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DRESDEN/ Frauenkirche: FRAUENKIRCHEN BACHTAGE

Dresden/Frauenkirche: FRAUENKIRCHEN BACHTAGE – 1. bis 16.10.2014

 Den Auftakt der Frauenkirchen Bachtage, die jedes Jahr Anfang Oktober die stattfinden, bildete in diesem Jahr ein ORGELKONZERT mit dem japanischen Organisten Rie Hiroe aus Tokio, der Werke von J. S. Bach, C. Franck und M. Duruflé spielte (1.10.).

 Wie als Pendant dazu suchte Martin Stadtfeld, der geniale, eigenwillige, deutsche Pianist – auf eigenen Wunsch in der Unterkirche der Frauenkirche mit ihrer schlichten Sandstein-Gewölbe-Architektur – bei seinem reinen J. S. BACH-ABEND (2.10.) die brausenden Orgeltöne der „Toccata und Fuge d-Moll“ (BWV 565) in einer eigenen Bearbeitung auf die schwarzen und weißen Tasten eines modernen Steinway-and-Sons-Konzertflügels zu bannen. Statt brausender Orgelregister setzte er fast ungestüm auf wuchtigen, gewaltigen Klangrausch mit hartem Anschlag, um das Großartige, Gewaltige der Toccata auch auf dem Konzertflügel zum Ausdruck zu bringen – eine sehr spezielle Sicht auf Bach, „doch sag ich nicht, dass das ein Fehler sei“.

 Ein umfassendes „Bild“ von der Musik Bachs wird man wohl ohnehin nur durch die Vielzahl der verschiedensten Interpretationen erfahren, sofern diese Struktur und Inhalt der Musik treu bleiben. Da Stadtfeld selbst für Bachs Musik brennt, kann er auch andere, d. h. das Publikum, entzünden. Man dachte unwillkürlich an die „Sturm- und Drangzeit“ des jungen Bach, der alle Möglichkeiten der Orgel, der traditionellen Kompositionstechnik und vor allem sich selbst ausprobieren wollte und nicht selten auch an Grenzen stieß.

 Eingeleitet hatte Stadtfeld sein Konzert mit Bachs „Choralvorspiel Es-Dur (BWV 622) „O Mensch, bewein dein‘ Sünde groß“, ebenfalls in seiner eigenen Bearbeitung, bei der er die Bass-Stimme in der linken Hand erstaunlicherweise stark hervorhob, und die Stimme der rechten Hand merklich leise erklingen ließ, ein Klangexperiment, das gegenwärtig öfters zu beobachten ist, hier aber zu einer Art Komplementärwirkung führte, bei der das Gleichgewicht der sonst ausgewogenen Stimmen verschoben wurde.

 Nach der „Toccata fis-Moll“ (BWV 910), bei der er nicht selten auch die romantische Seite der Barockmusik betonte, folgte das humorvolle „Capriccio B-Dur“ (BWV 992) „sopra la lontananza de il frato dilettissimi“ („Capriccio über die Abreise des geliebten Bruders“) in sehr abwechslungsreicher, nicht selten sehr plastischer Darstellung der einzelnen, mit einem heiteren Programm unterlegten, Teile und entsprechendem Kontrast. Hier war Stadtfeld ganz Pianist des 20./21. Jh. mit Sinn für die Barockzeit. Mit seiner speziellen „Pedalbehandlung“ brachte er die Töne nach barocker Art zum Klingen, ohne sie ineinanderfließen zu lassen, wie ein sehr klangvolles, leichtes „Stakkato“, das jedem Ton, ähnlich dem Cembalo, trotz schönen Klanges seine Selbständigkeit erhielt.

 Bei der, für „Clavier“  bzw. Cembalo geschriebenen „Französischen Ouvertüre h-Moll“ (BWV 831) schlug Stadtfeld mit französischem Charme sehr feine klingende Töne an, die dem gegenwärtigen Bach-Verständnis voll entsprachen. In seiner Bearbeitung von Bachs „Passacaglia und Fuge c-Moll“ (BWV 582) begann Stadtfeld wieder  wuchtig, ging aber allmählich in ein ausgeglichenes, ausgewogenes Spiel über, echt pianistisch die Spannweite von zart bis zu einem gewaltigen Schluss ausleuchtend, wobei auch hier oft die Bass-Stimme die Dominanz über die leisen, kaum vernehmbaren  Soprantöne in der rechten Hand erhielt.

 In seinem Programm mit sehr individuellen Interpretationen, fernab aller historischen Aufführungspraxis, brachte Stadtfeld die ganze Palette und Vielfarbigkeit von Bachs Cembalo- und Orgelmusik in starken Kontrasten aufs Klavier. Er ist durchdrungen von Bachs Musik und steigert sich in jedes Werk, das er spielt, so hinein, dass fast das Temperament mit ihm „durchgehrt“ und die Anwesenden gebannt lauschen. Alles Kleinliche liegt ihm fern. Er lässt seinen musikalischen Empfindungen „freien Lauf“ und interpretiert Bach auf seine persönliche, fast ins Monumentale überhöhte Art.

 Der Beifall des Publikums war ihm sicher, wofür er sich mit einer Zugabe, einer „Toccata“, aber nicht von Bach, sondern von Robert Schumann bedankte, bei der seine pianistisch überhöhte Virtuosität, gepaart mit gutem Klang in einer großangelegten Konzeption perfekt und vor allem, geistig durchdrungen, zum Ausdruck kam.

 Das 3. Konzert hatte der, 1956 von dem 19jährigen Gerhard Schmidt-Gaden in Bad Tölz gegründete (jetzt Münchner) „TÖLZER KNABENCHOR“, der traditionsgemäß einmal jährlich in der Frauenkirche auftritt, am Tag der Deutschen Einheit (3.10.) übernommen. Nach einer kurzen „Zwischenphase“ (2009 – 2014), übernahm der Gründungsvater und langjährige Chorleiter Schmidt-Gaden wieder die Leitung des Chores, um die Kontinuität zu wahren. Er ließ es sich nicht nehmen, in Dresden den Chor selbst zu dirigieren. In, auch äußerlich sichtbarer, wechselnder Besetzung brachten die jungen Sänger Motetten des weit verzweigten „Bach-Clans“ und von J. S. Bach selbst zu Gehör.

 Zunächst wurden die kaum bekannten Motetten für 8stimmigen Doppelchor und Basso continuo (B.c.) „Sei nun wieder zufrieden, meine Seele“ von Johann Bach (1604-1673,), dem ältesten als Komponist beglaubigten Vertreter dieser Musiker-Dynastie“ und Großonkel von J. S. Bach, „Nun hab ich überwunden“ von Johann Michael Bach (1648-1694), Bachs erstem Schwiegervater, und „Lieber Herr Gott, wecke uns auf“ von Johann Christoph Bach (1642-1703), dem Bruder von Johann Michael Bachs, sowie auch dessen Motette für 5stimmigen Chor „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst“ zu Gehör gebracht – allesamt gute, solide gearbeitete Motetten guter, solider Musiker und Komponisten. Mag manches bei der Wiedergabe auch noch nicht so ausgefeilt gewesen sein, wie man es von anderen Knabenchören kennt, war es doch überaus interessant, die Motetten der verschiedenen komponierenden Mitglieder der weit verzweigten Bachfamilie kennenzulernen.

 Im Chor gab es – insbesondere bei den Knabensopranen – einzelne sehr gute, kräftige, leicht gutturale, aber sehr sichere Stimmen mit sehr guter, sicherer Höhe, allerdings mit unterschiedlichen Timbres. Die Sänger, die sich für jede Motette speziell gruppierten, wurden von 1 Kontrabass, zuweilen auch von 1 Cello und 2 Orgelpositiven instrumental unterstützt – eine Ergänzung, die – auch mit anderen Instrumenten – nicht selten praktiziert wird. Der Gesamtklang wurde dadurch nicht verändert, da die Instrumente im großen Kirchenraum kaum zu hören waren.

 Trotz sorgfältiger Einstudierung wirkte der Chor mit seiner etwas herben Klangfülle nicht immer homogen. Innerhalb des Chores wollte sich nicht immer die gewünschte klangliche Ausgewogenheit einstellen. Die Knabenstimmen mischten sich nur schwer mit den sehr sicheren jungen Männerstimmen. Oft waren einzelne Stimmen und Stimmgruppen „separat“ herauszuhören. Obwohl nicht etwa bayrisch, sondern hochdeutsch gesungen wurde, war der Text mitunter kaum zu verstehen. Es war ein „urwüchsiger“, ungewohnter Klang in ungewohnter, herber Klangfülle.

 Den besten Eindruck machten die jungen Stimmen in eher leisen, lyrisch betrachtenden Passagen. Sehr schöne Momente und harmonische Passagen gab es bei den Knabensolisten mit ihren schönen, hellen, kräftigen und vor allem klaren Stimmen, die untereinander gut abgestimmt, in den solistischen Teilen auch mit einzelnen ergänzenden dunklen Stimmen junger Männer sehr gut harmonierten, wie in Johann Michael Bachs Motette, und auch bei den J. S. Bach-Motetten „Jesu meine Freude“ und „Komm, Jesu komm, die wie die Motetten „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir“ und „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ von einem Kontrabass und einem Orgelpositiv begleitet wurden.

 In einer mit überbordendem Eifer gesungenen Zugabe, die die Motetten der großen musikalischen Bach-Familie bekrönen sollte, fiel „Lobet den Herrn alle Heiden“ von J. S. Bach, laut und in schnellem Tempo fast „sportlich“ geboten, eher übermütig aus.

 Zweifellos gehören zu Bachs bedeutendsten Werken das „Weihnachtsoratorium“ die beiden großen Passionen. Es kommt deshalb schon nicht mehr selten vor, dass diese Großwerke bei Bachfesttagen zu Zeiten aufgeführt werden, für die sie nicht geschrieben wurden und deren Aufführung, zumindest in Deutschland, meist einen (annähernd) festen Platz im Kirchenjahr haben. Im Rahmen der Bachpflege scheint das aber keine Rolle zu spielen. So wurde z. B. das „Weihnachtsoratorium“ beim Leipziger Bachfest mitten im Sommer bei strahlendem Sonnenschein aufgeführt (16.6.2013) und die beiden großen Passionen stehen jetzt, im Herbst, themengebend dem Programm der Frauenkirchenbachtage.

 Da in Dresden und Umgebung Bachs Passionen an (sehr) vielen Orten traditionsgemäß jedes Jahr um die Osterzeit aufgeführt werden, wirkte eine Aufführung der MATTHÄUSPASSIONim Herbst (4.10.) zunächst befremdlich – die „Johannespassion“ folgt am 11.10.- so dass bei Ausführenden und Publikum zunächst die entsprechende Stimmung und Einstimmung fehlte, obwohl Bachs Passionen eine solche Ausdrucksstärke besitzen, dass sich dann doch alle Anwesenden irgendwie hineinsteigerten.

 Unter der Leitung von Matthias Grünert sangen und musizierten der Kammerchor der Frauenkirche und das sehr gute ensemble Frauenkirche, das sich vorwiegend aus Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie zusammensetzt. Im Gegensatz zu manch anderer Aufführung nahm Grünert trotz seiner Vorliebe für sehr rasche Tempi bei den Chören und Chorälen die Tempi hier zwar sehr zügig, aber immer noch angemessen, so dass der Chor jeden Ton aussingen konnte. Allerdings würde man sich bei der Aufführung in einer Kirche noch mehr innere Ruhe und Beschaulichkeit wünschen, die vor allem bei den Chorälen, den Reflexionen der gläubigen Seele, den Gegenpol zu dem dramatischen Geschehen in Arien und Chören bilden sollte.

 Der durch äußere Bedingungen (Urlaub, Krankheit) leider etwas „ausgedünnte“ Chor sang mit klaren aber nicht sehr kräftigen Stimmen und bewundernswerter Gewissenhaftigkeit. Beim unheildrohenden „Barabam“ fehlte dann allerdings doch die entsprechende Wucht des Chores. Mit dem hochdramatischen Chor „Sind Blitze, sind Donner“ vollbrachte der Chor eine wahre Meisterleistung. Hier wirkte das rasante Tempo spannungsreich und unterstrich den Gefühlsausbruch und die Aufregung der Menschen. Warum sich der Kinderchor für den Cantus-firmus-Chor auf der entfernten Orgelempore (die in der Frauenkirche über dem Altarplatz, wo die Aufführung stattfand, liegt) statt auf einer der über dem Altarraum gelegenen Choremporen und damit dem Hauptchor viel näher und akustisch günstiger, befand, war nicht nachvollziehbar. Gehört man den Kinderchor jedenfalls nicht.

 Das Solistenensemble war unterschiedlich, aber in allen Partien gut bis ausgezeichnet besetzt. Matthias Weichert sang die Christuspartie auswendig und technisch makellos – die Noten hatte er nur symbolisch in der Hand. Sein Christus drückte durch Stimmkraft die Stärke und Unnahbarkeit des kraftvollen, überirdischen Weltenherrschers aus. In Erinnerung an andere Interpretationen hätte man sich aber doch gern etwas Würde, Wohlwollen oder gar Duldsamkeit gewünscht.

 Die Evangelisten-Partie lag bei dem, für den erkrankten Eric Stokloßa eingesprungenen, Tenor Wolfram Lattke (Mitglied von amacord) in guten Händen. Als Mitglied des Dresdner Kreuzchores und später des Leipziger Thomanerchores ist er mit dieser Partie vertraut und weiß, wie der Evangelist zu singen ist. Sein schlank geführter Tenor klingt angenehm. Seine Gestaltung in der richtigen Balance zwischen Beschaulichkeit und lebendigem Bericht und sehr guter Textverständlichkeit wirkte natürlich und nicht aufgesetzt. Dem taten ein paar kleine „Kratzer“ keinen Abbruch.

 Mit warmer, dunkeltimbrierter, kräftiger, wenn auch etwas gutturaler Altstimme und daher wenig Textverständlichkeit, aber guter Phrasierung widmete sich Bettina Ranch den Rezitativen und Arien der gläubigen Seele und steigerte sich im mitfühlenden Ausdruck von Rezitativ zu Rezitativ und Arie zu Arie. Mit beeindruckender Innigkeit gelang ihr die „Erbarme-dich-Arie“ im 2. Teil.

 In der Arie mit Chor „So ist mein Jesus nun gefangen“ für Sopran und Alt (1. Teil) verband sich ihre Altstimme gut mit dem strahlenden Sopran von Ute Selbig , die (neben ihrer faszinierenden Sänger-Darstellung in Opernrollen) die Idealbesetzung für Oratorien, Messen und Passionen ist. Bei ihr schwingt neben der besonders schönen, klangvollen und tragenden Stimme viel Innigkeit und Ausstrahlung mit, unterstrichen durch eine perfekte Artikulation. Durch einige perfekte Verzierungen setzte sie im Da-Capo-Teil der Sopran-Arie „Ich will dir mein Herze schenken“ noch weitere Glanzpunkte.

 Glanzpunkte setzte sie auch der gesamten Aufführung mit ihrer strahlend schönen Stimme und innigen Gestaltung auf. Genau in dem Maß – wie in der Barockzeit gedacht – dominierte sie das musikalische Geschehen, ohne vordergründig zu sein. Sie setzte an den richtigen Stellen die Höhe- und Glanzpunkte und verlieh der Aufführung – wie schon oft an dieser Stelle – strahlenden Glanz.

 Perfekt in Stimme und Artikulation sang auch Klaus Mertens, nicht nur die großen Bass-Arien und Rezitative, sondern auch kleine „Nebenrollen“, die die verschiedensten Personen charakterisieren. Seine langjährigen Erfahrungen im Oratoriengesang setzen immer wieder Maßstäbe für die Basspartien, die nur selten erreicht werden. Die Noblesse seiner Stimme,  seine ausgezeichnete Textdeklamation und edle Gestaltung führten mit Rezitativ und Arie „Am Abend da es kühle war“ noch einmal gegen Ende der Passion zu einem besonderen Höhepunkt.

 Das einige der Nebenrollen von Chorsängern gesungen werden, ist eine schöne Tradition, die eine Aufführung auflockern und lebendiger erscheinen lassen können. Hier waren allerdings nicht alle Chorsängerinnen und -sänger ihrer Aufgabe wirklich gewachsen. Vielleicht hätten sie sich sicherer gefühlt, wenn sie, statt in den Vordergrund zu treten, aus dem Chor heraus gesungen hätten.

 Sehr positiv wirkte sich aus, dass die notwendigen „Umgruppierungspausen“ zwischen den einzelnen Rezitativen, Arien und Duetten mit und ohne solistische Instrumentalbegleitungen auf ein nur unbedingt nötiges Mindestmaß beschränkt blieben. Das war bei den örtlichen Gegebenheiten nicht einfach, trug aber sehr zu einem positiven Gesamteindruck der Aufführung bei.

 Einen wesentlichen Anteil an der Ausstrahlung dieser Aufführung hatten auch die arienbegleitenden Soloinstrumente des ensembles frauenkirche. Man denke nur an die wunderbare Arienbegleitung der Solovioline von Jörg Fassmann, die Soloflöte (Rozália Szabó) in kongenialer Zwiesprache mit dem Sopran von Ute Selbig in der Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“, die klangvolle, singende Cellobegleitung (Jörg Hassenrück) für die Bass-Arie „Komm süßes Kreuz“ in einer seltenen Harmonie zwischen Soloinstrument und Sänger und die klangschöne Oboe d’amore von Johannes Pfeiffer.

 Trotz ungewohnter Zeit für eine Passionsaufführung war es doch eine beeindruckende Aufführung mit sehr vielen schönen Einzelleistungen und einer guten Gesamtwirkung unter der Leitung von Matthias Grünert.

 Weitere Konzerte der Frauenkirchen Bachtage finden am 11.10. – „Johannespassion“ von J. S. Bach, 12.10.- Bachkantate und 16.10. – „Johannespassion“ von Heinrich Schütz statt.

 Ingrid Gerk

 

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