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DISCONNECT

29.04.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Disconnect~1

Ab 1. Mai 2014 in den österreichischen Kinos
DISCONNECT
USA  /  2012
Regie: Henry Alex Rubin
Mit: Jason Bateman, Hope Davis, Andrea Riseborough, Jonah Bobo u.a.

Üblicherweise würde ein Film, der zwei Jahre alt ist, bei uns gar nicht mehr in die Kinos kommen – am besten gleich ins Fernsehen. „Disconnect“ erreicht uns trotzdem, und das liegt wohl am Thema. Es ist zwar gewissermaßen selbstverständlich, aber doch so virulent, dass man Interesse dafür voraussetzen kann. Es heißt, in Paraphrase des bekannten „Beware of the Dog“ – „Beware of the Internet“, nimm Dich in Acht, was in der schönen neuen Cyberwelt alles passieren kann. „Be connected“, like and share bis zum Wahnsinn? Bis alles auseinander bricht.

Es ist die Schwäche des Films, dass man es nur zu genau weiß – wie die sozialen Medien mit ihrer Anonymität jede Niederträchtigkeit erlauben und das Mobbing bis zum Untergang der Menschen treiben können (wie viele Teenager-Selbstmorde gab es nicht schon deshalb?); wie sehr man auf seine Daten und Konten aufpassen muss, damit sie nicht plötzlich geplündert sind, nur weil man in Chatrooms Hintertüren ganz naiv offengelassen hat?; und wie die kriminelle Grauzone sich vor allem auf die Welt des Sex erstreckt… Eh schon wissen.

Aber im Sinn eines der typischen Patchwork-Filme erzählt Regisseur Henry Alex Rubin hier zu jedem der drei Themen eine starke Geschichte. Die Verbindung ist nur ganz locker, zwei Männer aus Episode 1 greifen auf 2 und 3 hinüber, in ihrer Eigenschaft als Computerfachmann und Anwalt. Sonst steht jede Story für sich allein. Aber zusammen ergeben sie gewissermaßen die verdichtete Aussage: Beware… Und wenn hier ein wenig an Bewusstmachen erzielt wird, hat der Film als „Lehrstreifen“ schon seinen Zweck erfüllt.

So wirkliches Unterhaltungskino ist es nicht, dazu ist er zu hautnah – auch in seiner Ekelhaftigkeit. Die beiden Teenager etwa, die dann einen Schulkollegen (Jonah Bobo als der klassische Außenseiter, der unglückselig und teilweise unsympathisch und folglich bis in die Fingerspitzen glaubhaft wirkt) bis zum versuchten Selbstmord treiben, indem sie ihm per Facebook eine Freundin vorgaukeln und sich damit gnadenlos über ihn lustig machen, führen sich höchst widerlich ein: Da pinkeln sie doch in irgendwelche Fruchtsaft-Flaschen, stellen sie im Drugstore in den Verkaufsschrank und beobachten, bis jemand sie herausnimmt, trinkt – und ihre Pisse nur angewidert ausspucken kann. Vielleicht soll das Gefühl des Angewidertseins auch gleich von Anfang an beim Zuschauer greifen.

Allerdings wird gerade in dieser Episode ein bisschen zu viel Rührungskino gemacht – wenn dem Vater (Jason Bateman) erst angesichts des komatösen Sohnes im Spital zu Bewusstsein kommt, dass er sich viel zu wenig um seine Familie gekümmert hat… Und wenn er dann bei seiner Recherche tatsächlich auf den (inzwischen reuigen) Übeltäter stößt, der immerhin auf Umwegen fast einen Mord begangen hat, ist ein bisschen viel Verzeihung vorgesehen. Immerhin – die Frage der künstlich-virtuellen Kontakte in einer Welt, in der die „echten“ mehr und mehr absterben, wird hier sehr deutlich.

Episode 2 zeigt ein unglückliches Ehepaar (Paula Patton und Alexander Skarsgard). Die Frau vertraut sich nach dem Tod des Kindes nicht dem versteinerten Gatten, sondern einem Unbekannten im Netz an, und als dann ihre Konten geplündert sind und der Ehemann sich seiner Vergangenheit als Soldat besinnt, dann soll die Entschlossenheit, den Täter aufzuspüren, Krimispannung bringen… Auch hier wird’s ein wenig zu sanft am Ende, aber wie angreifbar wir durch das sind, was wir am Bildschirm preisgeben, wird schrecklich deutlich.

Die interessanteste Episode ist die dritte – eine Journalistin (jene Andrea Riseborough, die einst so brillant Wallis Simpson, die Herzogin von Windsor, gespielt hat), die beim Surfen auf einen Callboy stößt, der vor der Kamera gegen bare Münze alles macht, um seine Kunden aufzugeilen. Als sie hier eine Story wittert, sticht sie nicht nur in ein Wespenest und weckt ungewollt auch das FBI auf, sondern merkt mit ihrer „Rettungsaktion“, die natürlich für sie eine tolle TV-Show sein soll (die Popularität, die man damit gewinnt…!!!), wie entsetzlich schief das geht. Nicht nur, weil hier ja ganz starke kriminelle Institutionen agieren und reagieren, sondern weil der von ihr so bedauerte Jüngling gar nicht „gerettet“ werden will. Dem gefällt, was er macht, und an die Zukunft zu denken, hat er keine Lust… Also weiterhin vor der Kamera die Hosen runterlassen!

Die Stories haben ihre Lücken, aber sie erzählen Geschichten von hier und heute. Und sie haben für jeden etwas, die Teenies, die Eltern, die Leute, die chatten, zocken und Sex schauen… Und alles wird immer gefährlicher. Beware…

Renate Wagner

 

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