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DONNERSTAG, 3. JÄNNER 2019

03.01.2019 | Allgemein, Tageskommentar

In Siegerpose: Andris Nelsons

DER MANN DES TAGES:  ANDRIS NELSONS

Eigentlich sollte noch für lange Zeit Christian Thielemann mit „seinem“ Neujahrskonzert im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen, aber das war „Gestern“, und man interessiert sich bekanntlich nur für das „Morgen“. Und das heißt als Überraschungs-Coup für das nächste Neujahrskonzert Andris Nelsons. Wobei sofort die alte Geschichte aufgewühlt wird, Nelsons habe 2016 in Bayreuth den „Parsifal“ hingeschmissen, weil Thielemann ihn quasi hinausgemobbt habe. Insider wissen es besser, nennen andere Gründe – und alles ist Schnee von gestern. Der Deutsche hat seinen Ruf als „Schwieriger“ so und so weg, und der Lette macht Karriere. Was die Philharmoniker bewogen hat, ihn der „logischen Lösung“ Philippe Jordan vorzuziehen, wissen wohl nur sie selbst, und wie wir alle wissen, ist auch in der Kultur alles Politik…

Hätten die Philharmoniker Jordan eingeladen, bevor er im Herbst 2020 die „Regierung“ übernimmt, wäre man ihm gewissermaßen herzlich entgegen gekommen. So wahrt man elegante Distanz. Es gibt ja noch das Neujahrskonzert 2021. Aber auch das müssen sie entscheiden, bevor er noch da ist… Welche Signale werden da ausgesendet?

Wie dem auch sei, Nelsons – zuletzt 2013 an der Staatsoper und dort kein häufiger Gast – gibt die bewundernden Statements zu den Philharmonikern ab, wie es jeder andere auch in seiner Situation täte, und alle sind’s zufrieden. Wir können gedanklich noch ein bisschen bei Thielemann bleiben, bevor wir uns der Neujahrskonzert-Zukunft zuwenden.


UND WO BLEIBT OFFENBACH?

Manuel Brug schreibt einen Blog in der „Welt“, den Musikfreunde gerne lesen, vielleicht, weil er normalerweise so boshaft ist. In Bezug auf das Neujahrskonzert formuliert er allerdings eine Frage, die sich mancher Musikfreund auch gestellt hat: Wo blieb Offenbach?

Was aber schmerzlich fehlte: keine Note von Jacques Offenbach zu dessen 200. Geburtstag 2019 war zu hören! Immerhin hatte der einst gesagt, wenn er seine Werke wirklich gut aufgeführt haben wolle, dann fahre er nach Wien. Sie wurden hier eigens neu orchestriert, von Nestroy parodiert. Und Wagner stach er aus mit der Hofopernuraufführung der romantischen „Rheinnixen“. Die waren ein Flop, doch seine schönste Melodie daraus rettete er als „Barcarole“ in „Hoffmanns Erzählungen“. Mit Johann Strauß lieferte er sich Walzerduelle („Morgen-“ gegen „Abendblätter“), die Strauß-Dynastie verquirlte viele seiner Melodien zu Potpourris – nichts dabei diesmal…

Mehr ist dazu nicht zu sagen. Aber wer versteht schon alles, was Entscheidungsträger beschließen?

EIN KOMMENDER MANN

Eigentlich ist er ja schon da, der knapp über 40jährige Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada, der Schritt für Schritt seinen Weg „hinauf“ gemacht hat. Wenn er ab 2021 Chefdirigent der Wiener Symphoniker wird, tritt er ja nicht nur in die Fußstapfen seines unmittelbaren Vorgängers Philippe Jordan (um den man in Wien derzeit offenbar nicht herumkommt), sondern auch anderer großkalibriger Herren, die das Orchester schon als Chefs geleitet haben – von Furtwängler über Karajan, Sawallisch und Krips, Giulini und Roschdestwenski, Prêtre und Frühbeck de Burgos, bis Fedossejew und Luisi. Wirklich, die Symphoniker waren immer das „zweite erste Orchester von Wien“.

Und was manchen das Silvesterkonzert der Philharmoniker, ist anderen im Konzerthaus die alljährliche „Neunte“ zum Jahresausklang, die Orozco-Estrada mit großem persönlichem Erfolg dirigierte, obwohl er als Solisten offenbar nicht jenes Spitzenensemble hatte, das man sich für dieses Werk wünschen würde. Aber „Alle Menschen werden Brüder“ stieg wohl wieder als ideale Forderung in unvergleichlichem Beethoven-Klang in den Himmel…

ABSCHIED VON HANS JAHNAS

Unser Mitarbeiter und Freund Hans Jahnas ist am 2. Jänner 2019 verstorben. Wir trauern sehr um den leidenschaftlichen Opernfreund, den ganz, ganz großen Wagnerianer und liebevollen „Merker“-Mitarbeiter. Lesen Sie Näheres im Aktuellen.

Maria und Hans Jahnas, das unzertrennliche Paar, zuletzt noch 2017 bei den Bregenzer Festspielen

NEU IN UNSEREN KRITIKEN

Neu in INTERVIEWS:
Farinelli versus Händel
Ein Gespräch mit Arno Argos Raunig
1.Jänner 2019 (Sieglinde Pfabigan)

Neu im KINO:
COLETTE
Sie war ein knappes Jahrhundert jünger als Mary Shelley, aber die begabte Französin, die sich kurz und schlicht „Colette“ nannte, hatte dieselben Probleme, als Autorin anerkannt zu werden und veröffentlichte ihre ersten Erfolgsromane unter dem Namen ihres ausbeuterischen Ehemannes. Ein wunderschöner „Kostümschinken“ mit der intensiven Keira Knightley zeigt eine klassische weibliche Emanzipationsgeschichte.
Filmstart: 4. Jänner 2019

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Anton Cupak grüßt seine treuen Leser sehr herzlich und marschiert der Besserung zu.
Ich wünsche Ihnen einen schönen, vermutlich verschneiten Tag.
Ihre Renate Wagner

 

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