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DORTMUND: UN BALLO IN MASCHERA

14.09.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Dortmund Opernhaus  Ein Maskenball (Un ballo in maschera) . Premiere am 13. September 2014

Guter  Gesang in geschichtsträchtiger Inszenierung   

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Foto: Thomas Jauk Stage Picture

Auch im Geburtstagsjahr 100 + 1 eröffnete die Oper Dortmund die Saison mit einem Werk von Giuseppe Verdi, seinem „Melodramma“ „ Ein Maskenball“ (Un ballo in maschera). Dessen Handlung ist im Vergleich zu anderen Opern Verdis konsequent und plausibel, wohl weil der Textdichter Antonio Somma sich auf ein Stück des theatererfahrenen Eugène Scribe bezog, was eigentlich die Inszenierung erleichtern sollte.

Die Aufführung in Dortmund erfolgte als Koproduktion mit dem Londoner Royal Opera House Covent Garden. Wohl deshalb stammte das Einheitsbühnenbild von Soutra Gilmour, einer englischen Bühnenbildnerin. Die Bühne war eingefaßt von einer schmutziggrauen  Säulengalerie unter einer nicht weiter benutzten Empore.Wohl bewußt stilwidrig leuchteten darüber Industriescheinwerfer. Der Friedhof im II. Akt wurde durch einige ebenfalls graue Grabsteine  angedeutet. Für die intimeren Szenen wie Hütte der Ulrica oder Renatos Wohnung wurden dann auf offener Bühne Zwischenwände hereingeschoben, bei letzterer ein Wohnzimmer in der Mitte flankiert von Kinderzimmer und Vorzimmer,  Unfreiwillig Komik kam zum Schluß, als die Ballszene durch herabgelassene chinesische Lampions beleuchtet wurde.

Leider fast schon selbstverständlich ließ Regisseurin Katharina Thoma die Handlung während des Vorspiels beginnen. Es zeigte den Friedhof  mit ebenso grauen Statuen darauf. Im II. Akt wurden diese als Gespenster lebendig, um Amelia Angst einzujagen und tanzten beim Ballfest eine Art Todestanz, ein passender Einfall. Gar nicht so passend inszenierte sie  den I. Akt trotz haßerfüllter Mordabsichten der Verschwörer als eine Art Operette  mit lustigen Papierhüten für den Chor, wohl nur, weil der übermütige Riccardo in seiner Kanzone die Stürme des Lebens und die Weissagungen Ulricas verlacht. Dazu wurde dann auch noch deren Tisch im 6/8 Takt-Rhythmus bewegt, auch einer der überflüssigen Gags wie auch das Apotheose-Finale dieses Aktes übertrieben  gespielt wurde – „God save the king“. Verdi muß man aber ernst nehmen, sonst wirkt er nicht. Von der sehr dramatischen Handlung des ersten Teils des III. Aktes lenkte z.B. auch ab, wenn Page Oscar wie eine Art Cherubino  die Kammerzofe von Amelia beglücken durfte, obwohl er eigentlich für seinen Herrn schwärmte. Zum Schluß wurde der sterbende Riccardo von kräftigen Statisten auf den Grabstein des früheren Friedhofs gehoben, Oscar zog mit Stahlhelm und Gewehr ausgestattet  in den I. Weltkrieg  und dazu passend hielten alle Chormitglieder Kreuze bestimmt für Soldatenfriedhöfe in die Höhe  – die ganze Geschichte Europas seit dem 18. Jahrhundert bis zum ersten Weltkrieg sollte in dieser Aufführung gezeigt werden. Diesen Anspruch erhoben auch die Kostüme von Irina Bartels.  Perückentragendes 18. Jahrhundert war ebenso anzutreffen, etwa bei Oscar und den Bühnenmusikern, wie Uniformen des 19. und Anzüge, Hüte und Mäntel für das neblige London des frühen 20. Jahrhunderts – passend zum britischen Geschmack. Sarajewo vorwegnehmend traten die Verschwörer serbisch gekleidet auf. Schön anzusehen war das Ballkleid der Amelia.

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Foto: Thomas Jauk Stage Picture

In dieser Rolle glänzte  Susanne Braunsteffer wie schon als Troubadour-Leonore.  Wie sie z.B. in der Friedhofsszene vom verhaltenen p ihrer sonoren Mittellage  crescendo steigend legato zu leuchtenden Spitzentönen fand, machte  diese Szene zu einem musikalischen  Höhepunkt des Abends. Grosse p-Stimmkultur zeigte sie auch in ihrer Arie als bittende Mutter im III. Akt, beide Male erhielt sie Zwischenapplaus. Ergreifendes p gelang auch Stefano La Colla als Riccardo,  so in der Romanze des letzten Akts, wo Verdi nach einem sf ein decrescendo nach molto p und „dolcissimo“ mit folgender grosser Kantilene „Con slancio“ (mit Begeisterung) vorschreibt. Dieser Abschied von der Geliebten erhielt Zwischenapplaus. Seine Spitzentöne gelangen durchdringend..So wurden auch die Duette der beiden zu Höhepunkten. Sehr kultiviert besonders im legato und immer kontrolliert in den Wutausbrüchen sang Sangmin Lee den Renato, in dem abrupten Wechsel von bedingungsloser Freundschaft zu ebensolcher Todfeindschaft zu Riccardo der interessanteste Charakter der Oper.  Auch er erhielt verdienten Zwischenapplaus. Etwas mehr Verdisches „Brio“folgt sicher in den nächsten Aufführungen. Letzteres fehlte auch ein wenig  Tamara Weimerich in den bis in höchste Höhen glitzernden Koloraturen und den Trillern der Partie des Pagen Oscar.  Anja Jung brachte für die  Kantilenen der Wahrsagerin Ulrica die tiefgrundige  Altstimme auf die Bühne, beispielhaft etwa gegen Ende der Beschwörungsszene beim Übergang  vom hohen ff-g zum ganz tiefen pp-c. Dabei wurde hinter einer Glaswand der Teufel  sichtbar – auch so ein eher komischer Gag im I. Akt. Die immer im Doppelpack auftretenden Verschwörer Samuel und Tom (Morgan Moody und Claudius Muth) sangen ihre  Basspartien sehr genau, besonders im Lach-Staccato des II. Aktes, wo  sie sich über  Renato lustig machen, der unwissend seine eigene verschleierte Frau beschützt. Für die kleine Partie des Matrosen Silvano war Gerardo Garciacano schon eine Luxusbesetzung.

Bewundernswert hatte Granville Walker wieder Chor und Extrachor einstudiert, im I. Akt auch getrennt als Frauen- und Männerchor,  letzterer dann sehr exakt im Staccato des II. Aktes,  alle zusammen als voller Chor  gewaltig aufdrehend in den Finali.

Für die Musik wählte GMD Gabriel Feltz oft zügige Tempi. Feines lautmalerischens Orchester-p hörte man  in den Einleitungen der Beschwörungsszene der Ulrica oder der Friedhofsszene. Selbst wenn sie nicht übertrieben werden sollte, fehlte doch etwas Verdi – Attacke. Auch mit  Rücksicht auf die  Premierenstimmung liess etwas zu häufig der Kontakt zwischen Orchester und Bühne zu wünschen übrig.  Soli einzelner Instrumente zeigten das Können ihrer Spieler, so z.B. Flöte und Holzbläser in der Einleitung von Amelias Arie im II. Akt, das Cello bei gleicher Gelegenheit im III. Akt oder das auf der Bühne platzierte Streichquintett im letzten Akt.

Das Publikum im fast ausverkauften Haus kam mit Zwischenapplaus nur langsam in Fahrt, geizte aber zum Schluß nicht mit Bravos und Beifall, auch stehend, für Sänger und Orchester, wohingegen das Regieteam  Buh-Rufe entgegennehmen mußte. Da kann man gespannt sein, wie denn die englische Kritik die Inszenierung beurteilen wird.

Sigi Brockmann  15. September 2014

 

 

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