Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DORTMUND: BEATRICE CENCI von Bertold Goldschmidt

29.06.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Opernrarität in Dortmund: „Beatrice Cenci“ von Berthold Goldschmidt (Vorstellung: 29. 6. 2012)


Christiane Kohl  als Beatrice Cenci mit ihrem grausamen Vater, der von Andreas Macco dargestellt wurde (Foto: Menne)

Im Opernhaus Dortmund wurde mit der Aufführung der Oper „Beatrice Cenci“ von Berthold Goldschmidt eines deutschen Komponisten gedacht, dessen Musik in der Nazi-Ära verboten war und der erst im Jahr 1994 bei den Berliner Festwochen wiederentdeckt wurde und dem damals 91-Jährigen ein Comeback bescherte. 1903 in Hamburg geboren, wo er auch studierte, ging er mit 19 Jahren nach Berlin und wurde Erich Kleibers Assistent an der Oper Unter den Linden, wo er bei den Vorbereitungen zur Uraufführung von Alban Bergs Wozzeck als Korrepetitor eingebunden war. 1935 musste er nach England emigrieren, wo er als Dirigent sich vor allem Gustav Mahlers Werke widmete und bei der BBC arbeitete. In London erlebte er 1988 die konzertante Uraufführung seiner 1950 entstandenen Oper Beatrice Cenci, die erst 1994 in Magdeburg erstmals szenisch aufgeführt wurde. Im selben Jahr kam es an der Komischen Oper Berlin zur Wiederaufnahme seiner Oper Der gewaltige Hahnrei, die 1932 in Mannheim uraufgeführt worden war. Im Jahr 1996 starb der Komponist in London.

Der Inhalt der Oper Beatrice Cenci, deren Libretto Martin Esslin nach einem Theaterstück von Percy Shelley verfasste und die der Komponist 1950 unter dem Eindruck der gerade überwundenen Willkürherrschaft in Deutschland als Beispiel für Mut und Widerstand schrieb, in Kurzfassung: In Rom der Spätrenaissance herrschen der Papst und seine Kardinäle unbeschränkt, alles ist ihrer Willkür ausgeliefert. Recht ist käuflich, Macht also nur eine Frage der Finanzen. In solchem Sumpf kann ein Verbrecher wie Graf Francesco Cenci sein grausames, gieriges und gewalttätiges Treiben ausleben. Von krankhaftem Ehrgeiz getrieben, tötet er jeden, der ihm im Weg steht und wenn es die eigenen Söhne sind. Seine Tochter Beatrice und seine zweite Frau Lucrezia leben im Palazzo Cenci wie in der Hölle, wagen es aber lange Zeit nicht, sich aufzulehnen. Erst als der Graf das letzte Tabu bricht und seine Tochter vergewaltigt, wird ein Mordkomplott geschmiedet und Graf Cenci getötet. Als man die gedungenen Mörder entdeckt, werden Lucrezia und Beatrice Cenci zum Tod auf dem Schafott verurteilt. Trotz der Gnadengesuche beim Papst müssen sie sterben. Während sie enthauptet werden, singt ihnen das Volk von Rom ein Requiem.

Regisseur Johannes Schmid, der für die erkrankte Regula Gerber einsprang, bezeichnete das Werk als „düsteren Krimi“ und inszenierte das schaurige Drama der Renaissance um die mit 22 Jahren hingerichtete Beatrice Cenci auch als packenden Krimi, zu dem die historischen Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer, die den muffigen Staub der damaligen Zeit zu atmen schienen, und das düster gehaltene Bühnenbild von Roland Aeschlimann – besonders in der Kerkerszene – prächtig passten. Kreativ auch die Lichtgestaltung, für die Stefan Schmidt verantwortlich zeichnete.

In der Titelrolle bot die Sopranistin Christiane Kohl als geknechtete und missbrauchte Tochter sowohl stimmlich wie darstellerisch eine ergreifende Leistung. Berührend ihre verzweifelten Versuche in der Kerkerszene, alle Schuld am Tod ihres Vaters von sich zu weisen. Als ihre Stiefmutter unter der Folter geständig ist, findet sie sich mit ihrem Schicksal ab und schreitet erhobenen Hauptes zur Richtstätte. Ihr ebenbürtig die Mezzosopranistin Katharina Preetz als Lucrezia Borgia, die mit tief gefärbter Stimme ihre Gefühle ebenso ausdrucksstark vermittelte. Erschütternd auch die Mezzosopranistin Ileana Mateescu in der Hosenrolle als Beatrices Bruder Bernardo, der sich liebevoll um seine Schwester annimmt, mit seinem Gnadengesuch beim Papst jedoch scheitert.

Sehr eindrucksvoll agierte der aus Klagenfurt gebürtige Bass Christian Sist als Kardinal Camillo, der mit sonorer Stimme und enormer Bühnenpräsenz seine Rolle als mächtiger Mann der Kirche ausfüllte. Die zwielichtige Figur des Prälaten Orsino, in den Beatrice verliebt ist und der ihr vorgaukelt, er werde sich vom Priesteramt dispensieren lassen, spielte der Tenor Christoph Strehl ein wenig zu blass. Nicht sehr überzeugend der Bass Andreas Macco als Bösewicht Graf Francesco Cenci. Allerdings schien seine Rolle vom Libretto und von der Regie vernachlässigt. Vielleicht wäre eine bessere Personenführung vonnöten gewesen. Als Richter der Inquisition agierte der Tenor Hannes Brock rollengerecht zynisch und grausam. Die beiden gedungenen Mörder wurden von den Bassisten Karl Heinz Lehner und Wen Wei Zhang gegeben, wobei ersterer eine gelungene Charakterstudie ablieferte.

Für die hohe musikalische Qualität der Aufführung sorgten auch die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster, die viele Feinheiten der farbenreichen Partitur, die impressionistische wie auch expressive Klänge aufwies, herauskristallisierten. Interessant in diesem Zusammenhang ein Zitat aus einem Artikel des Komponisten Berthold Goldschmidt aus dem Jahr 1994, der als Vorwort im Programmheft abgedruckt ist: Ich war einmal radikal, ich gehörte zur „Vorhut“. Nun werde ich als „Nachhut“ angesehen – aber es gibt kein Vor ohne ein Zurück, und ich glaube, die Leute fangen endlich an, das zu begreifen.

Das von der Aufführung begeisterte Publikum belohnte alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Beifall, unter den sich immer wieder viele verdiente Bravorufe für die beiden Hauptdarstellerinnen und Bravi für das Orchester und den Dirigenten mischten. Leider waren in dem stattlichen Opernhaus bloß etwa einhundert Besucherinnen und Besucher. Umso mehr muss der Intendanz von Dortmund für die Aufführung dieser Opernrarität gedankt werden!

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

 

Diese Seite drucken