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DRESDEN/ Frauenkirche: AKZENT „OSTWÄRTS“: „MISSA MYSTICA“ MIT DEM MOSKAUR KATHEDRALCHOR

Dresden/Frauenkirche: AKZENT „OSTWÄRTS“: „MISSA MYSTICA“ MIT DEM MOSKAUR KATHEDRALCHOR – 11.5.2013

 Nach dem grandiosen Auftakt-Konzert der Reihe Akzent „ostwärts“ mit vorwiegend „weltlichen“ Kompositionen für den Konzertsaal, die die Warschauer Philharmoniker unter Antoni Wit und mit Ingolf Wunder am Klavier in eindrucksvoller Weise zu Gehör brachten, führte das 2. Konzert dieser Reihe weiter ostwärts in eine ganz andere Klang- und Geisteswelt.

 Der Moskauer Kathedralchores, einer der 7 Chöre der Moskauer Chorkunstakademie, dessen breitgefächertes Repertoire gleichermaßen geistliche und weltliche Musik russischer und europäischer Komponisten umfasst, darunter Uraufführungen und Aufführungen selten aufgeführter oder vergessener Werke, brachte dem Aufführungsort entsprechend, russisch-orthodoxe Kirchenmusik unter dem Titel „Missa Mystica“ zu Gehör. Der Begriff „Mystica“ deutet auf die russische Kirchenmusik mit ihrer tiefreligiösen Klangsinnlichkeit, die die gesamte Spannbreite menschlicher Stimmen umfasst, hin, vom Knabensopran bis zu dem extrem tiefen Bass eines Oktavisten, der eine Oktave unter dem normalen Bassregister singt, eine Stimmlage, die es weltweit nur sehr selten gibt. Der Begriff „Missa“ bezieht sich auf den liturgischen Charakter der Gesänge, ohne dem strengen Ablauf einer Messe zu folgen.

 Das Programm war so zusammengestellt, dass die große Spannbreite der russischen Kirchenmusik in ihrer historischen Entwicklung von der Einstimmigkeit zur Mehrstimmigkeit erlebbar wurde.

 Der 1. Teil des Konzertes wurde in der altrussischen Tradition nur von Männerstimmen getragen. Unter der Leitung von Viktor Popow begannen 18 Herren des Chores mit dem „Vaterunser“ in Griechisch, Russisch und Deutsch, um eine Brücke zwischen der östlichen und westlichen Kultur mit ihren unterschiedlichen Konfessionen und Glaubensrichtungen zu schlagen.

 Es folgten russisch-orthodoxe Gesänge im Ablauf des Kirchenjahres von Weihnachten bis Ostern, Christgeburt, Karwoche und Auferstehung. Es waren traditionell entstandene Gesänge, bei denen kein Verfasser bekannt ist, Gregorianik, Gesänge unbekannter Komponisten und Gesänge bekannter oder auch bei uns weniger bekannter Komponisten, wie D. Bortnjanski, A. Archangelski, A. Kastaljskij, V. Zinowjew, P. Tschesnokow, S. Rachmaninow und S. Prokowjew.

So folgen anschließend mehrstimmige Gesänge der russischorthodoxen Tradition – auch mit

Später ergänzten 14 Frauenstimmen den Chor als gemischten Chor, um die „Messe“ mit melodiösen, gläubig-besinnlichen Betrachtungen in „Totengesängen“ und „Kreuzverehrung“ inhaltlich zu vervollkommnen.

 Der Chor verfügt über ein breites Ausdrucksspektrum vom klangschönen, leise ausklingenden Pianissimo bis zum lautstarken, „spröden“ Forte. Die Stimmen werden oft instrumental geführt. Obwohl nur a capella gesungen wurde, vermisste man wegen der Klangfülle des Chores kein Orchester. Es gab kein Gleichmaß oder gar Eintönigkeit. Der Chor „ersetzte“ die Klangvielfalt der Instrumente durch eine sehr vielseitige Gestaltung der einzelnen Stimmgruppen. Mal sang nur der Männerchor, dann wieder nur der Frauenchor, und schließlich der gesamte gemischte Chor. Es gab mehrere Auftritte des beeindruckenden Oktavisten mit seiner erstaunlich tiefen Stimme, der besonders beim Wechselgesang mit dem Chor beeindruckte, und zahlreiche gute Soli, die aus dem Chor heraustraten. Bei der Alt-Solistin mischte sich die sehr sichere, ausgeglichene Stimme sehr gut mit dem Chor, desgleichen auch bei dem sehr guten Bass, dessen Stimme sich ebenfalls konform mit dem Chor verband, und es gab einen ausdrucksstarken Tenor-Solisten und eine sicher geführte Knabenstimme.

 Für die begeisterten Zuhörer gab es 2 Zugaben: ein mit viel Hingabe und „russischer Seele“ dargebotener volksliedhafter Gesang, bei dem die Stimmen der beiden Solisten und des Chores besonders schön zur Geltung kamen, und noch einmal ein längeres Bass-Solo des Oktavisten, ein Solo im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Chor setzte erst viel später ein.

 Es war ein Abend des gepflegten A-capella-Gesanges mit russischem Kolorit, bei dem weniger die Inbrunst des tief-andächtigen russischen Kirchengesanges gepflegt, sondern eine gewisse „Europäisierung“ spürbar wurde. Das gut gestaltete Programm war ein „Lehrpfad“ durch Tradition und Entwicklung der russischen Kirchenmusik und ihrer Vielgestaltigkeit.

 Ingrid Gerk

 

 

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