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DORTMUND: ANATEVKA. Premiere

20.10.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Dortmund/ Opernhaus: ANATEVKA. Premiere am 19. Oktober 2013

 Unbenannt
Tamara Weimerich, Ileana Mateescu, Anke Briegel. Foto: Thomas M. Jauk Stage Picture

 Söhne von Getreidehändlern haben manchmal eine künstlerische Ader, so etwa in Deutschland der Kunsthändler Alfred Flechtheim oder, aus der Ukraine stammend, Salomon Rabbinowicz, der zwar durch Fehlspekulationen in den USA 1890 Bankrott machte, unter dem Namen Scholem Alejchem aber ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, der in seinen Romanen und Kurzgeschichten das Leben im osteuropäischen jüdischen Schtetl vor ungefähr 100 Jahren liebe- und verständnisvoll darstellte, einer Lebensform, die dank russischer Vertreibungspolitik Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhundert untergegangen ist. Höchsten Bekanntheitsgrad erreichte sein Roman „Tevje der Milchmann“, weil aus ihm die Handlung des erfolgreichen Musicals „Anatevka – Fiddler on the Roof“ (Fiedler auf dem Dach)entnommen ist. Um ein solches Stück für den Broadway zu verfassen, müssen gleich mehrere Autoren tätig werden, hier Joseph Stein für das Buch, Sheldon Harnick für die Liedtexte und Jerry Bock für die Musik. Am vergangenen Samstag hatte das schon klassische Musical am Opernhaus Dortmund Premiere in der Inszenierung von Johannes Schmid unter der musikalischen Leitung von Philipp Armbruster.

Getreide schien auch für die Bühne eine Rolle zu spielen, denn das Bühnenbild von Michael S. Kraus und Daniel Unger zeigte nicht das enge jiddische Schtetl, sondern eine Hügellandschaft mit Getreidefeldern, war doch die Ukraine zur im Stück dargestellten Zeit die Kornkammer Russlands.. Für die Innenräume senkten sich dann jeweils Trennwände auf die Bühne, etwas schmaler für Tevjes Küche, etwas breiter und tiefer für die Kneipe, wo dann die vielen Mitwirkenden gerade noch ausreichend Platz hatten. Das Bett für Tevjes grosse Traumszene kam dann aus einem der Hügel herausgefahren. Zum Sabbatgebet sah man kitschige Sternchen am Himmel, und zum bitteren Ende schneite es natürlich. Völlig überflüssig war der recht verbrauchte Regieeinfall, nach dem Pogrom, das die Hochzeitsfeier jäh beendete, Scheinwerfer auf das Publikum zu richten.

Ansonsten entsprachen Regie und auch die Kostüme von Stefanie Bruhn genau den Erwartungen, die das Publikum an das osteuropäisch-jüdische Milieu des Musicals stellen mag.

Entscheidend für den Erfolg des Stücks ist der Darsteller des Milchmanns Tevje. Diese Rolle übernahm in Dortmund Publikumsliebling Ks. Hannes Brock, als Tenor in dieser Rolle eher ungewohnt und nicht nur dadurch als Tevje recht jugendlich wirkend. Mit für Operngesang erfahrener Stimme gelangen ihm die teils chromatisch auf- und absteigenden Skalen besonders bei den Fülltönen des Hits „Wenn ich einmal reich wär“ tongenau und geläufig, was natürlich Szenenapplaus hervorrief. Ganz innig und rührend sang er die „Chava Sequenz“ über die an einen Nichtjuden verlorene Tochter. „Andererseits“ hätte man sich den patriarchalischen Familienvater etwas ruhiger, nachdenklicher gewünscht, mußte er doch durch die von den drei ältesten Töchtern ausgewählten ihm zunächst nicht genehmen Ehemänner, bei jedem immer mehr erfahren, daß die zu Beginn vom Chor so mächtig besungene „Tradition“ brüchig wird.

Mit den durch Beleuchtungsänderung (Licht Ralph Jürgens) hervorgehobenen Selbstgesprächen „einerseits – andererseits“ oder im Fall der dritten Tochter Chava „kein andererseits“ sowie den verschmitzten Gesprächen mit seinem Herrgott machte er nachvollziehbar sein Bemühen deutlich, gesellschaftliche Veränderungen zu verstehen. .

Glück hatte Dortmund mit den Darstellerinnen der Damen, alles Opernsängerinnen, was der musikalischen Seite sehr zu Gute kam, im Gegensatz dazu, wenn manchmal in solchen Musicals Schauspieler versuchen zu singen . Zusätzlich spielten und sprachen Ileana Mateescu als Tzeitel, Tamara Weimerich als Hodel und Anke Briegel als Chava ihre Rollen als Liebende sehr eindrucksvoll, wobei Ileana Mateescu auch als heitere Seite des Stücks ihre eigene Großmutter in Tevjes Traum gekonnt spielte. Gruselig-witzig aus der Höhe herabschwebend und zum Schluß ganz „furioso“ singend begeisterte Christine Groeneveld als verstorbene Frau Fruma-Sara des Fleischers Lazar Wolf. Beklemmend gelang Tamara Weimerich das Abschiedslied der Hodel aus der Heimat zum Geliebten ins ferne Sibirien. Auch Gast Ilse Winkler als Tevjes langjährige Ehe- und Hausfrau sang und spielte stimmig, sodass das melancholische Duett der beiden „Liebst Du mich?“ zu einem Höhepunkt des Abends geriet. Auch die drei Ehemänner zeigten sich als gute Sänger und Darsteller. Lucian Krasznec als Mottel glänzte beim Agitato des „Wunder o Wunder“ durch tenorale Stimmbeweglichkeit. Morgan Moody als „socioökonomischer“ Revoluzzer fand trotzdem innige Töne für sein Liebeslied „Jetzt hab ich alles“ Auch alle anderen der über zwanzig Partien waren passend besetzt, wobei Thomas Günzler als Fleischer Lazar Wolf in Stimme und Spiel besonders jiddisch wirkte und Blazej Grek als russischer Vorsänger durch sein Tenorsolo beeindruckte.

Solide wie gewohnt hatte Granville Walker den Chor einstudiert. Das Tanzensemble tanzte als Höhepunkt von Tzeitels Hochzeitsfeier gekonnt den „Flaschentanz“ – sie tanzen mit Flaschen auf den Zylindern, die nicht herunterfallen dürfen.

Philipp Armbruster begleitete mit den Dortmunder Philharmonikern rhythmisch exakt und die verschiedenen Orchesterfarben hervorhebend, etwas mehr klezmerhafte Lockerheit kommt sicher bei weiteren Aufführungen hinzu, ebenso wie kleine Unstimmigkeiten zwischen Orchester und Bühne verschwinden werden. Erwähnenswert waren die Soli einzelner Instrumente, etwa die Flöte als Kontrapunkt zur Geige am Anfang, das Englisch-Horn zur Einleitung des Sabbatgebets, exotisch die Celesta zu „Tevjes Traum“, die Klarinette bei den verschiedenen Hochzeitstänzen und das Akkordeon (Andreas Trenk) etwa bei Hodels Abschiedslied.

Maurice Maurer als zweite Hauptperson, eben der“ Fiedler“, konnte selten auf dem Dach geigen, da es kaum Dächer gab, aber er spielte auch als Silhouette im Hintergrund oder als Tevjes Begleiter im Vordergrund seine Soli melancholisch, ohne in allzu weinerliches Vibrato zu verfallen.

Zum Schluß aus dem heimatlichen Anatevka vertrieben machen alle sich Mut für eine ungewisse Zukunft, ungewiß für alle außer vielleicht Fleischer Lazar Wolf, den man sich in Chicago gut als Inhaber eines Schlachthofs oder Terminhändler mit Schweinebäuchen vorstellen kann, und ausser der buckligen Heiratsvermittlerin Yente (Petra Einhoff als Gast), die dann auch in Israel orthodoxen Juden Ehen vermittelt.

Das Publikum im gutbesuchten Haus applaudierte allen Mitwirkenden herzlich, vor allem Tevje, Golde, Töchtern und Schwiegersöhnen, aber auch dem Leitungsteam.

 Sigi Brockmann

 

 

 

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