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DIE MÜHLE UND DAS KREUZ

27.02.2012 | FILM/TV

Ab 2. März 2012 in den österreichischen Kinos
DIE MÜHLE UND DAS KREUZ
The Mill and the Cross  /  Polen, Schweden  /  2011
Regie: Lech Majewski
Mit: Rutger Hauer, Michael York, Charlotte Rampling u.a.

Wäre dieser Film ein Enigma, das Rätsel löste sich erst am Ende. Dann, wenn die Szene abrupt wechselt, vom Flandern des 16. Jahrhunderts ins Wien von heute, und man sich plötzlich im Kunsthistorischen Museum befindet. Dort hängt ein Bild an der Wand, das „Die Kreuztragung Christi“ heißt, gemalt von Pieter Bruegel im Jahr 1564. Was man davor gesehen hat, ist dieses Bild – lebendig geworden unter der genauen und forschenden Hand des polnischen Filmemachers Lech Majewski. Sein Bezug zur Malerei ist verbürgt, hat er doch das Schicksal des Künstlers Basquiat filmisch umgesetzt und schon einmal ein Gemälde (Boschs „Garten der Lüste“) zum Leben erweckt.

Hier hat er sich von dem Werk des englischen Kunsthistorikers Michael Francis Gibson inspirieren lassen, der daran ging, Bruegels Gemälde bis ins kleinste Detail zwischen Buchdeckeln zu interpretieren – rund 500 Figuren, die hier verewigt sind. Das Besondere an dem Werk, das von dem reichen Kaufmann und Kunstsammler Nicolaes Jonghelinck aus Antwerpen in Auftrag gegeben wurde, besteht darin, dass Bruegel das biblische Geschehen nicht ins Heilige Land von anno dazumal versetzte, sondern in das Flandern, in dem er lebte – inklusive den marodierenden spanischen Soldatenhorden, die hier im Auftrag des spanischen Königs das Land besetzt hielten. Sie erscheinen als blutrote Reiter auf dem Gemälde – und verbreiten in der Geschichte, die Lech Majewski erzählt, vermutlich so viel Angst und Schrecken wie einst in der Realität…

Der Regisseur bringt Bruegel selbst ins Geschehen (Rutger Hauer), inmitten seiner Familie, seines Alltags, und die ganze Tragik und Schäbigkeit dieses Zeitalters, dessen Lebensbedingungen wir uns kaum vorstellen können, erwacht. Aber auch der Prunk rund um Jonghelinck (Michael York) wird beschworen, und man begegnet auch jener Frau (Charlotte Rampling), die Bruegel als Modell für die leidende Jungfrau Maria nehmen wird…

Da sind sie nun, die Menschen von damals: Wir erfahren beispielsweise, wie der bedauernswerte Mann, der lebend auf ein Rad geflochten wird, wo ihm die Raben die Augen aushacken, zu seinem Schicksal kommt. Wir sehen das Kreuz, das Christus schleppt, und die Mühle, die hoch auf einem Felsen ruht und das Geschehen überragt. Wir sehen, wie Bruegel seine Menschenmenge für das  Bild arrangiert, und wir erleben die Schicksale einzelner.

Das ist nun kein Unterhaltungsfilm mit einer durchgehenden Handlung, das sind punktuell Streiflichter aus einer Epoche, die der Künstler eingefangen hat – unter dem Vorwand des religiösen Gemäldes ein erschütterndes Abbild seiner Zeit und seiner geplagten Landsleute, als hätte er dies der Nachwelt vermitteln wollen. Die filmische Verlebendigung, für die jegliche Tiefeneffekte der Technik einmal Sinn machen, ist stupend.

Dergleichen möge sich nur jemand geben, der für Geschichte und Kunst gleicherweise etwas übrig hat und bereit ist, sich die Augen öffnen zu lassen für etwas, was uns auf den ersten Blick möglicherweise nichts angeht – aber dank der Machart (von Bruegel und Majewski) quasi in höherem Sinn erschließt.

Renate Wagner

 

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