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DRESDEN/ Frauenkirche: DANIEL HOPE MIT DEM ZÜRCHER KAMMERORCHESTER UND SOLO BEI DER „LATE NIGHT I“

am 1.4. (Ingrid Gerk)

02.04.2022 | Konzert/Liederabende

 

 Dresden / Frauenkirche: DANIEL HOPE MIT DEM ZÜRCHER KAMMERORCHESTER UND SOLO BEI DER „LATE NIGHT I“  – 1.4.2022

Der Geiger Daniel Hope, Solist, Music Director des Zürcher Kammerorchesters und des New Century Chamber Orchestra  in San Francisco, Präsident des Beethovenhauses Bonn und Artistic Director der Dresdner Frauenkirche, sprüht vor musikalischer Kreativität und Entdeckerfreude, die er bei zwei, sehr unterschiedlichen Konzerten in der Frauenkirche am gleichen Abend präsentierte. Nach einem Konzert mit „seinem“ Zürcher Kammerorchester, das mit einem, von ihm gewählten, sehr publikumswirksamen Programm „von Mozart bis Tschaikowski“ die Kirche bis auf den letzten Platz füllte (vorwiegend Touristen), und erst recht mit der Art der Darbietung die Zuhörer begeisterte, präsentierte er seine Neuentdeckung, die innere Kuppel der Frauenkirche als idealen Kammermusik-Ort mit einer besonderen Akustik.   

Doch zunächst zum Konzert. Hope verstand es, schon mit einem gefälligen Programm, das so recht zum Frühling passte, auch wenn es an diesem Tag kalt und windig war, die Besucher, auch solche, die sonst wenig klassische Musik hören, ins Konzert zu locken. Wer kann schon der „Serenade Nr. 13 für Streicher G‑Dur (KV 525), der beliebten „Kleinen Nachtmusik“ von Wolfgang Amadeus Mozart, die fast  jeder mit ihrem leichten, unbeschwerten Charakter, heiteren Melodien und tänzerischen Rhythmen kennt, dem „Konzert d‑Moll“ für Violine, Klavier und Orchester (MWV 04), das Felix Mendelssohn-Bartholdy im jugendlichen Alter von 13 Jahren schrieb, und der schwungvollen „Serenade für Streicher C‑Dur (op. 48) von Peter I. Tschaikowsky widerstehen?

Nicht nur das sehr publikumswirksame Programm, sondern auch die Art, wie es dargeboten wurde, sehr frisch, lebensfroh und dynamisch, begeisterte die Anwesenden. Hope animierte die  18 Musiker des Kammerorchesters meist zu ungewohnt rasantem Tempo, insbesondere beim letzten Satz, dem „Rondo“, aus der „Kleinen Nachtmusik“, zuweilen auch zuungunsten eines kongenialen Orchesterklanges, was jedoch den meisten Besuchern das Musikerlebnis nicht trübte.

Als Solist von Mendelssohns erstem Violinkonzert beeindruckte Hope vor allem mit seiner Spezialität, einem sehr sanften Piano bis zum kaum mehr hörbaren Pianissimo und wieder eingängigem, dem Ohr schmeichelnden Forte, das besonders dem lyrisch betonten Mittelsatz Effekt verlieh, auf den der dritte und letzte Satz wieder mit viel Temperament folgte.

Mit viel Temperament und schönem, vollem Klang füllte Tschaikowskys heitere Serenade, von der er selbst meinte, sie sei „vom Gefühl erwärmt“, den Raum, wobei auch unterschwellig und ganz leise seine melancholische Seele mitschwang.

Mit einer heiteren Mozart-Zugabe schloss sich der Kreis der frühlingshaft gewählten Musik, die auch in schwierigen Zeiten Hoffnung verleihen kann, und das Publikum mit heiteren Glücksgefühlen entließ.

Bei zwei Konzerten am gleichen Abend schien Hopes physische Kraft unerschöpflich. Zu später Stunde stellte er sich bei seiner „Late Night I“, der ersten einer neu geplanten Konzertreihe, mit einer ganz anderen Facette in der, von ihm als idealen Kammermusik-Ort „zwischen Himmel und Erde“ entdeckten, inneren Kuppel der Frauenkirche mit ihrer ganz besonderen Akustik einer kleinen Gruppe von sehr interessierten Musikfreunden (mehr als 49 Besucher waren nicht zugelassen) vor. Allein mit seinem Instrument, der Guarneri del Gesù „Ex‑Lipinski“ von 1742, stellte er sich auf den leichten Nachhall dieses „magischen Ortes“ ein, der die Töne schweben lässt und die sehr anspruchsvollen mehrstimmige Stücke sehr unterschiedlicher Epochen für Violine solo in ungewöhnlicher Klangfülle und doch schöner Klarheit erleben ließ.

Hope begann mit barocken Klängen, mit der wohlklingenden „Suite Nr. 5 d‑Moll „Imitatione delle Campane“ von Paul Westhoff (1656-1705), gefolgt von der „Passacaglia g‑Moll für Violine solo (aus den “Rosenkranz-Sonaten“) des in Wien wirkenden Heinrich Ignaz Franz Biber und wandte sich dann der neueren Zeit zu, in der auch virtuose Bravourstücke für Violine solo komponiert wurden.

Zunächst erklang die sprödere, mit technischen Schwierigkeiten gespickte, „Cadenza“ von Krysztof Penderecki (1933-2020), sehr virtuos, sehr schnell, laut und effektvoll, und als Höhepunkt Auszüge aus den sehr anspruchsvollen „Caprice Variations“ von George Rochberg (1918-2005), bei denen vertraute Klänge des „Teufelsgeigers“ Nicolo Paganini in Rochbergs Lesart mit geigerischen „Hexenkünsten“ präsentiert wurden. Hope nahm den verdienten Beifall in Empfang, indem er  die Kuppel umrundete, um jeden Zuhörer „zu grüßen“ und verabschiedete sich mit Johannes Brahms´ volkstümlichem Ohrwurm „Guten Abend, gute Nacht …“

In diesem magischen Innenkuppel-Raum, der schon Richard Wagner zu dem aus der  Höhe der Kuppel vernehmbaren Gesang im „Parsifal“ inspiriert hatte, konnte man „so nah dem Himmel“, bekannte Musik ganz neu und unmittelbar und ganz nah am Solo-Künstler erleben, wenn man die über 500 Stufen und den Wendelgang mit einer Steigung von 14 %, der die äußere Kuppel im Innern zweieinhalbmal umrundet und auf dem während der Bauzeit im 18. Jahrhundert die Esel das Baumaterial nach oben trugen, geschafft hat (der Lift war zu der Zeit nicht mehr in Betrieb). Die nächste „Late Night II“ soll im Herbst folgen. Diese Kammerkonzerte, zu denen man mit Mühe und Anstrengung gelangt (wie durch die Reismauer ins Schlaraffenland), könnten schon wegen des ungewöhnlichen Ortes mit seiner besonderen Akustik ein Publikumsmagnet werden.

Ingrid Gerk

 

 

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