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DORTMUND: BEATRICE CENCI – Premiere

27.05.2012 | KRITIKEN, Oper

ich wußte nicht was Wahnsinn ist, bis jetzt“ – Berthold Goldschmidt: Beatrice Cenci – Theater Dortmund, Premiere: 26. Mai 2012

Was für ein Plot: Orgien, Blasphemie, Inzest, Kinds- und Vatermord, Folter und öffentliche Hinrichtung unter zynischer Billigung des korrupten Klerus. Was hätte ein veristischer Komponist, was hätte der Lehrmeister Berthold Goldschmidts – Franz Schreker – aus dieser Vorgabe – einer der dunkelsten Kapitel der italienischen Renaissance, um den tyrannischen Grafen Cenci – gemacht? Goldschmidt legt sich in seiner zweiten, in London (1949/50) entstandenen, dort hochprämierten, aber nie aufgeführten Oper, ein holdes Bescheiden auf, verbietet sich jede plakative Vordergründigkeit und expressiven Realismus. Das geht so weit, daß er bei der Doppelhinrichtung von Lucrezia und Beatrice, die auf Sentenz des unerbittlichen Papstes öffentlich geköpft werden, sich auf einen orchestralen Tuttischlag nebst Aufschrei der Masse beschränkt; finanzbuchhalterische Aufzählung von Leichen überläßt er seinem Kollegen Francis Poulenc. Goldschmidt (1903-1996) war eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Musiklebens der Weimarer Republik ging 1935 ins englische Exil und durfte in den neunziger Jahren des XX. Jahrhunderts noch eine kleine Renaissance seiner Person und seines Oeuvres erleben. In diesem späten kleinen Siegeszug kommt es auch zu den Uraufführungern der „Beatrice Cenci“: 1994 erfolgen kurz hintereinander die konzertante UA unter Lothar Zagrosek, die auch auf CD festgehalten wurde und die szenische UA in Magdeburg, danach wurde es bis gestern wieder still um dieses Werk. Es ist der Dortmunder Oper unter Jens Daniel Herzog hoch anzurechnen, diesem Werk noch einmal eine Chance zu geben, angesichts der peinlichen Platzauslastung am Premierenabend, kommt dieses Unterfangen aber einer wahren Sysyphus-Arbeit gleich. Dabei ist diese Oper durchaus „hörbar“, kränkelt aber am recht schwachen Libretto von Martin Esslin, das auf das Drama „The Cenci“ von Shelley fußt. Die Oper enthält dankbare Rollen im schon „klassischen“ Schema: dramatischer Sopran (Beatrice), Tenor als Liebhaber (Orsino), der Vater – Bariton, lyrisch-dramatischer Alt (Lucrezia), Mezzo als Hosenrolle (Bernardo) und der Kardinal in Baßgestalt (Camillo, ein Nachkriegsverwandter Kardinal Brognis) und bietet dank dieser Konstellation Raum für Arien, Ensembles und gewaltige Chorszenen. Natürlich ist das 1949/50 mehr als anachronistisch, doch ist das wirklich ein Hinderungsgrund? Ein weitaus anachronistischeres Werk feiert 1951 an der Scala den Anbeginn seines Siegeszugs über die Weltbühnen: Stravinsky’s „The Rake’s Progress“.  Vielleicht ist Godschmidt in seiner Komponierweise zu ruhig, wie schon erwähnt versagt er sich dem plakativ Vordergründigen, sein Werk atmet Stille, wenn auch eine brodelnde, angespannte. Die filigrane Instrumentationstechnik steht der seines Lehrmeisters in nichts nach und mit dem Gefängnisbild gelangt ihm eine Szene, die in ihrer tragischen Schlichtheit zutiefst zu berühren vermag.

Jac van Steen zeichnet das als umsichtiger Sachwalter mit seinen ihm in Präzision und Noblesse folgenden Dortmunder Philharmonikern liebevoll nach, betont die impressionistischen Qualitäten der feingesponnenen Partitur, wozu auch der präzis einstudierte Opernchor des Theaters Dortmund unter der Leitung Granville Wlkers einen nicht unerheblichen Beitrag beisteuerte. Mit Christiane Kohl hat die Dortmunder Oper eine Idealbesetzung der Märtyrerin „Beatrice“ im Ensemble. Stolz, gradlinig bis zum Tod wächst Christiane Kohl zur großen Tragödin. Ihr makellos sitzender Sopran mit leicht metallischer Leuchtkraft in den Spitzentönen gepaart mit edeltimprierten runden Tönen in der Tiefe, lassen sie sowohl die dramatischen Stellen als auch die lyrischen, vor allem das elegische Schlaflied in der Kerkerszene, ergreifend gelingen. Ihre Partnerinnen stehen ihr da glänzend zur Seite: Der edle Alt von Katharina Peetz als gütige Lucrezia und der noble Mezzo Ileana Mateescus in der Hosenrolle von Beatricens Bruder Bernardo  ergänzten sich zu einem belcantistischen Trio der Spitzenklasse. Als zwielichtiger Kardinal Camillo, dem scheinbaren Vertrauten, fand Christian Sist nach dem Propheten Elias nun eine weitere Glanzrolle als korrupter Vertreter des Klerus. Ebenso Hannes Brock, der als Inquisitionsrichter eine perfid zynische Studie eines verbohrten Fanatikers mit vitriolgeschwängertem Tenor bot. Eine kurze erschütternde Charakterstudie bot Karl Heinz Lehner als gedungener Mörder Marzio. Es bleibt zu hoffen, daß sich der Bassist allmählich sein großes Repertoire zurückerobert. Blaß hingegen Christoph Strehl als feiger Orsini und Andreas Macco als zu einseitig finsterer Graf Cenci, was zum einen an der recht schwach aussgearbeiteten Figur von seiten des Librettos, als auch auf die zu einförmige Personenregie zurückzuführen war.

Doch stand die Regie sowieso unter einem schlechten Stern, da die ursprünglich vorgesehene Regie führende Intendantin des Mannheimer Nationaltheaters Regula Gerber gesundheitsbedingt sich aller Aufgaben entbinden mußte. Es war nun an Johannes Schmid diese Aufgabe zu bewältigen. Wie weit er ein bereits feststehendes Konzept übernehmen mußte, entzieht sich des Chronisten Kenntnis. Das Bühnenbild Roland Aeschlimanns wird sich aber seit den Bauproben kaum geändert haben und da lag die Krux der Aufführung. Ein in solcher Belanglosigkeit und Beliebigkeit nichtssagenden Raum, hätte ich mir gerade von dem phantasiereichen Aeschlimann nicht für möglich gehalten. Ein quadratförmiger Trichter soll Tiefe suggerieren, Bedrohung dräut durch einen Strauß herniederfahrender Stelen, der jeweiligen Situation entsprechend be- oder ausgeleuchtet (Lichtgestaltung: Stefan Schmidt). Viel Raum für eine ausgeklügelte Personenregie bietet das nicht, zumindest gelingen Schmid ein paar nette Tableaus. Hilfreicher waren da schon die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer, die edlen Mattglanz prunkener Renaissancekostüme atmeten, aber seltsam verstaubt wirkten, vom Grauschleier der Zeitläufte überzogen. Ein toller Einfall, der die düstere Stimmung des Stücks wiederspiegelte. Die „Happy few“ im Zuschauerrund spendeten dankbaren Beifall, bleibt zu hoffen, daß sich das Ereignis dieser seltenen Trouvaille durch Mundpropaganda herumspricht, die Aufführung ist es – zumindest was ihre musikalischen Qualitäten betrifft, wert, besucht zu werden.

Dirk Altenaer

 

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