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DRESDEN/ Frauenkirche: IVETA APKALNA, EINE AUSNAHMEKÜNSTLERIN, AN DER GROSSEN ORGEL DER DRESDNER FRAUENKIRCHE

28.07.2016 | Konzert/Liederabende

Dresden/Frauenkirche: IVETA APKALNA, EINE AUSNAHMEKÜNSTLERIN, AN DER GROSSEN ORGEL DER DRESDNER FRAUENKIRCHE – 27.7.2016

Die lettische Organistin Iveta Apkalna, eine der führenden Orgelvirtuosinnen (und Virtuosen) unserer Zeit, die in Berlin und Riga zu Hause ist, aber eigentlich in den Konzertsälen und Kirchen der Welt und bei renommierten Musikfestivals, gab zum ersten Mal ein Konzert an der großen Orgel der Dresdner Frauenkirche. Ihre Welt ist die Orgel. Sie erarbeitet sich  jedes Werk, das sie spielt, mit großer Sorgfalt, erfasst es in seinen inneren Zusammenhängen und gibt es mit großer Virtuosität wieder.

Sie begann ihr Konzert mit Esprit und Temperament mit der an Dissonanzen reichen „Toccata“ (op. 104) des Belgiers Joseph Jongen (1873-1953), der als Komponist, Organist, Pianist und Hochschullehrer u. a. in München, Paris, London, Lüttich und Brüssel wirkte und 1900 den Posten des Chordirektors in Bayreuth bekleidete. Sie ließ die relativ kurze, von mehreren Stilrichtungen und auch der Moderne geprägte Toccata in ihrer Farbigkeit auf der Orgel sehr virtuos und mit gewaltigem „Brausen“ erklingen.

Dem stellte sie die vierteilige „Sonate“ (op. 65, Nr. 4) von Felix Mendelssohn-Bartholdy gegenüber, deren Teil I sie ebenfalls herzhaft-kraftvoll begann, eine zierliche Person, die die Orgel auch sehr voluminös zum Klingen bringen kann, wobei die bei der großen Frauenkirchenorgel nicht unproblematische Registerwahl mitunter auch einige schroffe Klangmischungen aufweisen kann. In den Teilen II und III versuchte sie gefühlvoll Mendelssohns Klangsinn mit innig schlichtem romantischem Duktus nachzuspüren, um in Teil IV wieder entsprechend temperamentvoll und gewaltig den Bezug zu Teil I herzustellen.

Ein besonderes, sehr inniges Verhältnis schien sie zu dem, Arvo Pärt gewidmeten, Stück „Viatore“  ihres Landsmannes Peteris Vasks zu haben. Sie spürte mit viel Einfühlungsvermögen seiner speziellen Gedankenwelt nach, in der er bei diesem einsätzigen Stück symbolhaft in eingängiger Tonalität dem Wesen des menschlichen Lebens in Gestalt eines „Wanderers“ nachsinnt, „der die Welt betritt, heranwächst, sich entwickelt und verliebt, schließlich eine gewisse Reife erlangt und die Welt wieder verlässt. Es geht auf eine Reise in die Endlosigkeit, in der er die Leuchtkraft des sternenklaren Universums offenbar wird“.

Iveta Apkalna verstand es, mit sehr gut gewählter Registrierung ihrer Interpretation der Impressionismus und Spätromantik nicht unähnlichen Komposition den entsprechenden Ausdruck zu verleihen und die beiden Themen, das des Wanderers mit den Elementen Wachstum und Entwicklung und das unverändert bleibende und im Pianissimo verharrende Thema der Unendlichkeit herauszuarbeiten. Sie ließ die Töne „fließen“ und verlieh den vergeistigten Assoziationen schöne Plastizität.

In ihrem geistigen Erfassen verstand sie es, das Werk so wiederzugeben, dass ihr der Hörer mühelos folgen konnte. Hier machte es auch Sinn, die letzten Töne sehr lange auszuhalten, die hier scheinbar bis in die gedankliche Ewigkeit führen. Dass sie dies auch am Ende jeder anderen Komposition tat, mitunter übermäßig lange, zu lange, was eventuell in großen Konzerthallen Effekt macht, wirkte mitunter etwas überzeichnet.

Im Kontrast zu dieser „meditierenden“ Komposition widmete sie sich Johann Sebastian Bachs dreiteiliger Fantasie „Pièce d’Orgue“ (BWV 572) mit Vehemenz. Leicht getrübt wurde ihr großangelegtes Orgelspiel, mit dem sie das „Stück“ wiedergab, beim „strahlend prächtigen“ Klang des „Plain jeu“ (volles Spiel) von manchen, nicht unproblematischen Registern der großen Frauenkirchenorgel.

Dass Franz Liszt auch ein Liebhaber der Orgel war, wird oft wenig beachtet. Als sehr virtuosen Abschluss ihres abwechslungsreichen, viele Stilrichtungen berücksichtigenden Programmes hatte Iveta Apkalna seine (Klavier-)Legende Nr. 2 „Der Heilige Franziskus von Paula auf den Wogen schreitend“ in der Transkription von Max Reger gewählt. Reger, ein Kenner der Lisztschen Klavier- und Orgelwerke hat neben dieser „Legende“ noch weitere Klavierkompositionen Liszts für die Orgel transkribiert, wobei er deren immanente Farbigkeit mit den Möglichkeiten der Orgel umsetzte.

Iveta Apkalna, eine wahre Meisterin des Orgelspiels, erfasste das Werk in seiner inneren Struktur. Bei aller Virtuosität berücksichtigte sie auch die „melodiöse“ Seite und sorgte für außergewöhnliche Klarheit. Trotz aller gewaltigen Klangmassen, zu denen die leiseren, feineren Passagen kontrastierten, ging kein Ton verloren.

Mit J. S. Bachs einfühlsam gespieltem Choralvorspiel „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ als Zugabe machte sie den zahlreich erschienenen Freunden der Orgelmusik eine zusätzliche Freude.

Ingrid Gerk

 

 

 

 

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