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Dietmar Grieser: DAS GIBT’S NUR IN WIEN

17.06.2012 | buch

Dietmar Grieser:
DAS GIBT’S NUR IN WIEN
Eine autobiographische Spurensuche
254 Seiten, Amalthea Verlag 2012 

Dietmar Grieser hat so viele Bücher geschrieben, dass er sie wohl selbst nicht mehr zählen kann, und bereits ein Dutzend Mal stand Wien im Mittelpunkt. Sein jüngstes Werk nennt sich nun „Das gibt’s nur in Wien“ und schon der Untertitel („Eine autobiographische Spurensuche“) verrät es: Noch nie war Grieser einer Autobiographie, auf die seine treuen Leser vermutlich enorm neugierig sind, so nahe.

Freilich erzählt er nicht chronologisch, sondern wie immer  feuilletonistisch, pointiert schwerpunktartig, aber wenn man am Ende angelangt ist, setzt sich schon die Geschichte dieses Dietmar Grieser, die mit seiner neuen Heimatstadt so eng verbunden ist, zusammen. „55 Jahre lebe ich nun in dieser Stadt – das ist kein Lapperl“, wie er so stilsicher im Vorwort schreibt.

Da kam er also aus Hannover nach Wien, pudeljunge 23 Jahre, und landete erst einmal – im Stundenhotel. Das erschien dem ahnungslosen Studenten eine preiswerte Wartestation auf der Suche nach einer eigenen Bleibe, von der er in der Folge einige hatte. Heute ist er ein engagierter Bewohner des Dritten Bezirks, den man (seinen Fans sei es verraten) oft im Café Limbeck neben der Rochuskirche finden kann. Als „Erdberger Spaziergänger“ ist er wohl unerreicht.

Grieser hat von Anfang an das getan, was er als Autor so gut verwerten konnte – wach geschaut, bewusst erlebt, kundig verstanden. Er ist ein großer Schlenderer durch Wien, und alles wird ihm entweder Geschichte (historisch) oder eine Geschichte (gegenwärtig). Allerlei „Promis“ durchschreiten dieses sehr private Werk, aber noch viel mehr die „ganz gewöhnlichen Wiener“, mit denen ein Wiener, wie es Grieser geworden ist, zusammen lebt. Feiert er doch zweimal jährlich Geburtstag: Am 9. März, als er 1934 tatsächlich geboren wurde, und am 23. Oktober, als er 1957 nach Wien übersiedelte, was für ihn eine Art „Neugeburt“ wurde.

Im Gegensatz zu den gebürtigen Wienern, die sich unter Umständen gar nicht um ihre Stadt scheren, weil sie ihnen ohnedies gehört, hat Grieser sich Wien erobert. Die Friedhöfe zuerst (mit dem Friedhof der Namenlosen hat er begonnen, heute kennt er alle), die Kirchen, die Straßen und Gassen (Recherchen, ob die eher reizlose Grießergasse in Altmannsdorf eventuell mit seinen Vorfahren zu tun haben könnten, hat er wieder eingestellt). Er liebt, als längst „echter Wiener“ (der die typischen „Piefke“ mittlerweile auch nicht leiden kann) natürlich die Kaffeehäuser, aber ebenso die Kinos – die ganzen alten, die es noch gibt, zählt er liebevoll auf, ist oft in Nachmittagsvorstellungen der einzige Besucher und wäre am liebsten Filmvorführer geworden. Dann hätte er allerdings, im Zeitalter des digitalen Abspielens, keinen Beruf mehr – da war Schriftsteller schon gescheiter. Das kann man immer, selbst wenn man wie Grieser den Computer verweigert und noch immer mit der Schreibmaschine schreibt. Sagt er jedenfalls auf Seite 166… Er schreibt ja auch noch Briefe.

Man erfährt eine Menge Privates, etwa wie er mit dem in Wien unvermeidlichen Professorentitel umgeht, den er (im Gegensatz zu Hans Weigel) doch nicht verweigert hat. Der Dackel gehört nicht ihm, und, liebe weibliche Fans, der Ehering, den er kurzzeitig trug, gehörte seiner verstorbenen Mutter. Die ängstlichen Fragen, ob er sich verehelicht hätte, wurden darauf so dringlich, dass er ihn wieder ablegte…

Wenn man am Ende des Buches angelangt ist, findet man lange Listen, was der Autor an nunmehr „seiner“ Stadt Wien liebt und was nicht (in sehr vielen Fällen kann man ihm zustimmen). Unter dem, was er mag, notiert er auch die Kaiser-Franz-Joseph-Statue im Burggarten (die kaum jemand kennt, weil der alte Herr da so still und bescheiden und fast versteckt unter den Bäumen steht): Jetzt weiß man auch, warum der tragisch geneigte Kopf dieser Statue das Titelbild ziert…

Renate Wagner

 

 

 

 

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