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DIE VIERTE MACHT

07.03.2012 | FILM/TV

Ab 9. März 2012 in den österreichischen Kinos 
DIE VIERTE MACHT
Regie: Dennis Gansel
Mit: Moritz Bleibtreu, Kasia Smutniak, Rade Serbedzija u.a.

Früher hatte man es im Spannungs-/Action-/Krimi-Film leicht, wie auch kürzlich das Remake von „Dame, König, As, Spion“ zeigte: Die Bösen waren immer die Russen. Es ist leider zu vermuten, dass sie diese Rolle in den westlichen Unterhaltungsmedien wieder mühelos übernehmen können, bedenkt man nur, wie Präsident Putin nach seiner Wahl mit seinen Gegnern umgegangen ist… Dass man als Regimekritiker in Russland nie ruhig schlafen konnte, ist auch die Vorgabe dieses Films, für den Moskau einen eher bedrohlichen Rahmen abgibt. Und was die titelgebende „vierte Macht“ betrifft, als die man ja die Presse bezeichnet, so erweist sie sich im Laufe des Geschehens als weitgehend machtlos. Die Schlusspointe mag Wunschdenken sein…

Wer die Entwicklung Moskaus (von ganz Russland ist da nicht die Rede) in den letzten Jahren verfolgt hat, steht vor einer glitzernden Weltstadt. Grund genug, für den deutschen Gesellschaftsjournalisten Paul Jensen, dort den Job bei der Promi-Illustrierten „Moskau Match“ anzunehmen, für die schon sein verstorbener Vater gearbeitet hat. Und anfangs sieht es auch aus, als gäbe es da nur Party, Party, willige Frauen und eine Redaktion, wo man von ihm süffige Stories zu hübschen Bildchen will.

Aber keine Chance, dass man von einem politischen Alltag unbehelligt bleibt, in dem plötzlich Tote auf der Straße liegen und jeder rasch wegläuft, um ja nichts zu sehen. Nur ein westliches Greenhorn regt sich hier auf– zumal, wenn er in die Kreise von Widerständlern gerät. Die so aussehen wie eine hübsche junge Dame, von der man sich allerdings bald verabschieden muss: Als Opfer eines Terroranschlags kommt sie bei einer Explosion in einer U-Bahn um. Und unser Reporter landet erst einmal als Verdächtiger in einem Gefängnis – nicht in irgendeinem, sondern in einem der schlimmsten, dort, wo echte tschetschenische Widerstandskämpfer ihre eigene Welt inmitten der Gefängniswelt bilden… Und das sind die wirklich harten Jungs.

Regisseur Dennis Gansel, von dem man auf der Leinwand schon widersprüchlich Hochinteressantes (am besten sein „Napola“-Film) gesehen hat, führt den Kinobesucher ganz schön aufs Glatteis – bis man kapiert, dass hier Terroranschläge vorgetäuscht werden, um staatliche Übergriffe wenigstens oberflächlich zu sanktionieren. Die längste Zeit bleibt man begriffsstutzig, was eigentlich vorgeht – zusammen mit Filmhelden Paul Jensen, der von Moritz Bleibtreu entsprechend gespielt wird: ein zunehmend verwirrter, dann fast zermürbter Mann, den die Maschinerie eines Staates zu zermalmen droht, dem man nicht mit den guten, alten Menschenrechten kommen kann… Aber im Grunde ist alles nur eine ganz große Intrige: Der Boss (Rade Serbedzija, neulich für Angelina Jolie der Serben-General) ist ein Mann, der weiß, wie der Hase läuft, nämlich mit dick gefüllten Kuverts – und wahrscheinlich wundert er sich in seiner letzten Lebenssekunde nicht, dass einen in Russland auch die besten Beziehungen nicht davor bewahren, mit einem Auto in die Luft zu gehen. Die Ostblock-Frauen bleiben rätselhaft – ob die attraktive Katja (Kasia Smutniak) Paul wirklich mag oder nur benützt, weiß man nicht so recht, zumindest ist die Dame keinesfalls nur Opfer. Alles geht drunter und drüber, und am Ende ist man heilfroh, dass das Drehbuch Gnade walten und Paul wieder in Berlin ankommen lässt – obwohl man nicht die Hand dafür ins Feuer legen möchte, dass er ein hohes Alter erreicht.

Das ist ein Krimi, der eine unschöne Wirklichkeit auch unschön nachzeichnet, ohne den Glanz, der viele Thriller sonst umgibt, und der Paul Jensen und damit den Zuschauer so lange ins Gefängnis verbannt, dass man meint, im falschen Film zu sein.

Ein Tourismus-Werbefilm für Russland ist das jedenfalls nicht: Irgendwie bekommt man Angst, man könnte auch als völlig unschuldiger Tourist von ein paar Männern in Uniform gepackt und ohne Erklärung hinter Gittern weggesperrt werden. Und dann, wenn man Pech hat, dort verrotten… Zur großen Analyse, was hinter all dem steckt, braucht ein Film wie dieser gar nicht ansetzen: Das ist viel zu komplex und letztendlich auch wieder viel zu simpel, denn die Mechanismen, zu denen gegriffen wird, um Macht und Geld zu akkumulieren, sind überall dieselben. Und nicht nur in Russland gibt es genügend Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken alles entfernen, was dabei stört… Nachdenk-Kino? Eher eine seltsame Mischung aus ein wenig Spannungs-Unterhaltung und viel Betroffenheits-Botschaft, die insofern zu nichts führt, da nichts, was man hier sieht, irgendjemanden überraschen wird. Man wird es auch nicht für unglaubwürdig halten…

Renate Wagner

 

 

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