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DORTMUND/ Klangvokal Musikfestival: ERNANI – konzertant

08.06.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Dortmund Klangvokal-Musikfestival/ Konzerthaus:  ERNANI – konzertant am 8. Juni 2013


Foto cBülent Kirschbaum

 Als Überbleibsel des Kulturhauptstadtjahrs veranstaltet seit 2010 die Stadt Dortmund jährlich im Frühsommer ein sogenanntes „Klangvokal-Musikfestival“ Es wird Vokalmusik aus den verschiedensten Bereichen zwischen Freiluft-Operngala im Westfalenpark (in diesem Jahr mit Josef Calleja wetterbedingt im Konzerthaus) über Oratorien, Laienchor-Auftritten bis hin zu Jazz und Pop aufgeführt, auch immer eine konzertante Opernaufführung mit dem WDR-Rundfunkorchester und -chor unter der Leitung von Carlo Montanaro, in diesem Jahr das 1844 in Venedig uraufgeführte „Dramma lirico“ „Ernani“ von Giuseppe Verdi, wie „Rigoletto“ komponiert auf einen Text von Francesco Maria Piave nach einem Bühnenstück von Victor Hugo.

Gleich drei Herren möchten die weibliche Hauptperson Elvira (Katia Pellegrino, Sopran) ehelichen: der wegen eines Streits mit König Don Carlos (Sebastian Catana, Bariton) als Bandit in den Bergen lebende Ernani, als Tenor natürlich der eigentliche Geliebte (Roberto Aronica), der König selbst und – erheblich älter – Don Ruy Gómez de Silva (Bálint Szabó, Bass), der den Vorteil genießt, auch Vormund und Onkel der Elvira zu sein. Alle drei Verehrer treffen sich in jedem Akt bei Elvira, kommen aber nicht dazu, sich gegenseitig umzubringen. Als aus König Don Carlos Kaiser Karl V wird, verzeiht er auf Bitten Elviras den versammelten Aufrührern, darunter Ernani und Silva, stimmt Elviras Hochzeit mit Ernani zu und scheidet somit als Ehemann Elviras aus.. Die anderen beiden haben statt eines Duells unter Rivalen wegen zunächst gemeinsamer Rache an Carlos vereinbart, daß Ernani sich umbringt, wenn Silva in ein ihm von Ernani übergebenes Horn bläst. Dies tut er während Ernanis und Elviras Hochzeitsfeier, sodaß Ernani als Mann von Ehre seinem Versprechen folgend sich ersticht. Elvira sinkt bewußtlos an seiner Leiche zusammen, was dann aus ihr wird, erzählt die Oper nicht, Silva ist wohl nicht mehr als Ehemann so sehr passend!

Ähnlich wie im „Troubadour“ sind die vier jeweils eine Episode darstellenden Akte mit Überschriften versehen: „Der Bandit“ (Ernani), „Der Gastfreund“(Silva gewährt dem vorher verkleideten Ernani auch dann noch Gastrecht, als dieser verfolgt wird), „Die Gnade“ (als Kaiser Karl V. begnadigt Carlos die Rebellen) und „Die Maske“ (Silva erscheint maskiert zu Ernanis Hochzeit, um Tod verkündigend ins Horn zu blasen) . Interessant ist, daß dieser Hornruf bereits den Beginn der Ouvertüre bildet und zum Schluß immer deutlicher mehrfach ertönt – eine solche Verzahnung eines musikalischen Motivs mit der entscheidenden Szene der Handlung ist bei Verdi selten.

Die Titelpartie hatte ganz kurzfristig Roberto Aronica übernommen, der den Ernani bereits im Theater von Bologna interpretiert hat. Schwierig beginnt die Partie dadurch, daß sofort im I. Akt nach Vorspiel und kurzem Chor das grosse Solo – Rezitiativ und Kavatine „Habt Dank liebe Freunde“ – folgt, der Sänger muß sich, wie Domingo schreibt, ausgiebig vor der Aufführung einsingen. Das hatte er wohl getan, denn mit hellem und kräftigem Tenor überzeugte er im langsamen Teil dieses Sehnsuchtsliedes nach Elvira und schmetterte siegesgewiß die folgende „Cabaletta“ deutlich gegen Orchester und Chor sich behauptend, wobei die Spitzentöne etwas forciert klangen, was bei der guten Akustik des Konzerthauses unnötig war. In den Ensembles im weiteren Verlauf der Oper versuchte er, die anderen Solisten nicht zu übertönen, die wenigen p-Stellen seiner Partie, etwa im II. Akt beim Duett mit Elvira, lagen ihm weniger gut in der Stimme.

Hauptperson des Stücks ist die begehrte Elvira, die Katia Pellegrino nahezu perfekt sang. Den grossen Tonumfang ihres Auftrittsliedes vom hohen bis tiefem c, -. auch gleich im ersten Akt – der Szene und Kavatine „Die Nacht ist gekommen“, bewältigte sie ohne hörbaren Registerwechsel, der Wechsel zwischen dramatischerem Gesang und und leicht und locker (legerissimo) zu singenden Koloraturen und Trillern machte ihr keine Schwierigkeiten. Auch im p blieb ihre Stimme gut hörbar.

Für die Rolle des Don Carlos, später Kaiser Karl V., hatte Sebastian Catana sich erkältet ansagen lassen. Im Duett im I. Akt, in dem er Elvira seine Liebe gesteht, schonte er seine Stimme noch, um dann im II. Akt mächtig seiner Wut über den versteckten Ernani Ausdruck zu verleihen. Vollends gelungen gestaltete er im dritten Akt seine grosse Szene am Grabe Karls des Grossen unter dem Dom zu Aachen, die überhaupt der großartigste Teil der Oper ist. Das kurze Vorspiel mit dem Solo der Baßklarinette und den tiefen Bläsern klang als Einleitung düster genug, um dann Carlos Gelegenheit zu geben, in der Kavatine „Grosser Gott“ über Ohnmacht und Streben nach Macht in p- Kantilenen nachzusinnen, begleitet vom Solo-Cello – schon ganz ähnlich Philipps grosser Arie aus „Don Carlos“. Zarte Töne fand er auch für die Verzeihung der Verschwörer, von der Solo-Harfe begleitet. Hier war von Erkältung nichts mehr zu spüren!

Den alten Bösewicht Silva sang Bálint Szabó mit edel klingender sehr schön legato geführter Baßstimme. Er überzeugte besonders als stolzer alter Grande, der die junge Elvira liebt – sein „Ich liebe sie (Io l’amo) – für einen elenden Alten ist sie der einzige Trost auf Erden“ ging zu Herzen, seine spätere Grausamkeit wird dadurch ein wenig verständlich. Um dieser besonders im letzten Akt Ausdruck zu verleihen, hätte man sich allerdings etwas mehr Schärfe und Stimmgewalt, besser noch ein leiseres Orchester gewünscht.

Die „Comprimarii“ waren mit Maria Zedelius (Sopran) als Elviras Vertraute, Dirk Schmitz (Tenor) als Schildknappe des Königs und Thilo Dahlmann (Baß)in gleicher Funktion bei Silva fast Luxusbesetzung.

Für die Chorszenen hatte David Marlow den WDR-Rundfunkchor trefflich einstudiert. Die Herren sangen ihr Trinklieder, Kriegs- , Verschwörungs- und Rachegesänge auch bei schnellen Tempi ebenso rhythmisch und melodiös genau wie die Damen die Hochzeitsgesänge und wie beide zusammen mächtig etwa die Milde Kaiser Karls lobten.

Carlo Montanaro feuerte Chor und Orchester mit zügigen Tempi zu Verdischem Brio an, ließ es richtig krachen, manchmal zu Lasten der Solisten und Ensembles..

Sehr passend war im Programmheft der Text auf italienisch und Deutsch enthalten, unpassend wurde der Raum soweit abgedunkelt, daß man kaum lesen konnte. Das Publikum im ausverkauften Haus verstand wohl trotzdem genug, denn es spendete reichlich Beifall und Bravorufe für die Solisten, je lauter vorher gesungen desto mehr, für Chor, Orchester und Dirigenten.

Der WDR wird die Aufführung übertragen, wann, weiß man noch nicht!

 Sigi Brockmann

 PS: Bei YouTube gibt es drei Gesamtaufnahmen des „Ernani“ (Met, Madrid, Zürich) Da ist verständlich, wenn Künstler (wie jüngst ein Pianist) sich gegen solche Aufnahmen wehren

 

 

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