engagierte Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz verstand es, auch unter weniger guten Bedingungen mit dem ortsansässigen Bachchor Köthen und dem Halleschen Orchester, das durch die Pflege der Musik Georg Friedrich Händels mit der Barockzeit stilistisch vertraut ist und recht passabel spielte, ein sehr ansprechendes „Weihnachtoratorium“ mit den Kantaten I, V und VI „auf die Beine zu stellen“. Der Kinderchor, der die Choräle mitsingen sollte, hüllte sich zwar in Schweigen, aber die Frauenstimmen des Bachchores überbrückten diese Unstimmigkeit. Martina Apitz leitete die Aufführung in einem sehr anregenden Tempo und mit großer Umsicht.

Das Solisten-Quartett war sehr unterschiedlich mit professionellen Sängern und nichtprofessionellen Sängerinnen besetzt. Bei der Sopranistin Grit Wagner störte die schrille Höhe, während die Altistin Ingeborg Nielebock mit eher zarter Stimme, aber doch makellos sang. Die Evangelisten-Partie, einschließlich Rezitativen und Arie bewältigte der Tenor Maximilian Vogt vom Opernchor Theater Hof in zuverlässiger Solidität, und Philipp Jekal, Mitglied der Deutschen Oper Berlin, gestaltete die Bass-Partie gut bei Stimme, problemlos und ausdrucksvoll. Wenn auch die Solisten ihre Aufgaben sehr unterschiedlich und nicht in jedem Fall vergleichbar mit den Oratorien-erfahrenen Solisten in den großen Musikzentren, bewältigten, war doch allen ein großes Engagement eigen. Der gute Wille für das Gelingen der Aufführung und die versierte Leitung der Kantorin sorgten für eine sehr gelungene Aufführung. Das Publikum war es zufrieden und verließ mit einem glücklichen, weihnachtlichen Gefühl die große gotische Stadtkirche.

Ingrid Gerk

 

 

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