Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Frauenkirche: J. S. BACHS H-MOLL-MESSE UNTER LUDWIG GÜTTLER

03.05.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden/Frauenkirche: J. S. BACHS H-MOLL-MESSE UNTER LUDWIG GÜTTLER – 2.5.2015

 Unbestritten gehört J. S. Bachs letztes großes Vokalwerk, die „Messe in h-Moll“ (BWV 232), in der Romantik auch als „Hohe Messe“ bezeichnet, zu den bedeutendsten Kompositionen der musikalischen Weltliteratur und erfreut sich immer wieder großer Beliebtheit. Für die Aufführung standen Ludwig Güttler, der gern einmal Trompete und Corno da Caccia mit dem Taktstock vertauscht, schon traditionsgemäß, das ausgezeichnete Sächsische Vokalensemble, seine, von ihm gegründeten Virtuosi Saxoniae, ein ebenso ausgezeichnetes Kammerorchester aus den besten Musikern der Sächsischen Staatskapelle Dresden, und gute Solisten mit Erfahrung im Oratoriengesang zur Verfügung. Sie sangen und musizierten mit Sorgfalt, Klangschönheit und Hingabe im Bewusstsein der Bedeutung dieses Werkes und setzten ihre Fähigkeiten ein, um das Werk so eindrucksvoll wie möglich zur Aufführung zu bringen, ein sehr zuverlässiges Fundament, auf das Güttler bei dieser zweistündigen Aufführung (ohne Pause) bauen konnte.

 Das Sächsische Vokalensemble, sehr sorgfältig einstudiert von Matthias Jung, fand schon während des ersten „Kyrie eleison“ zu seinem gewohnt guten Klang und sorgfältiger Ausführung auf hohem Niveau. Die Sängerinnen und Sänger sangen mit großem Engagement, Hingabe und Leidenschaft.

 Das Kammerorchester mit seiner Klangqualität sorgte neben kontinuierlich zuverlässiger, klangschöner, auch solistischer Instrumentalbegleitung für sehr schöne Überleitungen und Orchester-„Nachspiele“ der Arien, Duette und Chöre und steigerte sich im „Osanna“ zu opulenter, fast überbordender Musizierfreude. Der 1. Konzertmeister dieses Ensembles, Roland Straumer, „begleitete“ und gestaltete die Sopran-Arie „Laudamus te“ nicht nur mit, sondern überhöhte und „veredelte“ sie mit seinem klangvollen Violinsolo. Ein schönes Flöten-Solo unterstrich die Tenor-Arie. Die Bläser musizierten während der gesamten Aufführung sehr sauber. Kleine Unstimmigkeiten im Zusammenwirken von Chor und Orchester fielen da kaum ins Gewicht.

 Die Platzierung der Solisten zwischen Orchester und Chor erwies sich bei der akustischen Sondersituation der Frauenkirche mit ihrer Innenkuppel als äußerst günstig, so dass alle Solisten mit größerer oder kleinerer Stimme in allen Details gut zu hören waren, auch das erste, mit noch etwas zurückhaltendem, relativ zartem Sopran und Mezzosopran von Dorothea Wagner und Marie Henriette Reinhold gesungene Duett „Christe eleison“. In dem später, vom Orchester wunderbar eingeleiteten und ausklingenden Duett „Et in unum deum“ traten beide dann der sicher auf und gestalteten gut.

 Die beiden jungen Sängerinnen verfügen über ansprechende Stimmen und sehr stilgerechte Gestaltung von Barockmusik, wenn auch leider – wie jetzt immer häufiger zu beobachten – wenig Textverständlichkeit. Dorothea Wagner sang sehr sicher die Arie „Qui sedes ad dexteram Patris“, und Marie Henriette Reinhold machte mit langem Atem und guter Gesangstechnik im „Agnus dei“ auf sich aufmerksam.

 Mit außergewöhnlicher Exaktheit und großer Detailtreue bei großer Spannbreite der ausgehaltenen musikalischen Bögen ist Andreas Scheibner nicht nur ein Opernsänger mit besonderen Fähigkeiten, sondern auch ein idealer Interpret von Oratorien und Messen. Für ihn scheint es technisch und stimmlich keine Schwierigkeiten zu geben, auch bei den schwierigsten Arien, wie der gefürchteten, von ihm mit kräftiger Stimme gesungenen Bass-Arie „Quoniam tu solus sanctus“ vermag er jede Phase bestmöglich auszusingen und sich gegen das Orchester zu behaupten. Mit entsprechender Exaktheit spannt er große musikalische Bögen, innerhalb derer er noch Kapazität genug hat, jedes Detail als Miniaturen innerhalb des großen Ganzen einer Arie gewissenhaft auszugestalten. Seine Textverständlichkeit ist vorbildhaft und seine Gestaltung „geht unter die Haut“. Einen sehr guten Klang hatte seine Stimme bei der Arie „Et in Spiritum sanctum“. Sie wurde zusammen mit dem besonders berührenden Orchester-Ausklang zu einem Höhepunkt der Aufführung.

 Mit ähnlicher Exaktheit und gut gestaltend sang der junge Tenor Patrick Grahl mit frischer, sehr kultivierter, sehr sicher geführter Stimme die, einfühlsam von der Flöte begleitete, Tenor-Arie „Benedictus qui venit“ und bestimmte auch im Duett mit dem Sopran „Domine Deus, Rex coelestis“ das Niveau.

 Ludwig Güttler verstand es, in gut gewähltem, angemessenem und nicht übereiltem Tempo, die vorhandenen Kapazitäten ganz im Sinne einer intensiven Gestaltung einzusetzen und die Schönheiten dieser Messe voll zur Wirkung kommen zu lassen. Es war eine eindrucksvolle Aufführung, bei der das impulsiv einsetzende, freudige „Et resurrexit“ (bis auf eine voreilige Männerstimme) im Kontrast zu dem sphärisch und leise verhallenden „Crucifixus“ zum absoluten Höhepunkt der Aufführung wurde und der Chor im „Et expecto resurrectionem mortuorum“ tief beeindruckte.

 Ingrid Gerk

 

Diese Seite drucken