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DRESDEN/ Annenkirche: MUSIKBRÜCKE PRAG – DRESDEN – Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704

Dresden/Annenkirche: COLLEGIUM 1704 UND COLLEGIUM VOCALE 1704 16.02.2013

 Für Liebhaber Alter Musik sind die Konzerte der, 2005 von dem Cembalisten und Dirigenten Václav Luks gegründeten, Prager Barock-Ensembles Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704 schon lange kein Geheimtipp mehr. Die äußerst lebendige Musizierweise des mit Barockmusik sehr vertrauten  Kammerorchesters und des relativ kleinen, aber sehr leistungsfähigen Chores locken immer mehr Musikfreunde zu den Konzerten.

 Seit 2008 treten beide Ensembles im Rahmen der „Musikbrücke (Hudební most) Prag – Dresden“ regelmäßig in Dresden auf, um an die langen kulturellen Verbindungen beider Städte anzuknüpfen, die u. a. durch den böhmischen Cellisten und Komponisten Jan Dismas Zelenka (1675 -1745), der vor und während der Zeit, als J. A. Hasse Hofkapellmeister in Dresden war, am Dresdner Hof wirkte.

 Zelenka hatte sich zwar ebenfalls um die Stelle des Hofkapellmeisters beworben und schon den kranken Vorgänger vertreten, wurde aber nach dessen Tod lediglich zum Hofkomponisten und „Kirchen-Compositeur“ ernannt. Seine genialen Kompositionen wurden jeweils nur einmal in der Katholischen Hofkirche, für die auch
J. S. Bach seine h‑Moll‑Messe schrieb, aufgeführt und verschwanden schließlich im Archiv. In seiner Bedeutung ist dieser herausragende Komponist der Barockzeit noch immer verkannt. In den letzten Jahren wurden wahre Schätz an lebensvoller Musik mit ihrer opulenten, barocken Klangfülle, über die schon ein Hauch klassizistischer Sachlichkeit und Frische weht, gehoben und mit großem Beifall aufgeführt.

 In diesem Konzert standen nun zwei seiner Werke auf dem Programm und „umrahmten“ die Werke Johann Sebastian Bachs und seines Sohnes Wilhelm Friedemann. Zu Beginn brachte das Orchester die „Sinfonia aus dem Oratorio „I Penitenti al Sepolchro die Redentore (ZWV 63) und als „bekrönenden“ Abschluss, zusammen mit Chor und Solisten das „Miserere c‑Moll“ (ZWV 57) von Zelenka mit seiner sehr lebendigen, natürlichen, allen jetzigen Erkenntnissen der Aufführungspraxis Alter Musik entsprechenden, aber dennoch nicht „akademisierenden“ oder „antiquierenden“ Musizierweise zur Aufführung.

 Tschechische Musiker sind allgemein für ihre ursprüngliche Musikalität bekannt. Die Ensemblemitglieder der beiden kammermusikalischen Klangkörper „leben“ in der Musik, die sie interpretieren. Die Musik der Barockzeit ist ihnen sehr „gegenwärtig“.
In den beiden, zur Aufführung gelangten Kantaten von Johann Sebastian Bach und ganz besonders im „Adagio und Fuge d‑Moll“ von Wilhelm Friedemann Bach (F.65), bei dem besonders der schöne, ausgeglichene Streicherklang und die zwei solistischen Flöten bestachen, musizierten sie unter der sehr umsichtigen Leitung von Václav Luks mit solch hinreißender Lebendigkeit und Frische, dass man diese Musik ganz nah und unmittelbar empfand. Die langsamen Sätze wurden in ruhigem Zeitmaß und doch voller innerer Spannung vorgetragen und die schnellen Sätze in zügigem Tempo, aber nicht zu schnell, alles sehr ausgewogen, ausgeglichen, mit Gefühl und Verstand und in einer sehr einfühlsamen Balance.

 Die österreichische Sopranistin Nikola Proksch fügte sich als Solistin und einzige „Nicht-Tschechin“ gut in das Ensemble ein. Sie lieh ihre intonationsreine Stimme mit sicherem Stilempfinden den beiden Bachkantaten „Liebster Jesu, mein Verlangen“ (BWV 32) und „Nach dir, Herr, verlanget mich“ (BWV 150) sowie dem mit großem Engagement interpretierten „Miserere“ Zelenkas, bei dem allgemein eine leichte Dramatik sogar an die großen Oratorien Bachs erinnerte.

 Ihr Partner, Tomás Král, beeindruckte mit seinem sehr klaren, angenehmen Bass und kultivierter, niveauvoller Gestaltung. Beide Solisten schienen mit der barocken Aufführungspraxis bestens vertraut und vereinten ihre Stimmen im gut abgestimmten Duett.

 Schließlich bedankten sich Chor und Orchester mit einem Bach-Choral für den überaus enthusiastischen Applaus.

 Ingrid Gerk

 

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