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DORTMUND/ Konzerthaus: LA TRAVIATA – konzertant

Solistenensemble, MusicAeterna Orchester und Chor Leitung T. Currentzis

19.10.2018 | Oper


Foto: Pascal Amos Rest

Dortmund Konzerthaus  18. Oktober 2018 Verdi „La traviata“ konzertant

 Solistenensemble, MusicAeterna Orchester und Chor Leitung T. Currentzis

 In Köln vor etwa einer Woche ließ er sich noch aus „persönlichen Gründen“ entschuldigen. Diese lagen offenbar jetzt  nicht mehr vor. So leitete Teodor Currentzis  selbst die  von ihm wie üblich von der Oper im russischen Perm  mitgebrachten  Solisten, das MusicAeterna Orchester und den dazu gehörigen MusicAeternaChor. Nach „La Bohème“ vor etwa einem Jahr wurde konzertant jetzt wieder eine Oper über Leben und Tod einer in Paris lebenden jungen an Schwindsucht leidenden Dame aufgeführt, dieses Mal „La traviata“ von Giuseppe Verdi auf einen Text von Francesco Maria Piave. Wie von seinen früheren Operndirigaten bekannt akzentuierte Currentzis in seiner schlaksigen aber  einfühlsamen  Art des Dirigierens abwechslungsreich  Fermaten, Ritardandi und Generalpausen. Extrem kostete er auch wieder Gegensätze in Tempo und Lautstärke  aus.

Letztere wurde ermöglicht durch das sehr gross besetzte MusicAeterna Orchester  mit z.B.  16 ersten Geigen 10 Celli und sechs Kontrabässen  –  Streicher der Geigen und Bratschen spielten stehend. Unter den Blasinstrumenten fiel besonders auf das Cimbasso, eine Art Ventilposaune, die von Verdi der Baßtuba vorgezogen wurde. So ließ er es besonders in den grossen Ensemblestellen mit Chor auch dank der akzentuiert rhythmisch klingenden  Schlaginstrumente richtig krachen – ganz kleine Ungenauigkeiten störten da nicht. 

Walzermusik im ersten Akt und Karnevalschor im dritten – letzterer  nicht ganz exakt – erklangen von ausserhalb des Saals.

Ansonsten wurde im  Gegensatz zu „La Bohème“ vor einem Jahr auf jegliche szenische Andeutung verzichtet. Immerhin durfte Alfredo im dritten Akt Violetta etwas umarmen.

Passend zu Verdis Absichten verliehen nicht die grossen Szenen der Aufführung besonderen Rang, sondern die leisen Töne. Dies zeigte gleich das Vorspiel zum ersten Akt mit den fast aus dem Nichts beginnenden geteilten Geigen und den dann hervorgehobenen Nebenstimmen  von Bratschen und Celli. Noch mehr gedehnt  erschien das Vorspiel des dritten Aktes schliessend mit dem langen verklingenden  Streichertremolo „ppp-morendo“ wie Verdi vorschreibt.


Foto: Pascal Amos Rest

Aber nicht nur das Orchester ließ ergreifende p-Kultur hören, sondern – viel wichtiger – auch die Gesangssolisten. Dies galt  nach der gelungenen Musetta (La Bohème) im letzten Jahr vor allem für Nadezhda Pavlova jetzt in der Titelpartie der Violetta.  In ihrer grossen Arie im ersten Akt sang sie ganz zurückgenommen von ihrer  Einsamkeit (Ah me fanciulla“  )gab dann beim „Sempre libera“  mit Trillern und perlenden Koloraturen bis hin zum abschliessenden über das grosse Orchester strahlenden Spitzenton ihrem verzweifelten Wunsch nach Ablenkung durch dauerndes Vergnügen Ausdruck.  Höhepunkt war dann im zweiten Akt ihr ganz „cantabile“ verhalten gesungenes „Dite alle giovine“, in dem sie auf Alfredo´s Liebe verzichtet, um seiner Schwester ihr eigenes Schicksal zu ersparen. Ebenso ergreifend gelang im dritten Akt ihr Abschied von Schmuck und ihrem Leben „Addio del passato“ mit den ausdrucksvollen Trillern auf „tutto fini“ endend mit dem ganz zurückgenommenen Spitzenton – ein Ton dünn wie ein Faden eben (un fil de voce) aber das erschütternd im ganzen Konzerthaus zu hören. Für diese „Traviata“ lohnte schon der Besuch der Aufführung!

Als ihr geliebter Alfredo verfügte mit hell timbriertem Tenor auch Airam Hernández  beim Trinklied im ersten Akt „Libiamo“ jeweils im zweiten Vers über pp-Töne. Dies  gelang auch bei der grossen Arie im zweiten Akt der Wechsel vom hohen ff-Ton zum ppp bei „io vivo casi in ciel“ (Ich lebte fast im Himmel)“ Allerdings vermißte man bei ihm etwas den Ausdruck jugendlicher Leidenschaft, den  man für diese Partie erwarten kann.

Als Don Giovanni noch in bester Erinnerung sang Dimitris Tiliakos jetzt den Vater Germont. Stimmlich machte er deutlich zunächst herrische Überheblichkeit gegenüber der vermeintlichen Sünderin, um dann ganz kantabel und warmherzig Violetta um den Verzicht auf Alfred zu beschwören. Auch die einzelnen getrennten Töne bei „Un di“ (eines Tages) gelangen eindrucksvoll. Sein Duett mit Violetta zu Ende des zweiten Aktes war ein weiterer Höhepunkt des Abends.

Neben den beiden Damen Natalia Liaskova als Flora und besonders Elena Iurchenko als treue und einfühlsame Vertraute Violettas wurden die Partien der adeligen Herren passend gesungen – das galt auch für Vladimir Taisaev als mitleidigem Doktor Grenvil.


Foto: Pascal Amos Rest

Der sehr grosse MusicAeterna Chor war im ersten und zweiten Akt auf der Bühne hinter dem Orchester aufgestellt. Schwungvoll sang er  im ersten Akt den Walzer und mit rhythmischem Stakkato besang er dann das Ende des Ballabends.  Das grosse Finale des zweiten Aktes mit Solisten und Chor führte Currentzis dauernd das Tempo steigernd zu einer gewaltigen Stretta – „velocissime“ wie Verdi schreibt-.

Die Qualität des Orchesters zeigte sich auch und vor allem in den Soli einzelner Instrumente. Als Beispiele seien genannt Flöte, Oboe und Klarinette bei Violettas grosser Arie im ersten Akt, die Klarinette, als Violetta im zweiten Akt den verhängnisvollen Brief an Alfredo schreibt oder die Oboe bei Violettas „Addio del passato“ oder natürlich die Solo-Violine mit dem Zitat des „Liebesmotivs“ im dritten Akt. Etwas leiser hätte man sich vom Orchester die Trauermarsch-artige Begleitung des letzten Duetts von Violetta und Alfredo durch Bläser und Schlagzeug gewünscht – ppp schreibt Verdi vor.

Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus konnte sich erstaunlicherweise trotz der nicht übermässig langen drei Akte in zwei Pausen erholen. Es  folgte der Aufführung aufmerksam ohne Störung durch Husten o.ä. Auf den wiederum recht knalligen Schlußakkord folgte nach einer verständlichen Besinnungspause lang anhaltender Beifall stehend mit Bravos vor allem für die Darsteller von Violetta und Vater Germont, noch mehr für den Dirigenten, wegen dessen Starkult ja viele die Aufführung besucht hatten.

Sigi Brockmann 19. Oktober 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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