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DRESDEN: ARABELLA in neuer Besetzung

18.10.2015 | Oper

Dresden / Semperoper: RICHARD-STRAUSS-TAGE MIT „ARABELLA“ IN NEUER BESETZUNG   17.10. 2015  

Pressefoto_ARABELLA_Semperoper
Foto: Matthias Creutziger    

„Richard-Strauss-Tage“ in der Semperoper, obwohl kein Strauss-Jahr ist? – warum nicht! Richard Strauss war Dresden besonders eng verbunden, schon wegen der Uraufführung seiner instrumentalen Jugendwerke und erst recht wegen der Uraufführung von 9 seiner 15 Opern unter Ernst von Schuch, Fritz Busch und Karl Böhm, darunter u. a. auch „Arabella“ (UA 1.7.1933). Hauptanlass für die erneuten Strauss-Tage dürfte der 21. Oktober sein. Vor genau 100 Jahren wurde „Eine „Alpensinfonie“ von Richard Strauss in Dresden uraufgeführt, Anlass genug, um in diesem Umfeld auch „Arabella“ und „Elektra“ mit prominenter Besetzung zu spielen und diese „Richard-Strauss-Tage 2015“ (16. – 25.10.) mit einem Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle Dresden (21.10. – als Matinee) zu ergänzen.

Nach der grandiosen „Arabella“-Aufführung (7. u. 10.11.2014) unter Christian Thielemann mit Anja Harteros, Thomas Hampson, Hanna-Elisabeth Müller, Daniela Fally u. a. im Rahmen der „Richard-Strauss-Tage“ 2014 war nun Anne Schwanewilms eine hinreißend schöne Arabella, Tochter einer verarmten Grafenfamilie, ein wirklich jung wirkendes, unrealistisch verträumtes Mädchen mit viel Liebreiz – und auch etwas kapriziös und weltfremd, wie es die Rolle verlangt. Mit ihren langen blonden Locken und ihrem, in unaufdringlicher Eleganz gehaltenen, jungmädchenhaften, hellblauen Ballkleid, das jede ihrer Bewegungen, jede Regung ihrer Gestalt vorteilhaft und ausdrucksvoll zu unterstreichen schien, war sie schon optisch eine Arabella, wie man sich diese Operngestalt vorstellt. Wenn es auch am Beginn ihrer Arie „Aber der Richtige“ noch keine hundertprozentig „richtige“ Übereinstimmung mit dem Orchester gab – es war die erste Aufführung in dieser Besetzung, die zweite folgt am 24.10., bei der erfahrungsgemäß alles noch besser aufeinander eingespielt sein dürfte -, war sie der strahlende Mittelpunkt der Aufführung und vermittelte überaus glaubhaft, dass ihr (laut Handlung) alle Männerherzen zuflogen. Sie setzte in den einzelnen Szenen mit ihrer Stimme immer wieder die richtigen Akzente im Fokus des Geschehens.

Ob „aber der Richtige“ – wenn’s einen gibt für“ sie „auf dieser Welt“ Bo Skovhus als Mandryka war, kann man geteilter Meinung sein. Er wirkte sowohl gesanglich als auch darstellerisch mitunter leicht übertrieben und einstudiert, meist aber eher zurückhaltend, mitunter fast zaghaft. Zwar fühlt sich dieser Mandryka in der „Kaiserstadt“ Wien und auf dem glatten Parkett etwas unsicher, aber andererseits verfügt er über genügend bäuerliches Selbstbewusstsein, schließlich hat er es in seiner Heimat Slawonien mit einer Bärin aufgenommen. Er sang und „spielte“ sich nicht selten selbst in den Hintergrund. Da drängte sich doch immer wieder der Vergleich mit der Glanzleistung von Thomas Hampson vor einem Jahr am gleichen Ort in der gleichen Inszenierung auf.

Von Arabellas anderen Verehrern wirkte Martin Homrich in seiner Rolle als Graf Elemer am glaubhaftesten. Er spielte einen bestimmten Verehrertyp, der im Allgemeinen aufgrund seiner äußeren Erscheinung nicht unbedingt begehrt ist, der sich aber dennoch behauptet. Ergänzend wirkten Derek Welton als Graf Dominik und Clemens Unterreiner als junger Graf Lamoral mit.

Im Vergleich zu der überwältigenden Zdenka von Hanna-Elisabeth Müller (7.11.2014) konnte Genia Kühmeier durchaus bestehen. Sie war anders, aber auch ansehens- und vor allem hörenswert. Sie passte mit ihrer von Beginn an schönen, geschmeidigen Stimme und ihrer natürlichen, glaubhaften Darstellung als Zdenka/Zdenko gut zu „ihrer Schwester“ Arabella und ins Bühnengeschehen. Zum Glück hatte man auf ihre zum Happy end hin etwas peinliche Entkostümierung verzichtet. Sie wirkte auch ohne überraschende Regieeffekte glaubhaft und immer sehr sympathisch.

Benjamin Bernheim als ihr „kumpelhafter“ Freund, mit dem es dann doch noch ein zweites glückliches Paar gibt, verfügt über eine gute, klangvolle Stimme, die jedoch durch starkes Forcieren zu Beginn laut, etwas schrill und nicht unbedingt angenehm wirkte. Sein Spiel war agil, ihm fehlte nur die „stramme Haltung“ eines „Offiziers“.

Einfach köstlich war das dritte Paar, das verarmte gräfliche Elternpaar. Janina Bächle schien wie geschaffen für die Rolle der Adelaide Waldner. Sie war in jeder Hinsicht, äußerlich, gesanglich und darstellerisch, die ältere Dame von Adel, die es mit mütterlicher Sorge und Kontenance an der Seite ihres Glückspiel-wütigen Mannes nicht leicht hat und dennoch mit den bescheidenen Mitteln ihres noch bescheideneren Spielraumes alles ins Lot zu rücken sucht, immer besorgt, immer auf Etikette und Ansehen bedacht, um im Leben bzw. hier auf der Bühne ihre Rolle musterhaft zu spielen. Sie war „rundum“ eine Gäfin Waldner par excellence, die ihre Rolle verstand.

Ihr „Göttergatte“ Kurt Rydl spielte köstlich, war gut bei Stimme und zauberte einen ebenso exzellenten Graf Waldner auf die Bühne. Trotz zweier sehr unterschiedlicher Charaktere brachten Janina Bächle und er eine köstliche Charakterstudie voller typischer Verhaltensweisen, Witz und Ironie, gut aufeinander eingespielt und in gegenseitiger Ergänzung, auf die Bühne. Allein wie Rydl immer wieder hektisch und unfassbar das Geld zählte, das er von Mandryka erhalten hatte, um es wieder zu verspielen, war köstlich. Janina Bächle und Kurt Rydl hatten Profil und verkörperten in ihrer Gegensätzlichkeit zwei typische Charaktere, wo einfach alles stimmt – eine Kunst, die leider immer mehr verlorengeht.

Dann wäre da noch das Geschwister“paar“ Arabella und Zdenka, die beide mit schönen Stimmen, versiert und mit sehr guter, ansprechende Höhe, in gegenseitiger Harmonie und Abstimmung mit dem Orchester in ihren „Gesprächen“ und im Duett sehr eindrucksvoll sangen.

Für Daniella Fally sang Iride Martinez die Koloraturen der Fiakermilli ohne „mit der Wimper zu zucken“, flüssig, locker und nicht immer sehr schön, wie das eben bei einer Fiakermilli so sein kann, und man verstand kaum ein Wort.

Sehr dezent sang und bewegte sich entsprechend der Regie der Chor der Sächsischen Staatsoper beim Ball aus dem Hintergrund heraus, um die Handlung niveauvoll zu unterstützen, bis er sich mit den Worten „Jetzt passiert nichts mehr!“ nicht nur optisch, sondern auch stimmlich „diskret zurückzog“ (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen).

Als Stütze, Grundlage und berühmter Roter Faden „trug“ die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der sachkundigen Leitung von Christian Thielemann die Aufführung. Zugunsten des Gesanges nahm Thielemann das Orchester sehr zurück und reagierte auf die Sängerinnen und Sänger. Die Kapelle musizierte in ihrer gewohnten Klangschönheit, mit viel Feingefühl und farblicher Nuancierung. Im Zwischenspiel „drehte“ Thielemann dann „auf“ – ein starker Kontrast und sein Erfolgsprinzip, womit er einmal mehr nachdrücklich auf die Klangqualitäten und Ausdrucksmöglichkeiten der Kapelle und sich als hervorragenden Strauss-Interpreten aufmerksam machte. Er hatte immer die Oper in ihrer Komplexität im Blick und sorgte für schöne Geschlossenheit.

Die Inszenierung von Florentine Klepper – Bühnenbild: Martina Segna (vgl. „Arabella“ 7.11.2
014 – “Der neue Merker“ – online) bot mit ihren verschieblichen Wänden viel Abwechslung und optischen Blickfang. Es wurden immer wieder neue Räume für gesellschaftliche oder intimere Szenen und „Einblicke“ in Handlungs-Details gewährt. Die Regie ließ den Agierenden viel Handlungsspielraum und sorgte für „natürliches“ Verhalten der Protagonisten. Die relativ modernen Kostüme von Anna Sophie Tuma vermitteln nur teils – teils das „gewisse“ Flair, bestachen aber mit der Garderobe von Arabella und ihrer Mutter Adelaide. Bei den Texten hätte man selbst bei den gesprochenen Worten gern auch Übertitel gehabt.

Trotz mancher Einschränkung war es wieder einmal „Große Oper“ in der Semperoper.

 Ingrid Gerk

 

 

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