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DRESDEN/ Frauenkirche: „JOHANNESPASSION“ VON J. S. BACH

16.04.2022 | Konzert/Liederabende

Dresden / Frauenkirche: „JOHANNESPASSION“ VON J. S. BACH – 15.4.2022

„Matthäuspassion“ und „Johannespassion“ von  Johann Sebastian Bach sind unbestritten die am meisten aufgeführten Großwerke zur Passionszeit, obwohl es noch zahlreiche andere Kompositionen dieser Art gibt. Auch Bach hat noch weitere Passionsmusik geschrieben, unter anderem ein „Osteroratorium“ (Kantate), das gelegentlich  aufgeführt wird, und eine “Lukaspassion“ von der nur die wunderbaren Chöre erhalten sind. Die beiden vollständig überlieferten Passionen liegen jedoch in der Publikumsgunst ganz oben und werden immer wieder aufgeführt und vom Publikum angenommen, ganz gleich in welcher Besetzung, ob mit großem Chor oder Kammerchor, großem oder kleinem Orchester, namhaften oder weniger bekannten Dirigenten und Solisten. Das Erleben der ergreifenden Musik Bachs steht hier im Vordergrund.

Obwohl am gleichen Tag (Karfreitag) und am Vortag (Gründonnerstag) die Kreuzkirche sehr gut besucht war, konnten sich die Ausführenden auch in der Frauenkirche über einen reichen Besucherzustrom freuen.

Im Gegensatz zur Kreuzkirche, Dresdens größter Kirche, mit dem auch zahlenmäßig starken Kreuzchor und der Dresdner Philharmonie standen Frauenkirchenkantor Matthias Grünert „nur“ der kleinere Kammerchor der Frauenkirche und das ensemble frauenkirche. zur Verfügung, die aber beide bestens mit den besonderen akustischen Bedingungen der Frauenkirche vertraut sind und über entsprechende Erfahrungen verfügen. Sie musizieren schon lange geneinsam in diesem Raum und sind aufeinander eingestimmt.

Das ensemble frauenkirche, ein Kammerorchester vorwiegend aus Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie, das in seiner Größe für den Kirchenraum mit der längeren Nachhallzeit gut geeignet ist, erfüllte seine Aufgaben sehr zuverlässig und wartete mit ausgezeichneten Bläsern und sehr schönen solistischen Einsätzen bei der Begleitung der Arien auf.

Der Kammerchor der Frauenkirche sang mit viel Engagement die Choräle sehr ausgewogen, klang- und stimmungsvoll und meisterte auch die Chöre mit schönen Stimmen und Transparenz. Bachs Großwerke verfehlen auch in kleinerer Besetzung ihre Wirkung nicht, auch wenn, wie hier, die gewaltigen Chöre in kleinerer Besetzung nicht mit der üblichen dramatischen „Wucht“ ausgeführt werden können, obwohl die „Johannespassion“ als die dramatischere der beiden Passionen gilt, schon wegen der sich dramatisch zuspitzenden Handlung und der dramatischen Volkschöre (turbae).

Die Dramatik nahm Tobias Hunger als Evangelist offenbar allzu wörtlich für die Gestaltung seiner Partie. In seinem Bestreben, sehr dramatisch zu wirken, sang er spontan und neigte zu Übertreibungen. Er wirkte dadurch eher unausgeglichen und theatralisch und sprengte fast die Grenzen dieses Parts. Ebenso wirkten die mit viel Temperament gesungenen Tenor-Arien „Ach, mein Sinn, wo willst du endlich hin …“  und „Erwäge, …“ sowie das Arioso „Mein Herz, in dem die ganze Welt ..“ grenzwertig.

Es wird zwar angenommen, dass zur Bach-Zeit die Evangelisten-Partie sehr dramatisch, vielleicht sogar opernhaft ausgeschmückt wurde, aber in unserer Zeit hat sich ein gutes Maß an erzählerischem Duktus und leichter Dramatik durchgesetzt, das den Empfindungen des modernen Hörers eher entspricht. In seinem Eifer geriet Hunger auch an die Grenzen seiner Stimme. Es war gut gemeint, aber etwas mehr Zurücknahme wäre hier mehr an Ausdruck gewesen.

Etwas zu dick trug auch Peter Fabig mit dunkel timbrierter Bassstimme als von ihm sehr kraftvoll und bodenständig gesungene „Vox Christi“ auf, deren Bezeichnung die Assoziation zu „nicht mehr von dieser Welt“ eigentlich schon vorwegnimmt.

Einmal mehr erwies sich Andreas Scheibner als idealer Interpret auch im Oratorienfach. Die Nebenrollen (Petrus, Diener, Pilatus) brachte er mit seiner großen Charakterisierungskunst als differenzierte Charaktere in die Handlung ein. Erst recht im Arioso „Betrachte, meine Seel …“ wurden seine stimmlichen und gestalterischen Vorzüge sehr deutlich. Bei der heiklen, atemberaubend gesungenen, Bass-Arie mit Chor „Eilt, ihr angefochtenen Seelen“ ließ er trotz rasantem Tempo nie Klarheit und Textverständlichkeit vermissen und gestaltete die sehr gegensätzliche lyrisch-seelenvolle Artie „Mein teurer Heiland, lass dich fragen“ mit Hingabe und mit allen Details und Nuancen. Er fand für alles die richtige Diktion. Mit seiner flexiblen, selbst in schwierigen Passagen sehr klangvollen, Stimme und großer Gestaltungskraft übertraf er alle Erwartunen.

Die für Hanna Zumsande eingesprungene Sopranistin Romy Petrick, sang schon oft in der Frauenkirche und kennt die akustischen Bedingungen. Mit gut klingender Stimme und guter Diktion sang sie die Arie „Ich folge dir gleichfalls …“ mit den gefürchteten chromatischen Läufen und die seelenvolle Arie „Zerfließe, mein Herze, …“.

Mit sehr warmer wohlklingender Stimme, sehr ausgeglichen und mit Gewissenhaftigkeit bis ins kleinste Detail widmete sich Britta Schwarz, ebenfalls eine ideale Oratoriensängerin, in großen Spannungsbögen der anspruchsvollen Arie „Von den Stricken meiner Sünden …“ und der traurig-beseelten „Es ist vollbracht …“ bis zum kraftvollen „Der Held aus Juda siegt mit Macht …“.

 Trotz des mehr „kammermusikalischen Charakters war es eine eindrucksvolle Aufführung unter der Leitung von Matthias Grünert, nach der das Publikum in einer Schweigeminute verharrte.

 Ingrid Gerk

 

 

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