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DRESDEN/ Frauenkirche: J.S.BACHS „MATTHÄUSPASSION unter Ludwig Güttler

Dresden/Frauenkirche: J. S. BACHS „MATTHÄUSPASSION“ UNTER LUDWIG GÜTTLER – 23.3.2013


Foto: Ingrid Gerk

 Ohne das unermüdliche Engagement des international bekannten und beliebten Trompeters Ludwig Güttler, der auch auf dem Gebiet der Wiederbelebung der alten Aufführungspraxis und der Entwicklung des Corno da Caccia große Verdienste erworben hat, wäre der Wiederaufbau der Frauenkirche undenkbar gewesen. Jetzt dirigiert er in dem „Wunder von Dresden“ gelegentlich zu besonderen Anlässen ein großes Oratorium, zu Ostern traditionsgemäß Bachs „Matthäuspassion“ in einer geschickt gekürzten Fassung (Aufführungsdauer knapp 2,5 Std. – ohne nennenswerte Pause zwischen den beiden Teilen).

 Mit dem Sächsischen Vocalensemble, dem Mitteldeutschen Kammerorchester und, im Oratorienfach sehr erfahrenden und bewährten, Solisten standen Güttler sehr gute Kräfte zur Verfügung.

 Wenn auch der Eingangschor im überhöhten Tempo eher fröhlich beschwingt, als in traurig beschaulicher Betrachtung klagend, den Passionsbericht eröffnete, fand doch der international sehr geschätzte und von seinem Leiter Matthias Jung sehr gut vorbereitete Chor bald zu seiner besonderen Qualität, die vor allem in der Präzision der einzelnen Stimmgruppen, Stilsicherheit, hervorragender Artikulation und Intonation und emotionaler Tiefe sowie einem sehr guten Gesamtklang besteht. Besonders beeindruckend wurden zudem die Übergänge von den hochdramatischen Chören zu den anschließenden, die Vorgänge beschaulich betrachtenden Chorälen in ihrer Gegensätzlichkeit als zusätzliches Gestaltungselement wirksam. Bei Bach besteht die große Dramatik weniger im angezogenen Tempo als vielmehr in der klar geführten Gegenläufigkeit der einzelnen „aufgeregten“ Stimmen, was der Chor in perfekter Weise beherrschte.

 Im Eingangschor hatten es die Jungen des, ebenfalls von Matthias Jung geleiteten, Knabenchores am Heinrich Schütz Konservatorium Dresden als Cantus Firmus-Chor gewiss nicht leicht, aber sie erfüllten ihre Aufgabe gut.

 Das Mitteldeutsches Kammerorchester wurde 1987 von Studenten der Weimarer Musikhochschule gegründet mit dem Ziel schwerpunktmäßig sinfonische Musik des 18./19. Jh. aufzuführen und bei Oratorienaufführungen mitzuwirken. Obwohl das Orchester zahlenmäßig nicht sehr groß ist, erfüllte es seine Aufgaben voll und ganz. Für die Akustik der Frauenkirche war diese Besetzung völlig ausreichend und sogar sehr günstig. Sie bot den Vorteil der Klarheit und Durchsichtigkeit, zumal die Musiker ihre Instrumente perfekt beherrschen.

 Sehr eindrucksvoll war die Begleitung der Arien durch die Soloinstrumente, besonders schön die der beiden Soloviolinen und der Soloflöte. Mit elegantem Strich, gut ausgewogenem Klang und leichter Dramatik begleitete der 1. Konzertmeister die „Erbarme-dich-Arie“ in schöner Weise, unterstützt von den übrigen Streichern des Orchesters. Der klare, silbrige Klang der modernen Traversflöte, mitgestaltend von den beiden Oboen d’amore unterstützt, die hier sehr dezent und gut abgestimmt, deutlicher als sonst wahrzunehmen waren, wirkte ebenfalls sehr eindrucksvoll. Selbst wenn man auf den warmen Klang der Barockflöte an dieser Stelle fixiert ist, konnte man sich doch dem Reiz dieses etwas kühleren, klaren und tragfähigen Klanges nicht entziehen.

 Die Gambe mit ihrem schönen, warmen Ton hätte man sich gern – schon aus akustischen Gründen – mehr aus dem Vordergrund gewünscht, aber zu hören war sie so auch. Überhaupt ergänzte das relativ kleine Orchester in sehr wirkungsvoller Weise die Aufführung.

 Die fünf Solisten waren sehr um bestmögliche Wiedergabe bemüht und gaben ihr Bestes. Die Sopranistin Barbara Christina Steude verfügt über eine schöne, reine, man möchte fast sagen, „engelhafte“ Stimme und gestaltete ihren Part mit inniger Anteilnahme, wenn auch mit weniger deutlichen Verzierungen und nicht so guter Textverständlichkeit wie die vier anderen Solisten und der Chor.

 Zum solistischen Höhepunkt gestaltete sich die von Annekathrin Laabs (Alt) im gegenseitigen Zusammenwirken und Ergänzen mit der Solovioline gestalteten „Erbarme-dich-Arie“. Sie verfügt über alle sängerischen Tugenden und eine schöne, klangvolle Stimme, was auch die „Golgatha“-Arie zu einem bewegenden Ereignis werden ließ.

 Im gemeinsamen Duett „So ist mein Jesus nun gefangen“ vereinigten sich die wohlklingenden Stimmen der beiden Sängerinnen in schöner Weise auch mit dem Chor.

Martin Petzold gestaltete die Evangelistenpartie mit innerer Anteilnahme, sehr abwechslungsreich und in barocker Vielfalt, zuweilen vehement theatralisch, aber immer überzeugend, in guter stimmlicher Verfassung, ausgezeichneter Textverständlichkeit und vielen sehr schönen Momenten.

Wolf Matthias Friedrich sang die Christuspartie sehr kraftvoll, mitunter etwas laut, was der Partie etwas von der Würde nahm, aber immer mit deutlicher Artikulation und auch um geistige Ausstrahlung bemüht.

 Der Bassist Gotthold Schwarz war gut bei Stimme. Durch das besondere Timbre seiner Stimme wurde bei den Arien mehr die lyrische Seite betont.

 Die kleineren Nebenrollen, wie die der zwei falschen Zeugen, der beiden Mägde und Pilatus‘ Weib wurden überzeugend von Chorsolisten gesungen, was die szenische Struktur des „Phantasiedramas“, wie es der Althistoriker Alfred Heuss nannte, noch weiter verdeutlichte.

 Trotz der überhöhten Tempi bei Eingangs- und Schlusschor, war es eine bewegende Aufführung, nach der die Besucher in stillen „standing ovations“ verharrten.

 Ingrid Gerk

 

 

 

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