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DJANGO UNCHAINED

15.01.2013 | Allgemein, FILM/TV

 

Ab 18. Jänner 2013 in den österreichischen Kinos
DJANGO UNCHAINED
USA  /  2013
Drehbuch und Regie: Quentin Tarantino
Mit: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Franco Nero u.a.

Quentin Tarantino mag zu Recht enttäuscht darüber gewesen sein, dass der „Golden Globe“ für die beste Regie an ihm vorbei ging (Steven Spielberg machte allerdings noch ein viel längeres Gesicht), aber er bekam den für das „beste Drehbuch“, und das nicht zu Unrecht. Denn „Django Unchained“ ist absolut kein Film, der – wie ihm der (schwarze) Regisseur Spike Lee vorwarf – die Sklaverei nur als pittoresken und verharmlosenden Hintergrund für einen Spaghetti-Western nimmt, im Gegenteil: Wenn dieser Tarantino-Film das Blut gar nicht soooo ungehemmt und heiter fließen lässt wie es im Nazi-Land der „Inglorious Basterds“ der Fall war, dann aus dem einzigen Grund, weil er die Sklaverei sehr ernst genommen hat. Sie ist sein Hauptthema in diesem Film, und er verkauft es nie. Dass die „Machart Tarentino“ zynischen Humor einschließt (mit einem zur Musik tänzelnden Pferd am Sschluss zum Happyend), das war ja nicht anders zu erwarten.

Ein echter „Spaghetti-Western“ ist es schon deshalb nicht geworden, weil die Geschichte in den Südstaaten spielt und nicht im „Wilden Westen“ und weil man es nicht mit Cowboys zu tun hat, sondern mit reichen Pflanzern und Sklaven. Dazwischen steht wie ein Katalysator eine seltsame Figur, die das Geschehen in Gang bringt. Da kommt ein Mann mit einem grotesken Planwagen, der von einem riesigen Zahn gekrönt ist: Angeblich „The Dentist“, aber Dr. King Schultz (ja, unzweifelhaft ein Deutscher) reist hier unter Deckmantel. Eigentlich ist er Kopfgeldjäger für die Regierung, spürt böse Jungs auf, eliminiert sie praktischerweise gleich und kassiert. Das klingt nach einer unsympathischen Figur, aber Christoph Waltz spielt keinesfalls eine solche. Dr. Schultz mit seinem nüchternen, sachlichen Humor und seinem untrüglichen Gefühl für Anstand ist eine Traumrolle für ihn, die er nicht eine Sekunde in  billige Effekte ausreizt. Wenn da auf den „Golden Globe“ nicht noch der „Oscar“ folgt, trotz Konkurrenz von Robert De Niro, Alan Arkin,  Philip Seymour Hoffman und Tommy Lee Jones, geht es nicht mit rechten Dingen zu.

Als Schultz ein paar fiese Sklavenjäger trifft, die eine Menge Schwarzer in Ketten hinter sich herschleppen, ermöglicht er den Gepeinigten ihre Freiheit. Einen, der recht klug aussieht und sich auskennt, nimmt er mit: Django. Jamie Foxx ist möglicherweise nicht der charismatischste unter den vielen afroamerikanischen Darstellern, die derzeit auf der amerikanischen Filmleinwand erfolgreich sind, aber die Rolle des Mannes, der eigentlich nichts will als seine Frau zu finden, von der man ihn gewaltsam getrennt hat, erfüllt er glaubhaft. Und wenn das Drehbuch später, rund um seine nächste Befreiung, ein bisschen Kindertheater wird – dann glaubt man ihm Kälte, Tricks und Entschlossenheit, das durchzuziehen.

Wenn Django freilich in einer Szene mit dem „echten“ Django von einst an der Bar sitzt und Franco Nero einen kurzen freundlichen Einstand hier gibt (ohne dramaturgischen Zweck außer der kinogeschichtlichen Pointe) – dann vermeint man schon zu spüren, dass der „schwarze Django“ nicht dasselbe Charisma hat wie sein Vorgänger. Aber darauf kommt es ja nicht an.

Denn wirklich interessant wird der Film, der sich lange nur um die köstliche Persönlichkeit dreht, die Waltz zeichnet, als die Handlung erst zu Calvin Candie und dann auf seine Plantage „Candyland“ kommt. Denn Leonardo DiCaprio zeichnet den reichen Südstaatler, der seine Sklaven für Gladiatorenkämpfe mit tödlichem Ende einsetzt (Wetten und Gewinne sind entsprechend hoch), mit einem gnadenlosen Hochmut, mit schrankenloser Brutalität unter scheinbar weltmännischen Umgangsformen, dass die ganze Romantik von „Vom Winde verweht“ mit einem Male weggefegt ist. Bei ihm haben es die Sklaven auch nicht „eigentlich gut“ wie bei Margaret Mitchell meistens. Als man Broomhilda kennenlernt, wird sie nackt aus einer grabartigen Öffnung geholt, in die sie zur Strafe gesteckt wurde…

Diese „Broomhilda“, die Deutsch spricht, ist Djangos Frau – und sie ist die „Wagner-Pointe“ des Films (was aber vermutlich die Europäer mehr amüsiert als die Amerikaner, die Met- und sonstigen Opernbesucher ausgenommen, die wissen, worum es geht): Dr. Schultz erzählt auch in schlichten Worten die Geschichte von Walküre, Wotan und sonstigen Details. Im übrigen aber hat Kerry Washington (die passabel mit Dr. Schultz ein paar deutsche Sätze spricht, was man nur in der Originalfassung richtig genießen kann) bloß eine Mini-Rolle, denn Frauen spielen hier kaum mit. Da gehen die Männer aufeinander los – CiCaprio und Waltz in einem raffinierten Showdown, der wirklich atemberaubend ist.

Dazwischen gibt es auf der Plantage „Candyland“ noch eine Figur, die vermutlich den Protest von Spike Lee (und anderen Afroamerikanern) am meisten entzündet hat: In der Gestalt des schwarzen Majordomus Stephen, den Samuel L. Jackson überwältigend „böse“ spielt, hat „Django Unchained“ einen Renegaten schlimmster Sorte, der von seinesgleichen nur als „Drecksnigger“ spricht und der sich nicht genug verbiegen kann, sich im Anus seines weißen Herren zu winden – bis zum bitteren Ende, wenn es diesen gar nicht mehr gibt: Irgendwann hat dieser Mann angefangen, sich selbst für weiß zu halten…

Nun darf es ja unter den „Opfern“ gewissermaßen keine „Bösen“ geben, was eine lächerliche Forderung ist, denn Verhaltensweisen gleichen sich durch alle Rassen und Hautfarben. Aber offensichtlich hat eine so scharf gezeichnete Figur für die Nachkommen von Sklavengenerationen etwas Erschreckendes und macht ihnen diesen Film bitter. Jackson fand sich auch weder bei den „Globes“ noch beim „Oscar“ nominiert – da wollte niemand Öl ins Feuer gießen…

Wie Broomhilda mit Hilfe von Dr. Schultz mit ihrem Django in den Sonnenuntergang reiten darf, schließt die übliche blutorgienartige Eliminierung von sehr vielen Beteiligten ein, um manche tut es einem leid, um viele nicht. Am wenigsten um Calvin Candie, gerade weil Leonardo DiCaprio so grandios Psychoterror verbreitet, dass das wahre Gänsehautszenen gibt (das geht tiefer als jeder blöde Horrorfilm). Und Tarantino hat das Ganze einfach meisterlich inszeniert. Das ist Western-Geballere mit Intelligenz und nicht unbeträchtlichem Tiefgang – und eine sehr harte, traurige Geschichte über schwarze Sklaven und weiße Herren.

Renate Wagner

 

 

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